Salzburger «Ehrenstier»
Joachim Rittmeyer gehört nun zu den ganz Grossen des Kabaretts

Der Schweizer Kabarettist Joachim Rittmeyer erhält den Salzburger «Ehrenstier» – und reiht sich unter die Elite der Branche ein.

Drucken
Teilen
Joachim Rittmeyer im Kleintheater Luzern.

Joachim Rittmeyer im Kleintheater Luzern.

Christian Altorfer

Man muss das schon als Adelstitel sehen, den «Ehrenstier» aus Salzburg. Denn mit dieser Auszeichnung wird Joachim Rittmeyer sozusagen Mitglied der kabarettistischen Elite. Gerhard Polt, Dieter Hildebrandt, Franz Hohler, Emil Steinberger, César Keiser haben den Preis schon erhalten – allesamt in einem Alter, deutlich über 60, wo man sagen konnte: Das ist nun die Ehre für das Lebenswerk.

Für Rittmeyer, Jahrgang 1951, gilt dasselbe. Der Bart ist schon lange weg, die Haare grau – und sitzt man in seinen Bühnenprogrammen, so könnte man meinen, er sei ein wenig aus der Zeit gefallen. Jüngeres Publikum sieht man da kaum.

Lehrer war er in jungen Jahren, aber seine schrulligen Bühnenfiguren sind so ziemlich das Gegenteil von lehrerhaft. 21 Programme hat der in St.Gallen geborene, seit vielen Jahren in Basel lebende Künstler schon auf die Bühne gebracht.

Rittmeyer ist ein selten gewordener Meister der Absurditäten. Statt Schenkelklopfen oder prustendes Lachen über Frechheiten und Tabubrüche hört man sich als Zuschauer im Theatersaal eher ein irritiertes «Hä?» oder ein «Was?» sagen.

Der schrullige Wirrkopf lotst leichthändig in Tiefsinniges

Dieser Kabarettist hat einen exklusiven Zugang zu schräger Logik. Schon in seinen ersten Programmen nutzte er dieses Talent für hintersinnig versponnene Wortspiele. Da wurde etwa aus der Primzahl ein «Primsatz», der nur durch sich selbst teilbar ist und dadurch jede unerwünschte Diskussion beendet.

Rittmeyers subtile Kunst geht aber weit darüber hinaus. Erstens, weil er in mehrere Rollen schlüpfen kann und diese sprachlich perfekt ausstattet sowie Lieder mit Vibraphone, in den letzten Jahren dann mit schräg-melancholischem Mini-Akkordeon, singt. Zweitens, weil er in seinen neuen Programmen immer wieder vom Nummern-Kabarett wegkommt und überraschende Dramaturgien, ja kleine Theaterstücke, kreiert.

Im aktuellen Programm «Neue Geheimnische» etwa ist der Bühnen-Rittmeyer wieder der wunderbar schrullige Wirrkopf: herzig, unbeholfen, bieder, zögerlich, gehemmt, verschroben – eine graue Maus, die sich die Welt komplizierter macht, als sie sich ein pragmatisch veranlagter Mensch je machen würde. Seine grotesk-rührenden Verlegenheitslösungen sind dann grosse Kleinkunst.

In «Neue Geheimnische» muss er einen Theaterabend lang einen Komapatienten hüten. Dieser Bauer Zemp wollte bloss den Batteriealarm im Kornfeld überprüfen, liegt seither im Koma, im Feld ist aber nun ein 80 Meter Kornkreis. Wie Rittmeyer die Pressekonferenz nach dem Auffinden des Tiefschläfers mit verschiedenen Rollen spielt, mit Polizist und einem stöhnenden Zemp hinter dem Vorhang, ist wunderbar grotesk.

Dass er dabei leichthändig zum Verschwörungsthema kommt («Bitte halten Sie sich an die Fakten») und diese Fakten dann verkauft, beweist, wie schwerelos dieser Künstler einem mit Absurditäten in den Tiefsinn lotst. Mag sein, dass Rittmeyer aus der Zeit, also dem zeitgeistigen Comedy-Publikumsgeschmack, gefallen ist. Seine besten Nummern aber sind in ihrer liebenswert-skurrilen Absurdität eben auch wie Emil Steinbergers Figuren vor allem eines: zeitlos.