Lebende Rock-Legenden
John Fogerty: Der Anti-Hippie im Holzfällerhemd

Der amerikanische Sänger und Gitarrist hat mit seiner Band Creedence Clearwater Revival (CCR) in den 60er-Jahren die Formel des Rockhits definiert. Seine Rolle wird immer noch unterschätzt. Jetzt trat er am Festival «Rock the Ring» auf

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John Fogerty spielt am Festival Rock the Ring in Hinwil. (Archiv)

John Fogerty spielt am Festival Rock the Ring in Hinwil. (Archiv)

Keystone/WALTER BIERI

Respekt! Der Mann hat sich prächtig gehalten. Vor 50 Jahren hat John Fogerty mit seiner Band Creedence Clearwater Revival (CCR) die Rockwelt erobert und mit einer Reihe von Songs so etwas wie die Formel für den Rockhit definiert: ein knackiges Gitarren-Riff, zwei Akkorde, eine Ohrwurm-Melodie und eine Mörderstimme. Knapp, kompakt, einfach, direkt und eingängig. Jetzt steht die 72-jährige Legende am Festival Rock the Ring in Hinwil auf der Bühne. Schlank, topfit und immer noch bubenhaft, mit dem obligaten Holzfällerhemd, den Bluejeans und den Cowboystiefeln röhrt er sein «Born On The Bayou». Die Stimme des 72-jährigen ist nicht mehr ganz so kräftig, aber immer noch besser als die der meisten jungen Rocksänger. Erstaunlich!
Die fünfköpfige Band mit Sohn Shane Fogerty (26) an der zweiten Gitarre spielt sich durch das CCR-Repertoire, nimmt gegen Ende des Konzerts noch Fahrt auf und reiht Welthit an Welthit: «Lookin’ Out My Back Door», «Travelin Band», «Hey Tonight», «Have You Ever Seen The Rain», «Down On The Corner», «Old Man Down The Road», «Rockin All Over The World», «Fortunate Son», «Proud Mary» und «Bad Moon Risin». Die Liste ist unvollständig, doch es sind Songs für die Ewigkeit. Songs, die noch heute jedes Kind kennt.

Opfer von gierigen Plattenbossen
CCR wurde damals innert Kürze zur erfolgreichsten Rockband, und als sich die Beatles 1970 auflösten, wurden sie als die logische Nachfolgerband gehandelt. Frontmann und Komponist John Fogerty hatte einfach alles. Wieso zum Kuckuck wird er nicht in einem Atemzug mit anderen prägenden Figuren der Rockmusik wie Mick Jagger, Paul McCartney, Pete Townshend, Bob Dylan oder Brian Wilson genannt? Was ist hier falsch gelaufen?
Der Hauptgrund: CCR und John Fogerty sind Opfer des Musikbusiness, Opfer von gierigen Plattenbossen. Noch vor dem Durchbruch hatte die Band einen Knebelvertrag mit dem Label Fantasy und dem damaligen Besitzer Paul Zaentz abgeschlossen. So flossen die Profite der Welthits dem Plattenboss zu. Ein hässlicher Streit entbrannte. Die Band löste sich auf und aus Frust verschmähte Fogerty siebzehn Jahre lang seine eigenen Songs. Eine der besten Rockstimmen verstummte.

