Kult-Duo
«Jo waaa» – Bauchredner-Legende Kliby tritt von der Bühne ab, Caroline macht Ferien

Der Bauchredner und seine Eselpuppe Caroline sind Schweizer Legenden: Ende Jahr will er aufhören. Er ist Kult, ein sympathischer Zeitgenosse und ein absoluter Profi, wie ihn Peach Weber und Marco Knittel beschreiben.

Ida Sandl
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Diese Beiden sind Kult: Bauchredner Kliby und seine vorlaute Caroline.

Diese Beiden sind Kult: Bauchredner Kliby und seine vorlaute Caroline.

Andrea Stalder

Kliby und Caroline wissen, wie man das Publikum erobert. Doch bei den Schoggi-Fabrikanten im Zürcher Hotel Dolder Grand biss der Bauchredner mit seinem Eselmädchen auf Granit. «Lach nicht so laut, es sind noch andere Leute da», ermahnte eine Zuhörerin ihren Mann. Alle im Saal haben es gehört. Ab da wars vorbei. Kliby sitzt am Tisch seiner blitzblanken Wohnküche in Kreuzlingen und schüttelt den Kopf: «Nicht einmal mehr ein Schmunzeln.» Was tut man dann? Einfaches Rezept: «Weitermachen. Durchhalten.»

Seit 50 Jahren steht Urs Kliby auf der Bühne, Ende Jahr soll Schluss sein. Er hat alles erreicht, was man erreichen kann. Der Treppenaufgang seines Hauses ist tapeziert mit Trophäen, 20mal Gold, 12mal Platin und eine Diamantene Schallplatten. Kliby ist eine Schweizer Legende und wahrscheinlich der einzige Bauchredner weltweit, der mit CDs und Platten Geld verdient hat. Paradox. Ein Bauchredner, den man nicht sieht, macht eigentlich keinen Sinn. Bei Kliby und Caroline funktioniert das. «Kliby kann mehrere Generationen mobilisieren», sagt Marco Knittel, ebenfalls Bauchredner, ebenfalls Ostschweizer und ein Freund. Es gibt Grosseltern, die haben Kliby-und-Caroline-Kassetten gekauft und bringen jetzt ihre Enkel mit zur Vorstellung.

Geheiratet haben sie, bevor er berühmt wurde

Am 24. Dezember wird Urs Kliby 70 Jahre alt. Man sieht es ihm nicht an, obwohl er zwei Schlaganfälle, Prostatakrebs und eine Herzoperation überstanden hat. Jetzt will er mehr an sich denken. Die Corona-Zwangspause hat ihm gezeigt, dass es auch anders geht. «Mein Garten sieht jetzt viel schöner aus.» Er deutet auf das Grün vor dem grossen Fenster. «Ich habe sogar ein Kräuterbeet.»

Ernten darf Ehefrau Ruth. Er nennt sie «miin Schatz». Sie waren schon verheiratet als er 1977 beim TV-Quiz «Teleboy» auftrat. Aus lauter Nervosität habe er aus Versehen den Anzug eines Musikers angezogen, statt seines eigenen. Geschadet hat es nicht. Über Nacht waren Kliby und Caroline berühmt. Richtig bewusst wurde ihm das etwa einen Monat später als er an die Olma wollte, wie es sich für einen St.Galler gehört. Nach einer halben Stunde sei er regelrecht geflohen. Der Rummel war selbst ihm zu viel. Die Menschen standen Schlange für Autogramme, die Standbetreiber buhlten um ihn. Nicht einmal die geliebte Brodworschd konnte er in Ruhe essen.

Kliby hatte nie geplant, Profi-Künstler zu werden. Er war glücklich als Zolldeklarant am Schweizer Bahnhof in Konstanz:

Ich hatte einen Super-Job und habe gut verdient».

Die Auftritte waren Hobby. Doch nachdem Kurt Felix ihn zu «Teleboy» geholt hatte, stand er jeden zweiten Abend auf der Bühne. Beides war nicht mehr möglich. Dem Erfolg habe er anfangs noch nicht ganz getraut. Also beantragte er zwei, wenn möglich drei Jahre unbezahlte Ferien. Ansonsten müsse er kündigen. Unbezahlte Ferien, das ginge nicht, schrieb der damalige SBB-Direktor zurück. Er würde Herrn Urs Kliebenschädel, wie er damals noch hiess, aber sofort wieder einstellen, falls es mit der Comedy nicht laufen solle. Doch es lief. Kliby und Caroline füllten Hallen.

Bei den Schallplatten arbeiteten jeweils noch andere Gag-Schreiber mit, auch ein Schulabwart. Der schrieb auf, was er auf den Pausenhöfen gehört hatte. «Es waren die besten Pointen.» Und Carolines berühmtesten Ausspruch «Jo waaa» hat Kliby in der Fernseh-Kantine aufgeschnappt. Er ist nah bei den Menschen, vielleicht ist es das Geheimnis seines Erfolges. Die Erste, der er ein neues Programm vorträgt, ist Ehefrau Ruth. Sie ist auch seine härteste Kritikerin. Wann immer möglich kommt sie mit zu den Auftritten, fährt ihn nachts wieder nach Hause. Als der Sohn noch klein war, nahm Kliby die Familie auf die Kreuzfahrten mit.

Kliby sagt:

Wir waren auf der ganzen Welt.

