Jazz
Das Chamäleon: Zum Tod des grossen Pianisten Chick Corea

Der amerikanische Pianist und Keyboarder Chick Corea war der Inbegriff der Vielseitigkeit und brach musikalische Dogmen auf. Jetzt ist er 79-jährig verstorben.

Stefan Künzli
Drucken
Teilen
Der elektrische Chick Corea, 2017 in Polen.

Der elektrische Chick Corea, 2017 in Polen.

Maciej Kulczynski / EPA

«Spiel, was du hörst!» Das war die einzige Anweisung, die Miles Davis dem jungen Chick Corea bei der ersten Probe gab. Die Band ging ab wie die Feuerwehr und der Novize versuchte mitzuhalten. «Chick, du bist ein motherfucker,» sagte Miles nach der Probe. Es war die unnachahmliche Art des Meisters, dem Neuling zu sagen, dass er in der Band willkommen ist. Chick Corea blieb drei Jahre. Es war die Zeit ab 1968, als Miles seine Band stilistisch öffnete und sich den neuen Klängen und Rhythmen des Rock näherte. Mit epochalen Alben wie «Filles de Kilimanjaro», «In A Silent Way» und «Bitches Brew» und Formationen, in denen sich Chick Corea den Part der Tasten mit Koryphäen wie Herbie Hancock, Joe Zawinul, Larry Young und später auch Keith Jarrett teilte. Miles verordnete ihm das E-Piano, Jarrett die Orgel. Während Jarrett die Orgel hasste, wurde das weiche, glockenhafte E-Piano zu einem Markenzeichen von Chick Corea.

Rock und Barock reimt sich bei Corea auf Bartok

Heute wird Corea zuerst mit Jazz Rock in Verbindung gebracht und gilt als einer der Geburtshelfer. Seine Band «Return To Forever» zählt mit «Weather Report», Tony Williams «Lifetime», John McLaughlins «Mahavishnu Orchestra» und Herbie Hancocks Bands zu den wegweisenden Formationen des Jazz Rock. Doch kann man ihn unmöglich darauf reduzieren. Chick Corea war ein musikalisches Chamäleon und der Inbegriff der Vielseitigkeit. Er hat zwar 23 Jazz-Grammys gewonnen, doch bei ihm jazzte es nicht nur. Rock und Barock reimte sich bei ihm auf Bartok - und Monk auf Mozart. Er brach scheinbar Festgefügtes auf und führte zusammen, was lange unvereinbar schien.

Und er liebte die Gegensätze. 1970 zum Beispiel verliess er Miles mit Dave Holland, um «Circle» zu gründen, ein radikales Free Jazz-Quartett mit Schlagzeuger Barry Altschul und Saxofonist Anthony Braxton. Schon ein Jahr später folgte die totale Abkehr mit der Band «Return To Forever». Es wurde seine mit Abstand erfolgreichste Band, die auf bis anhin unerhörte Weise Jazz mit Rock, Soul, Funk sowie lateinamerikanischen und spanischen Elementen verband. Er kontrastierte aber auch Akustisches mit Elektrischem, lyrisch-impressionistische Besinnlichkeit mit hochvirtuoser Protzerei, einfache, fast kindliche Melodien mit vertrackten Rhythmen, reduzierte Arrangements mit kraftvollem Bombast. Alles war möglich, alles hatte Platz.

Chick Corea ist am 12. Juni 1941 in Massachussett als Armando Anthony Corea geboren, Seine Eltern waren italo-hispanischer Herkunft, der Vater ein Jazz-Trompeter, der dem kleinen Chick schon im Alter von vier Jahren die ersten Akkorde beibrachte. «Meine Wurzeln sind italienisch, aber mein Herz gehört Spanien», sagte er und komponiert 1971 «Spain», eine fulminante Liebeserklärung an Spanien, die sich zum Hit entwickelt. Fünf Jahre später folgte mit «My Spanish Heart» der nächste Schritt. Ein Doppelalbum, das den damaligen elektronischen Fusion Jazz mit Flamenco-Elementen, spanisch eingefärbten Melodielinien und lateinamerikanischen Rhythmen kombinierte. «My Spanish Heart» wurde zum Klassiker und zu einem Bestseller, der sich sogar in den amerikanischen Pop-Charts platzieren konnte.

