Interview

Jahrhundertdirigent Herbert Blomstedt (93): «Ich kehre am Lucerne Festival zu meinen Wurzeln zurück»

Herbert Blomstedt (93) ist der Doyen unter den Dirigenten. Vor dem Auftritt mit dem Lucerne Festival Orchestra zeigt er viel Humor im Gespräch über dirigierende Halbgötter, eine Beethoven-Chance und das einschneidendste Ereignis in seinem Leben.

Als ich mir ein Youtube-Video von Ihrer Konzerteinführung in der Elbphilharmonie Hamburg anschaute, dachte ich, vielleicht leben Vegetarier doch besser!

Weshalb?

Da singen Sie lange Brucknermelodien und pauken Rhythmen fast wie ein Beatboxer ins Mikrofon. Hängt diese Vitalität mit über 90 Jahren damit zusammen, dass Sie erklärter Vegetarier sind?

Mag sein, dass das etwas hilft, aber viele Menschen ernähren sich ja vegetarisch und werden trotzdem krank. Mein Bruder hatte dieselbe Lebensweise wie ich – er war auch Vegetarier, trank weder Kaffee noch Alkohol und rauchte nicht. Und trotzdem musste er alle Krankheiten der Welt durchmachen. Ich verzichte auf diese Dinge auch nicht nur, weil sie ungesund sind.

Sondern?

Ich brauche sie einfach nicht. Ich bin ein fröhlicher Mensch und brauche zum Beispiel keinen Alkohol, um mir die Zunge zu lockern und dafür Abstriche im Bewusstsein in Kauf zu nehmen (lacht). Weil ich gerne mit und zu Menschen rede, mache ich auch gerne solche Einführungen wie in der Elbphilharmonie. Ich halte dem Publikum ja keine trockenen musikwissenschaftlichen Vorträge. Die Musik erfüllt mein ganzes Wesen. Da kann ich einfach als Musiker aus mir selber schöpfen.

Herbert Blomstedt in seiner Wohnung in Luzern, zwischen Flügel und Büchern.

Herbert Blomstedt in seiner Wohnung in Luzern, zwischen Flügel und Büchern.

Obwohl Sie unglaublich fit wirken, gehören Sie mit 93 Jahren zur Coronarisikogruppe. Wie haben Sie die letzten Monate erlebt?

Mir war klar, dass ich auch wegen gewisser Vorerkrankungen, darunter ein Herzinfarkt vor 16 Jahren, zur Risikogruppe gehöre. Ich verbrachte deshalb vier Monate in Selbstisolation in Luzern und war noch nie in meinem Leben so lang zu Hause. Aber man kann ja fast allem eine positive Seite abgewinnen. Und so habe ich den Lockdown auch als geschenkte Zeit genossen, erst nach etwa drei Monaten wurde es schwierig. Ich studierte Berge von Büchern und Partituren, darunter neun Werke, die ich in den nächsten drei Jahren erstmals dirigieren werde. Und natürlich habe ich mich über Zoom mit meinen vier Kindern ausgetauscht, die in Skandinavien leben, und gab Masterclasses von Wien bis Los Angeles. Alle wussten ja: Jetzt hat er Zeit!

Sie wohnen wie andere berühmte Musiker wie James Galway oder bis vor kurzem Bernard Haitink in Luzern. Besucht sich da die Musikprominenz gegenseitig?

Nein, Bernard Haitink bin ich zwar oft begegnet, aber nur in Flughäfen oder in Hotels im Ausland. Ich wohne ja auch nicht wie die meisten anderen am See, sondern in der Stadt. Ich bin 1986 aus Schweden weggezogen, damit ich mein DDR-Einkommen bei der Staatskapelle Dresden nicht in Schweden versteuern musste – das war ein Tipp der Steuerbehörde! Und nach Luzern kam ich, weil ich mit meinen Orchestern regelmässig an den Musikfestwochen auftrat. Da ich im Jahr höchstens acht Wochen zu Hause bin, sparte ich mir die paar tausend Franken für den Blick auf den See und die Berge (lacht).

© Manuela Jans (15. Juli 2020

Viele Dirigenten sind bis ins hohe Alter aktiv. Hält die Musik jung?

Die Auseinandersetzung mit Musik hält wohl tatsächlich fit. Noch heute lässt mich der Zauber des Klangs erschauern, vor allem, wenn er ganz leise ist. Zudem hat jeder Komponist seine eigene Intelligenz, deren Beziehungsreichtum einen über Jahrzehnte herausfordert. Aber das Wichtigste ist, sich Ruheperioden zu gönnen. Der Samstag zum Beispiel ist für mich eine Art «Sabbat». Da studiere ich keine Partituren und gebe keine Interviews! Ich gehe in die Berge oder mache privat Musik. Ich bin ja Geiger, und wir haben schon in der Familie Kammermusik gemacht. Das war eine Art Gottesdienst, und nicht etwa, weil mein Vater Pastor war (lacht).