Einmal war er zusammen mit dem österreichischen Sänger und Schauspieler Peter Kraus gebucht: Silvester in der Karibik. Kraus hatte sich einen Infekt eingefangen und konnte nur noch flüstern. An Singen war nicht zu denken. Also mussten Kliby und Caroline die Gäste Abend für Abend bei Laune halten. Als Kraus wieder auftreten konnte, sangen sie gemeinsam «Ich möchte mit Dir träumen». Caroline übernahm den Part von Conny Froboess. «Die Leute haben getobt», erzählt Kliby und strahlt über beide Ohren. Sie hätten das Duett jeden Abend wiederholen müssen.

Kliby ist bodenständig geblieben, er hat sich eine fast jugendliche Unbeschwertheit bewahrt. Manchmal wirkt es, als staune er selbst, was er alles erreicht hat. Davon hätte er nicht zu träumen gewagt als Stift bei der SBB. Bei einem Lehrlingstreffen holte er sich den ersten Beifall durch ein fiktives Telefongespräch mit seinem Chef. Zum Dank bekam er eine Tageskarte geschenkt. Er fuhr damit von St. Gallen nach Bern, ass im Bahnhofsbuffet einen Wurstsalat und fuhr zurück.

Bauchredner wurde Kliby durch Zufall. Weil der Militärarzt bei der Aushebung feststellte, dass er falsch atme. Er atmet beim Reden ein, wenn andere Menschen ausatmen und umgekehrt. Ein Freund dem er davon erzählt, schenkte ihm daraufhin ein Buch über «Bauchreden».

Den Entschluss aufzuhören hat er ganz allein für sich gefällt

Er habe sich immer auf die Auftritte gefreut, sagt Urs Kliby. Er will die Menschen zum Lachen bringen. Da fällt ihm kein Zacken aus der Krone, wenn sich das in einem Altersheim oder Einkaufszentrum abspielt.

Auf der Bühne bin ich wie in Trance.

Trotzdem will er Ende Jahr aufhören. Den Entschluss habe er vor einem Jahr gefällt. Auf einem Dreitausender im Ötztal während der Jassferien, organisiert von Monika Fasnacht. Er habe sich gedacht, wie schön es sei, einfach Nichts zu tun, nur die Natur geniessen. Den Entscheid habe er ganz alleine für sich gefasst, sagt Kliby und wird für einen Moment ernst. Nicht einmal seiner Ruth hat er davon erzählt.

Nun geht Kliby, der Unermüdliche, also in Pension. Er möchte Städte mit «miin Schatz» ohne Zeitdruck bereisen. Mehr Zeit für Enkelkinder und sich selber haben. Caroline ist eigentlich noch viel zu jung für die Rente. Sie macht jetzt erst mal Ferien im Historischen Museum in Frauenfeld. In der Ausstellung «Thurgauer Köpfe» wird sie nun im Original zu sehen sein. Und eine Ausgabe von Caroline bleibt im Tresor einer Thurgauer Bank verwahrt. Zur Sicherheit.

Von Bauchredner zu Bauchredner: «Kliby ist Kult», sagt Marco Knittel

Bauchredner und Kliby-Freund Marco Knittel.

Bauchredner und Kliby-Freund Marco Knittel.

Hanspeter Schiess

Marco Knittel ist wegen Kliby Bauchredner geworden. Er selber habe das nie auf dem Radar gehabt, sagt der Wiler. Sein Fach seit zwar auch Comedy gewesen, aber zusammen mit einem Partner. Dann sei der Partner ausgestiegen und Knittel fand keinen passenden Ersatz. Kliby, mit dem er damals schon befreundet war, riet ihm, Bauchredner zu werden. «Du bist auf niemand angewiesen, kannst aber mit der Puppe interaktiv agieren.» Heute steht Knittel gleich mit mehreren Puppen auf der Bühne. Knittel sagt:

Kliby und Caroline sind Kult.

Den Erfolg von Kliby erklärt er sich mit einer «sehr ehrlichen Art von Humor». Ausserdem habe Kliby es geschafft, mehrere Generationen von Fans zu mobilisieren. Marco Knittel ist selbst mit Kliby-und-Caroline-Kassetten aufgewachsen. Und obwohl Bauchredner Kliby alles erreicht habe, was es in dem Business zu erreichen gibt, sei er trotzdem absolut bodenständig geblieben.

Er kümmert sich um seine Fans.

«Kliby und Caroline haben eine unglaubliche Karriere hingelegt»

Ebenfalls eine Schweizer Legende: Komiker Peach Weber.

Ebenfalls eine Schweizer Legende: Komiker Peach Weber.

Britta Gut

Komiker Peach Weber ist einer der wenigen, die fast ebenso lange erfolgreich im Show-Geschäft sind wie Kliby. Weber sagt:

Ein sehr sympathischer Zeitgenosse und ein absoluter Profi.

Kliby habe es geschafft, als Bauchredner eine Langspielplatte herauszubringen, die zu den bestverkauften in der Schweiz zählt. «Das ist unglaublich.» Sie hätten beide die besten Zeiten des Tonträgerverkaufs erleben dürfen. Heute sei dieses Business viel schwieriger. Peach Weber und Kliby standen nicht oft zusammen auf der Bühne. Beide seien sie erfolgreich gewesen und damit im Doppelpack zu teuer für viele Veranstalter.

Weber weiss, dass Ehefrau Ruth einen starken Anteil an Klibys Karriere hat: «Sie war ihm immer eine unheimlich wichtige Stütze». Caroline sei ja noch keine 65, sinniert Peach Weber. «Was macht sie in Zukunft?» Sicher werde sie sich nicht einen anderen Bauchredner suchen, aber:

Die Zwei haben eine unglaubliche Karriere hingelegt und den Ruhestand redlich verdient.