Kunst

Jahresausstellung im Aargauer Kunsthaus: Weltläufiges aus Aargauer Kunst-Sicht

Die Jahresausstellung der Aargauer Künstlerinnen und Künstler ist aktuell, vielfältig, aber für Heimatkunde ungeeignet.

Es ist schon erstaunlich, wie sich Traditionen im Kunstbetrieb über Jahrzehnte, ja Jahrhunderte halten, sich zwar stetig erneuern – ihre Beliebtheit und Berechtigung aber halten können. Die Rede ist hier von den Jahresausstellungen, den Salons, zu denen die Künstler und Künstlerinnen der Stadt oder Region ihre neuesten Werke bringen, sich einer Jury stellen – und dann auf allen Kanälen proklamieren: «Ich bin dabei, ich würde mich freuen, wenn du/Sie kommen.»

Im Aargau heisst diese Tradition der Weihnachtsausstellung seit einigen Jahren «Auswahl». Zwei Jurys (Aargauer Kuratorium, Leitung Patricia Keller, und Kunsthaus, Leitung Simona Ciuccio) wählen anhand elektronischer Dossiers die Teilnehmer aus. Sonst ist alles gleich geblieben: Der Stolz der Angenommenen wie die Kränkung der (unbekannten) Abgelehnten, der Wirrwarr an Werken, Wiederbegegnungen mit Altbekannten und Newcomer, die ihren Platz erobern. Gleich geblieben ist auch, dass die meisten Werke verkäuflich sind. Das steht heute zwar nicht mehr im Vordergrund der Schau, aber immerhin stehen die Preise in einer Broschüre, die diesmal – aus Spargründen, heisst es – ziemlich lieblos wirkt.

Regional?

An der «Auswahl 18» sind 53 Künstlerinnen, Künstler und Teams mit dabei. 165 hatten sich beworben. Der Titel Auswahl triffts also. Welchen Stellenwert das Aargauer Kunsthaus dieser Regionalen gibt, belegt der Raum, den es ihr zugesteht: zwei volle Stockwerke. Regional ist zudem das Recht zum Mitmachen definiert: Wohnsitz im Kanton oder enger Bezug sind die Kriterien. Aber: Die gezeigte Kunst sieht in Zeiten von Globalisierung und Künstler-Nomadentum auch im Aargau längst nicht mehr regional aus.

Zeigten die Herren Künstler vor 60 Jahren noch ausschliesslich Ansichten aus dem Jura, Porträts hiesiger Grössen oder Städtchen, so findet sich heuer nur in einer einzigen Arbeit explizit und erkennbar ein Bild des Aargaus: Timo Ullmann hat Projektionen von Überwachungskameras in Aarau, Lautsprecher und Wetterbericht zu einer multimedialen Installation verknüpft.

Weltläufig sind die Künstlerinnen und Künstler, international wirkt ihre Kunst – in der Machart oder bei den Themen. Pat Noser hat in einem Wandgemälde «Die Regierung» gemalt. Doch hoppla, sie hat keine Politiker porträtiert, sondern die neuen Weltenherrscher: Mark Zuckerberg, Elon Musk & Co als lächelnde Winnertypen aus dem Silicon Valley.

Zu viel, zu grosser Plastik befand Nici Jost und hat riesige, pinke Plastiksäcke aufgehängt. Dass sie schön wie Abendkleider in einer Boutique wirken, zeigt die Ambivalenz des Problems. Dass aus schneeweissen Gletschern schwarzgraue Eisreste werden: Dafür sorgt in den Bergen die Klimaerwärmung, bei Philipp Hänger werden wir Besucherinnen zu den Beschmutzern.

Von einer Brasilienreise brachte Veronika Spierenberg eindrückliche Architekturbilder zurück, und Sonja Feldmeiers Gitarre mit den Fäden, deren Farbe den Tönen entsprechen, würde sich in New York oder Johannesburg so gut machen wie in Aarau. Jan Hofer gelüstete bei einem London-Aufenthalt in einer Gated Communitiy, einem dieser abgeschlossenen Luxusquartiere, nach Ausbruch. Also lässt er in seinem Video Ingenieure erklären, wie man Tunnel bauen könnte. Eine so surreale wie reale Arbeit, aufgenommen mit einem souveränen Tunnelblick.

Preiswürdig?

Hofer bekommt für diese Arbeit einen Werkbeitrag des Aargauer Kuratoriums (siehe Liste) und hat auch die Jury des Kunsthauses beeindruckt, die ihm ihren Preis zuspricht: Er wird Gast an der «Auswahl 2019». Wie man diesen Auftritt grandios nutzen kann, zeigt der diesjährige Gast: Simone Holliger, die mit ihren monumentalen Plastiken aus Papier (Porträt in der AZ vom Di., 27. 11.) der Star der «Auswahl 18» ist. Dass sie dafür den diesjährigen Förderpreis der NAB bekommt, verwundert also nicht.

Vier Werk- und vier Förderbeiträge verleiht das Aargauer Kuratorium dieses Jahr. 71 Bewerbungen waren eingegangen, lediglich 15 Positionen hat die sehr strenge Jury in die «Auswahl» aufgenommen. Wir kennen aber nur die Ausgezeichneten. Die Beiträge für die komplexen Bildrecherchen und die visuell so überraschenden wie gekonnten Umsetzungen von Esther Hunziker (über Youtuber und Netz-Blogger) und Stefan Wegmüller (Illustration einer Gefühlstheorie mithilfe der Trickfilmserie «My Little Pony») können wir respektvoll schmunzelnd nachvollziehen.

Warum das kleine Ölbildchen von Elena Tamburini aber einen Werkbeitrag bekommt? Es ist weder besonders virtuos gemalt, noch sind Motiv und Ausdruck des Teenagers weltbewegend. Schön, würdigt das Gremium auch traditionellere Werke. Tanja Bykovas Aquarelle von Pärken sind auf schwarz-weiss reduziert, was ihre Aura aber stärkt. Vom Gegensatz von altmodisch wirkender Radierung und liebevoll aufgezeichnetem heutigen Alltag profitieren die kleinen Blätter von Lionel Keller. Ob sie vor hundert Jahren bei einem Salon Chancen gehabt hätten? Möglich. Alt oder gar altertümlich wirken sie nicht.

Auswahl 18 Aargauer Kunsthaus, bis 6. Januar.

Vernissage heute Freitag, 30.11., 18 Uhr.

Die Sendung «Kulturplatz» hat die Jurierung der «Auswahl 18» begleitet. Ausstrahlung SRF 1: 12. 12., 22.25 Uhr.

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