In den letzten 100 Jahren haben sich Dirigenten von Pult-Diktatoren zu Teamplayern gewandelt. Haben Sie diese Veränderung auch persönlich mitgemacht?

Ich persönlich habe nie geschrien und war froh, dass sich der Umgang der Dirigenten mit Orchestern seit dem Zweiten Weltkrieg verändert hat. Heute sind Dirigenten gute Musiker, die es mit ihrem Handwerk und ihrer Fantasie verstehen, das Beste aus einem Orchester herauszuholen. Aber vor hundert Jahren wurden Dirigenten als Halbgötter verehrt – deshalb wurde von ihnen autoritäres Gebaren geradezu erwartet, von der Gesellschaft wie von den Musikern. Als Student hörte ich in Stockholm, wie ein Dirigent in Regers Mozart-Variationen ein (Blomstedt schreit das Wort laut heraus:) «Pianissimo!» verlangte, als ob man Stille so herbeischreien könnte. Aber das war vor allem in den Proben so. Toscanini etwa schrie in den Proben und beschimpfte die Musiker sogar als Esel. Aber im Konzert war er ein moderner Dirigent, der mit sparsamen Gesten auskam und mit beiden Füssen auf dem Boden stand.

Dass Dirigenten im Konzert eine Art Show veranstalten, ist also ein jüngeres Phänomen?

Das ist vor allem auch eine Alters- und Typenfrage. Die meisten dirigieren, wenn sie jung sind, mit viel körperlichem Einsatz und tänzerischer Gymnastik. Mit zunehmendem Alter werden die Gesten sparsamer – das war schon bei Gustav Mahler so. Mit zunehmender Erfahrung versteht man eben immer mehr, dass es um geistige und nicht um körperliche Energien geht. Bei Leonard Bernstein gehörte anderseits die exaltierte Gestik einfach zu seinem Temperament. Leider haben das viele nachgeahmt, die diese Persönlichkeit überhaupt nicht hatten. Das konnte ganz furchtbar sein.

Gab es denn unter den legendären Dirigenten, die Sie erlebt haben, Vorbilder für einen, der wie Sie nicht schrie?

Toscanini und Wilhelm Furtwängler, die in den Proben alles, nur sich selber nicht beherrschen wollten, bewunderte ich als Dirigenten bei ihren Auftritten sehr – Furtwängler vielleicht am meisten wegen seiner Klangmagie. Aber ein Vorbild als Dirigent war für mich Bruno Walter, der auch in den Proben sich selber beherrscht hat. In Stockholm bat er einmal den mitwirkenden Laienchor, die Töne doch bitte nicht anzuschleifen, wie das ältere Damen oft machen. Und als das nichts nützte, berief er sich auf immer höhere Instanzen, denen das nicht gefiel – auf Mozart und schliesslich auf Gott. Auch mit Humor kann man Menschen besser motivieren als mit Geschrei.

Welchen Weg zwischen Geschrei und Humor gehen Sie selber als Dirigent?

Ich bin in den Proben eher nüchtern und sage den Musikern, wo sie zu schnell, zu früh oder zu spät waren. Das hilft ihnen am besten. Aber bei meinem Orchester in Kopenhagen habe ich selber erfahren, dass ich damit nicht den Erwartungen entsprach, die man gegenüber dirigentischen Halbgöttern hatte. Als wir Carl Nielsens «Vier Temperamente» spielten, hängten die Musiker im Orchesterfoyer unter der Überschrift «Die vier Temperamente» vier Fotografien von mir an die Wand. Nur zeigten sie keine unterschiedlichen Temperamente, sondern viermal exakt das gleiche Bild von mir (lacht). Unserer Beziehung hat das nicht geschadet, als Gast dirigiere ich das Orchester bis heute.

Am Lucerne Festival dirigieren Sie erstmals das Festivalorchester. Claudio Abbado hatte es gegründet, um in Grossformation Kammermusik zu machen, und dirigierte es nur mit den Augen und dem kleinen Finger, wie Musiker schwärmten. Da kommt Ihre sparsame Gestik gerade richtig?

Ja, ich freue mich sehr auf diese Zusammenarbeit. Mit dem Wandel der Dirigenten haben sich ja auch die Orchester in diese Richtung entwickelt. Das Verhältnis ist demokratischer geworden, die Orchestermusiker sind ja intelligent und spielen, was sie sehen. Sie lesen den Dirigenten. Da ist es unnötig , dass er schon zu Beginn seine Vorstellungen diktiert und als eine Art Dompteur auftritt. In diesem Fall besteht sogar die Gefahr, dass die Musiker abschalten. Das zeigt die Anekdote vom Berliner Philharmoniker, der auf die Frage, was Karajan an diesem Abend dirigiere, meinte, das sei egal. Sie spielten jedenfalls Beethovens Fünfte.

