In Umfragen gibt etwa jeder zweite Schweizer an, mehr oder weniger wetterfühlig zu sein. Frauen mehr als Männer, Alte häufiger als Junge. Die meisten klagen über Kopfschmerzen, Erschöpfung und Müdigkeit. Bei manchen schmerzen die Gelenke oder Narben, andere fallen in eine Depression. Aber in der Wissenschaft herrscht keineswegs Einigkeit: Wo die einen Zusammenhänge erkennen, haben andere Zweifel. Ist Wetterfühligkeit Unsinn, reine Einbildung?

Darauf deutet ein Entscheid von Meteo Schweiz hin, die ihre Biowetterprognose eingestellt hat. Der bislang dafür zuständige Meteorologe Thomas Herren räumt im Magazin «Gesundheitstipp» ein, dass man nicht mehr von der Prognose überzeugt sei.

Es mangle an Beweisen. Den Atmosphärenphysiker Hans Richner wundert der Entscheid von Meteo Schweiz nicht. Dass man aufgrund bestimmter Wetterlagen irgendwelche Schmerzen verspüre, dafür gebe es tatsächlich keine wissenschaftlich gesicherten Aussagen.

Seit Jahrzehnten erforscht Richner an der ETH Zürich das Mysterium der Wetterfühligkeit. Die wissenschaftliche Suche nach einer Verbindung zwischen Wetterlagen und Krankheiten war meist erfolglos. Die wenigen positiven Resultate hält Richner für zufällig.

Korrelation lässt sich immer finden

Er selbst hatte versucht, Zusammenhänge zwischen Herzinfarkten und Wettereinflüssen zu finden, und die Daten zu mehr als 39 000 Fällen ausgewertet: Am einen Ort deutete eine bestimmte Wetterlage auf mehr Krankheitsfälle hin, am anderen Ort wurden bei einer identischen Wetterlage aber weniger Fälle registriert. Fazit: Werden die Wetterdaten in Hunderten von Analysen beliebig kombiniert und in Zusammenhang etwa mit Blutdruck oder Herzfrequenz gesetzt, lasse sich eigentlich immer irgendeine positive oder negative Korrelation finden, sagt Richner.

Eine Untersuchung von Schwangeren zeigte beispielsweise einen Zusammenhang zwischen dem Einsetzen von Wehen und Luftdruckschwankungen. Aber: Der Unterschied entsprach dabei wenigen hundert Höhenmetern, die Schwangere in den Alpen und Mittelgebirgen oft mehrmals täglich hoch- und runterfahren, ohne dass ihre Wehen einsetzen. Und sollten angeblich Wetterfühlige in Studien versuchen, einen Wetterwechsel vorauszusagen, lagen sie meist daneben.

Also alles nur Einbildung? Nein, sagt Christina Köppe vom Deutschen Wetterdienst (DWD), der weiterhin eine Biowetterprognose macht. «Viele Menschen leiden stark unter dem Wetter», so die Medizinmeteorologin. Wetterfühligkeit sei bei den meisten keine Glaubenssache. «Für Personen mit hohem Blutdruck bestehen eine schwache Neigung zu Herz-Kreislauf-Beschwerden und ein leicht erhöhtes Risiko bei Angina Pectoris», ist zum Beispiel in einer DWD-Biowetterprognose nachzulesen.

Die Grundlage des Biowetterberichts bilden Studien, die laut DWD «signifikante Zusammenhänge zwischen Wetter und menschlichem Organismus gefunden haben». Demnach ist das Tief meistens schlecht, allerdings mache es für Betroffene einen grossen Unterschied, ob sie sich nun davor, inmitten des Zentrums oder dahinter befinden.

Vor einer Warmfront zum Beispiel könne sich das Wetter ungünstig auf Blutungen, niedrigen Blutdruck und Herz auswirken. Asthmatiker und Menschen mit chronischer Bronchitis sollten das Tief jederzeit fürchten. Hochdruckgebiete hingegen hätten eher günstigen Einfluss auf Patienten mit niedrigem Blutdruck, Herzinsuffizienz und Angina Pectoris, es sei denn, es wird entweder zu heiss, zu kalt oder zu stickig.

Einfluss von Sferics

Viele führen die Wetterbeschwerden auf die Sferics, auch atmosphärische Impulsstrahlung genannt, zurück. Das sind elektromagnetische Wellen, die bei Gewittern entstehen. Sie haben sehr grosse Wellenlängen und sind zum Beispiel beim Radioempfang als Knistern hörbar.

Dass Sferics im Zusammenhang mit dem Wetter stehen, ist unbestritten. Dass sie aber für Kopfschmerzen und Krämpfe verantwortlich sind, ist physikalisch nahezu ausgeschlossen. Ein Mensch ist mit seiner Körpergrösse eine kleine Antenne. Rechnerisch liegen die Feldstärken, denen er durch Sferics ausgesetzt ist, unter 0,1 Volt pro Meter. In seinen Nervenzellen herrschen tausendfach höhere Feldstärken.

Neben den Sferics werden auch niederfrequente Luftdruckschwankungen für die Wetterfühligkeit verantwortlich gemacht. Mitte der 1970er-Jahre zeigten Experimente, dass sich Menschen umso schlechter fühlen, je grösser die Druckschwankungen sind, die durch die Schwerewellen hervorgerufen werden.

Einer der Co-Autoren der Studie war ETH-Mann Hans Richner. «Ich bin selbst mitschuldig, dass sich Biowetteranbieter heute auf Studien wie diese berufen», sagt der Klimaforscher. Dabei habe er immer betont, dass seine Ergebnisse kein Beweis für einen Kausalzusammenhang seien.

In den meisten Fällen sei es schlicht so, dass sich die Menschen bei gutem Wetter einfach besser fühlten als bei schlechtem. «Der Umsatz an Himbeer-Eis und die Häufigkeit von Sonnenbrand korrelieren auch hoch, es würde aber niemandem einfallen, daraus zu folgern, dass man vom Glacegenuss einen Sonnenbrand bekommt», sagt Richner. Biowetterprognosen seien eine unzulässige Vorspiegelung nicht vorhandenen Wissens und damit ein Betrug am Laien.

Christina Koppe vom Deutschen Wetterdienst ist sich der Suggestivwirkung des Biowetters durchaus bewusst. Natürlich werde viel aufs Wetter geschoben, aber für die wirklich Betroffenen sei es eine Hilfe. «Nur weil die Ursache-Wirkung-Zusammenhänge noch nicht überall verstanden sind, heisst das noch nicht, dass es keine Wetterfühligkeit gibt.»