Terrace Martin erscheint in der Lobby des Hotels Plaza Montreux. In seiner Hand hält er einen Stick mit seinem Smartphone. «Ich nehme alles auf, alles ist wichtig», sagt er und installiert das Smartphone auf dem Tisch für das Interview. «Sie nehmen mich auf, ich nehme Sie auf, o.k.?» Was er verschweigt: Seine Community ist online auch dabei und gibt während des Interviews Kommentare ab.

Sie kommen aus der Hip-Hop-Gemeinde und spielen Jazz. Was sind Sie? Hip-Hopper oder Jazzer?

Terrace Martin: Weder noch. Ich bin Terrace Martin. Ich bin ein Musiker, der alle Formen der Musik mag. Man kann mich nicht in die eine Schublade stecken. Ich hasse Kategorien. Ich will einfach Musik machen, Kunst, die von Gott kommt und aus dem Ghetto, schwarze Kunst. Ich will die Leute damit füttern.

Haben Sie nicht mit Jazz begonnen?

Nein, Run DMC, Public Enemy, Easy E, Ice Cube und Dr Dre waren meine Helden. Das ist die Musik meiner Jugend, die Musik meiner Generation. Über meine Eltern und die Jazz-Rap-Truppe A Tribe Called Quest habe ich Jazz lieben gelernt. Mein Vater kaufte mir dann ein Saxofon. Ich hörte alles von Death Row (dem Label von Dr Dre) und Bad Boy (dem Label von Puff Daddy) bis Charlie Parker und John Coltrane. Alles auf einmal, alles gleichzeitig.

Was ist für Sie der Unterschied zwischen Hip-Hop und Jazz?

Ich sehe keinen Unterschied, alles kommt vom selben Ort. Vom Ghetto, von schwarzen Gegenden, vom schwarzen Amerika. Von den Strassen mit all den Zuhältern, Schwindlern, Ganoven und Gangstern, verstehen Sie, was ich meine? Wir haben alles in uns: Dr Dre und Duke Ellington, Miles Davis und Snoop Dogg. Saxofon, Mikrofon und Turntable. Alles dasselbe, the same shit!

Die Essenz von Jazz ist die Improvisation. Wird im Hip-Hop auch improvisiert?

Natürlich, denken Sie an all die Freestyler! Improvisation ist überall. (laut) Es ist dasselbe, Mann! Jazz und Hip-Hop – das ist dasselbe. Schwarze Musik, Mann. Du kannst das nicht trennen.

Kennen junge, schwarze Amerikaner überhaupt John Coltrane oder Charlie Parker?

Natürlich kennen wir sie, natürlich hören wir sie. Ich bin Afro-Amerikaner, mein Vater stellte mir Coltrane vor und es ist meine Aufgabe, sein Wort in der Welt zu verbreiten. Das Wort des Ghettos. (leicht genervt) Oh, Mann! (Pause) Aber machen Sie bloss weiter, ich mag das.

Hören die jungen Afro-Amerikaner auch Ihre Musik?

Ja, (spricht Stakkato) meine Leute hören meine Musik.

Glauben Sie nicht, dass Ihre Musik etwas zu intellektuell ist, um bei einer breiten Masse von Afro-Amerikanern anzukommen?

Nein, nein, nein! Sie ist nicht zu intellektuell für Afro-Amerikaner, sie ist höchstens zu intellektuell für euch weisse Motherfucker! Ich bin mit Snoop Dogg aufgewachsen. Wovon sprechen Sie? Das ist unsere Musik, weshalb sollte sie zu intellektuell sein?

Was bedeutet es für Sie, schwarz zu sein?

Schwarz zu sein, ist genial, bestaunenswert, wunderschön. Sie wollen mich beleidigen? Das gelingt Ihnen nicht.

Sie sind aus Los Angeles. Was ist speziell an der Szene dort?

Es ist ein kultureller Schmelztiegel. Es ist das Leben in L.A., das mich inspiriert. Die Menschen im Ghetto, meine Familie, meine Homeboys, meine Freunde im Gefängnis. L.A. ist ein wunderbarer Ort. Aber du musst aufpassen. Schüttle nicht die falschen Hände, sonst wirst du umgebracht.

Eine Frage noch. Kennen Sie europäischen Jazz?

Europäischer Jazz? (Neigt sich zu seinem Smartphone und ruft) What the fuck is european Jazz? Das habe ich noch nie gehört. (Wendet sich zu Robert Glasper, der nebenan ebenfalls ein Interview gibt) Kennst du europäischen Jazz? (beide brechen in schallendes Gelächter aus). Sie verärgern mich die ganze Zeit, aber das ist o.k.

Eine allerletzte Frage: Kennen Sie Jazz aus der Schweiz?

Ich mag Swiss Chocolat und die Schweizer Alpen, ich mag die Schweizer und ich mag Sie. Aber Swiss Jazz?