© Manuela Jans (15. Juli 2020

Sie waren Chefdirigent grosser Sinfonieorchester, jetzt dirigieren Sie das Lucerne Festival Orchestra in einer Kleinbesetzung mit 35 Musikern. Ist das coronabedingt eine Chance oder Einschränkung?

Das ist auf jeden Fall auch eine Chance. Die historische Aufführungspraxis hat mich seit meiner Jugend interessiert. Ich studierte zeitweise sogar an der Schola Cantorum in Basel, weil ich mich an deren Gastspielen in Schweden in den vibratolosen Klang der Gamben verliebt hatte.

Aber da ging es um Alte Musik und nicht um Beethoven?

Ja, auch bei mir persönlich stand die Musik Bachs am Anfang. Als ich ein Teenager war, war Bach meine Bibel. Ich lernte sogar das Orgelspiel, weil ich merkte, dass er für die Orgel genau so tolle Musik geschrieben hat wie für die Geige. Und ich habe nächtelang in der Kirche stapelweise Notenhefte von Bach durchgedonnert. Als junger Dirigent interessierte mich dann, wie man die Musik des Barock und der Frühklassik mit Orchester aufführen sollte. Das führte mich nach Basel, später setzte ich diese Erfahrungen mit meinem ersten Orchester in Norrköping um: Es spielte etwa in derselben Besetzung wie jetzt das Festivalorchester. Aber auch bei den grossen Orchestern führte das zu anderen Tempi oder Phrasierungen, wobei diese leider nicht von allen Orchestern gleich willig angenommen werden. Was die Besetzung anbelangt, kehre ich jetzt also quasi zu meinen Wurzeln zurück.

Selbst nach Coronaschutzkonzept wären mehr Musiker auf der Konzertsaalbühne des KKL erlaubt. Wieso also gerade 35?

Weil das ziemlich genau den Vorstellungen von Beethoven für die von uns gespielten Werke entspricht. Beethoven war in diesem Punkt flexibel. 1801 nannte er für seine bis dahin geschriebenen Sinfonien, also auch für die zweite, die wir im ersten Konzert spielen, vier erste Geigen als Minimum. Für die 1824 uraufgeführte neunte Sinfonie wünschte er sich 20 erste Geigen! Die «Eroica», die im zweiten Konzert auf dem Programm steht, führte er im Palast seines Förderers Lobkowitz mit je vier ersten und zweiten Geigen, vier Bratschen, drei Celli und zwei Kontrabässen auf. Mit den Bläsern gibt das dann in etwa unsere 35 Musiker.

Viel diskutiert wird die Frage, wie sich die coronabedingten Abstände unter den Musikern auf den Klang auswirken. Haben Sie damit schon Erfahrungen gemacht?

Ja, vor zwei Wochen mit Konzerten mit den Bamberger Symphonikern. Wegen der Abstände von anderthalb Metern zwischen den Streichern hören die Bläser diese anders und leicht verzögert: Das ist ein Nachteil. Aber dass jeder Streicher an einem eigenen Pult spielt, hat auch Vorteile. Jeder hört nicht vor allem seinen Nachbarn - und damit sich selber und das Ganze besser. Und jeder kann sein Pult so ausrichten, dass er über die Noten hinweg den Dirigenten sieht.

In den letzten 100 Jahren gab es bahnbrechende Entwicklungen von der Mobilität bis zum Handy und Internet. Welche hat Ihr Leben am einschneidendsten verändert?

Das waren nicht technische Errungenschaften, obwohl ich die natürlich wie jetzt die Videotelefonie gerne nutze. Nein, das einschneidendste Ereignis war die Heirat mit meiner Frau! Von da an wusste ich, dass ich mich nicht mehr nur mit mir selber beschäftigen durfte, was bei jungen Musikern und Dirigenten eine grosse Gefahr ist, weil sie so viel lernen müssen. Das wurde mir auch klar, als ich und meine Frau nach der Hochzeit nach Paris fuhren, wo ich Unterricht bei Nadja Boulanger nahm. Sie bestand darauf, dass meine Frau in den Stunden anwesend war, und sagte uns am Schluss: «The most important of all is now: You must have Children!»

Und ein musikalisches Schlüsselerlebnis?

Das war im Sommer 1942 bei meinen Grosseltern auf dem Lande. Ich hörte im Deutschlandfunk die Übertragung eines Konzertes der Staatskapelle Dresden. Das ist das Schönste, was es gibt, dachte ich und war verzaubert. Das Orchester hatte damals noch stärker als heute einen ganz eigenen Klang, der heute bei vielen Orchestern durch die Internationalisierung und den Perfektionsteufel nivelliert wird. Dass ich später die Staatskapelle leiten durfte, war auch deshalb wie die Erfüllung eines Lebenstraums.

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