Bodenständiger Traditionalist
John Fogerty war immer anders, scherte sich nie um Trends, sondern ging unbeirrt seinen Weg. Ende der 60er-Jahre, als Hippiebands psychedelische Improvisationsorgien feierten, waren CCR-Songs das exakte Gegenteil. Schnörkellos und auf den Punkt. Da gab es keinen Ton zu viel. Während andere das Gesamtkunstwerk im Konzeptalbum anstrebten, eroberte Fogerty mit Ohrwürmern im Single-Format die Charts. Während sich die Hippies in die Zukunft stürzten, war CRR traditionsbewusst, liebte die Musik aus dem Süden: Rhythm and Blues und Country. Fogerty war auch ein Wegbereiter des Americana.
Mit den Flower-Power-Utopien hatten die bodenständigen Vororts-Rocker nicht viel am Hut. Klar, auch Fogerty engagierte sich gegen Vietnam und schuf mit «Fortunate Son» eine Antikriegs-Hymne. Doch Drogen- und Sexeskapaden gab es nicht.
Der CCR-Auftritt am Woodstock-Festival gehört zu den Kuriositäten der Rockhistorie. Die Band spielte dort tatsächlich, war sogar als Hauptattraktion gebucht, doch niemand merkte es. Denn CCR spielten um 2.30 Uhr vor einer halben Million schlafender Hippies, wie Fogerty auch in Hinwil genüsslich erzählt. Aus Frust über die Bedingungen vor Ort, verweigerte er die Freigabe des Konzertmaterials. Auf der berühmten, ersten Film-Dokumentation fehlten CCR ebenso wie auf der Live-Platte.
John Fogerty glaubte immer an die Werte der unteren Mittelklasse: an ehrliche Arbeit, Fleiss und Rechtschaffenheit. Fogerty war der Anti-Hippie, und Jeans, Holzfällerhemd und Cowboystiefel wurden zur Uniform der rechtschaffenen Rock ’n’ Roller. Bruce Springsteen traf den Nagel auf den Kopf: «In den späten 60er-Jahren waren CCR nicht die hippste Band der Welt, aber die beste.»

Diese Musiker prägten die Pop- und Rockwelt

Die 60er waren entscheidende Jahre für Pop und Rock. Einige der wichtigsten Musiker jener Zeit spielen in diesem Sommer auf Schweizer Konzertbühnen.

Tom Jones (77): Fr 7. Juli Montreux Jazzfestival
Das Magazin «Rolling Stone» nannte Tom Jones «die logische Verbindung zwischen Elvis Presley und Mittelklasse-Pseudo-Sexsymbolen wie Engelbert Humperdinck. Tatsächlich versetzte der stämmige Sänger aus Wales in den 60er-Jahren weibliche Fans in hysterische Verzückung. In der Zeit von 1964 bis 1972 reihte er Hit an Hit. Bereits mit «It’s Not Unusual» landete er 1964 einen Nr. 1-Hit, es sollten weitere folgen: «Green, Green Grass of Home», «Delilah», «Help Yourself» und «She’s a Lady». Dazu sang er die Titelsongs zu Filmen wie «What’s New, Pussycat?» und «Thunderball». Tom Jones hat die Popwelt nicht neu erfunden, dafür war er ein begnadeter Sänger und Interpret, der einfach alles singen konnte. Sensationell ist zum Beispiel ein Duett mit Janis Joplin 1969 («Raise Your Hand» – auf Youtube zu finden), in dem sich beide gegenseitig aufschaukeln und in Ekstase treiben.
Anfang der 1970er Jahre zog er nach Las Vegas, wo er in Clubshows auftrat. Ein erstes Hit-Comeback gelang ihm 1988 mit dem Prince-Song «Kiss» sowie 1999 mit «Sex Bomb». Tom Jones ist gut gealtert und ist mit seinen 77 Jahren immer noch prächtig bei Stimme.