Doch dann wieder der Bruch. Er brach mit dem elektronischen Firlefanz um zum akustischen Klavier zurückzukehren. Chick Corea wurde zu einem Vorreiter des Solo- und Duo-Jazz. Noch vor Keith Jarrett nahm er 1971 beim Münchner ECM-Label «Piano Improvisations, Vol. 1 & 2» auf. Mit dem Vibrafonisten Gary Burton zelebrierte er einen dialogischen Kammerjazz und 1978 ging er mit Herbie Hancock auf Tour und hob die Duo-Kunst in neue Sphären. Das Live-Album «An Evening with Herbie Hancock and Chick Corea» ist eine fulminante Lehrstunde in Sachen Interaktion. Einfallsreich, sprudelnd, witzig und magisch. Corea wurde zu einem Spezialisten des musikalischen Zwiegesprächs und fand im Laufe seiner Karriere verschiedene Duo-Partner wie den Mandolinen-Spieler Bela Fleck, den klassischen Pianisten Friedrich Gulda und später den italienischen Pianisten Stefano Bollani. «Was Interacting mit anderen Musikern betrifft, ist er der Beste», sagte sein langjährigen Musikerkollege, der Bassist Stanley Clarke, über Corea. Ein Lieblingspartner war auch der Sänger Bobby Mc Ferrin. «Wenn wir zusammen arbeiten, gehen wir 100 Prozent auf Risiko. Wir proben nicht, sondern improvisieren von A bis Z,» sagte Corea einst.

Der amerikanische Musiker war ein ebenso hemmungsloser wie furchtloser Eklektiker und Alleskönner, der sich furchtlos auch ins glitschige Terrain des Ungetüms Klassik wagte. Trotzdem war seine musikalische Handschrift in allen Phasen und Stilen sofort erkennbar. Sein prägnanter Anschlag und seine rhythmischen Fertigkeiten waren unerreicht, seine magische Melodik einzigartig.

Umstritten als Mitglied von Scientology

Chick Corea war aber auch umstritten. Wenn auch weniger als Musiker. Als spiritueller Mensch kam er 1970 mit den Schriften von Ron L. Hubbard in Berührung. Was der Guru über die Kommunikation unter den Menschen sagte, inspirierte Corea auch für seine Musik, weshalb er Scientologe wurde. Er missionierte nicht, dankte dem Sektengründer in den 1980er-Jahren aber jeweils auf den Plattencovers für seine Inspiration. Das kam nicht überall gut an. Weil die Scientology Church in Deutschland als «verfassungsfeindlich» angesehen wurde, kam es zu einigen Auftrittsverboten. Als er zum Beispiel 1993 in Stuttgart auftreten wollte, wurde er vom Veranstalter ausgeschlossen, weil die Landesregierung von Baden-Württemberg gedroht hatte, die Subventionen für die Veranstaltung zu streichen. Auch andernorts wurde er gemieden und seine Karriere erhielt einen merklichen Knick. Corea hat nie mit Hubbard gebrochen. Seine Zugehörigkeit zu Scientology konnte man allenfalls in gewissen Stücktiteln oder esoterischen Plattencovers erahnen. Nach einer gewissen Zeit hatte sich die Aufregung gelegt und sein Bekenntnis wurde geduldet.

Seine Leistung als Musiker ist sowieso ergiebiger, relevanter und prägender. Chick Corea bekämpfte mit Erfolg Dogmen und hat im Laufe seiner Karriere grosse, fette Spuren hinterlassen. Als fantastischer Pianist und Improvisator, als Grenzgänger, Grenzüberschreiter und Brückenbauer.