Brian Wilson (75): Di 9. Juli Montreux Jazzfestival
Brian Wilson war 23 Jahre alt als er verkündete, dass er «das grösste Rockalbum aller Zeiten» produzieren wolle. Die Beach Boys waren in jener Zeit die amerikanische Antwort auf die «British Invasion» der Beatles und Stones. Wilson wollte der Welt beweisen, dass er der beste Songwriter seiner Generation ist – und nicht etwa das Komponistenduo Lennon/McCartney.
1966 erschien «Pet Sounds», ein Album, das die Popwelt bis zu jenem Zeitpunkt, Anfang der goldenen Rockära, noch nicht gehört hatte. Mit Streichern, Waldhörnern, Vibrafon, Piccolo, Kirchenorgel und einer Menge von Alltagsgeräten wie klappernden Löffel, Cola-Dosen, Plastikflaschen, Fahrradklingeln, Hupen, Aufnahmen von vorbeifahrenden Zügen und bellenden Hunden erweiterten Wilson und seine Mannen den Klangkosmos der Pop- und Rockmusik. Sie sprengten Konventionen und schufen ein Gesamtkunstwerk und beeindruckendes Konzeptalbum. Rockmusik wurde zur Kunstform erhoben.
Pikant ist, dass die Plattenfirma das Werk zuerst gar nicht herausgeben wollte. Sie bevorzugte den harmlosen Surf Sound, mit dem die Band bekannt wurde. Doch die Beach Boys setzten sich durch und «Pet Sound» wurde nicht nur zu einem der bedeutendsten Werke der Pop- und Rockgeschichte, es war auch kommerziell äussest erfolgreich.
Auch die Beatles waren beeindruckt: «Ich glaube, niemand weiss wirklich was über Musik, solange er dieses Album nicht gehört hat», sagte Beatle Paul McCartney, nahm die Herausforderung der Beach Boys an und setzte noch einen drauf: Ein Jahr später erschien «Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band».
Jetzt, 51 Jahre danach, ist Brian Wilson noch einmal auf Tour und führt sein epochales, monumentales Werk noch einmal lückenlos auf.

Eric Burdon (76): So 3. Sept Riverside Festival Aarburg
Eric Burdon (76) ist beispielhaft für die Veränderungen in der Popwelt vor 50 Jahren. Bekannt geworden ist der britische Sänger der Animals 1964 mit Coverversionen von Rhythm and Blues-Standards wie «House of the Rising Sun». 1966 zog Burdon nach Kalifornien, wo ihn die Hippie-Welle erfasste. Er konsumierte LSD und erweiterte seinen musikalischen Horizont über den Blues hinaus. Am legendären Festival in Monterey präsentierte er zum ersten Mal seine neue Band und seine neuen musikalischen Visionen mit Sitar, elektronischer Violine und psychedelischen Klangeffekten. Mit dem Sound der Animals hatte diese Band nicht mehr viel zu tun. Sie war experimentierfreudig, anspruchsvoller und vielfältiger. «Winds Of Change» war bezeichnenderweise der Titel des Albums, das im September 1967 erschien und zu einem Manifest des neuen Zeitalters wurde.
Eric Burdon ist immer noch unterwegs und immer noch aktiv: Vor vier Jahren veröffentlichte er sein letztes Album «Til Your River Runs Dry».

Rolling Stones: 20. September Letzigrund Stadion Zürich
Nein, es ist noch nicht lange her, seit die Rolling Stones das letzte Mal in der Schweiz waren. Das Konzert vor drei Jahren in Zürich war aber so überraschend frisch, dass wir die alten Herren gerne noch einmal empfangen. Wer weiss schon, wann es das letzte Mal ist. Er sei «sehr aufgeregt, im Herbst durch Europa zu touren» und an einige vertraute Orte zurückzukehren, liess sich Sänger Mick Jagger (73) auf der Band-Homepage zitieren.
Und noch etwas ist besonders: Vor genau 50 Jahren gaben die Stones ihr erstes Konzert in der Schweiz. Es endete in Chaos und die Stones festigten ihr Image als böse Buben des Rock. 50 Jahre und dreizehn Schweizer Konzerte später geht alles gesitteter zu und her. Überraschungen sind nicht zu erwarten. Die Fans können sich auf «eine Musikliste vollgepackt mit Klassikern freuen». Wir hoffen aber doch, dass Mick Jagger seine Bluesharp nach Zürich mitnimmt und den einen oder anderen Blues aus dem aktuellen Album «Blue & Lonesome» spielen wird. (sk)

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