Kultur

Irischer Autor  gibt den Opfern des  Nahostkonflikt ein menschliches Antlitz

Der irische Autor Colum McCann (55): «Wir brauchen eine Parabel für die Wahrheit, eine Metapher dafür, weil wir eine Situation auch durch noch so exakte Beschreibung nicht völlig darstellen können. »

Der irische Autor Colum McCann (55): «Wir brauchen eine Parabel für die Wahrheit, eine Metapher dafür, weil wir eine Situation auch durch noch so exakte Beschreibung nicht völlig darstellen können. »

Tote Töchter, unendliche Trauer. Colum McCann hat einen berührenden Roman über zwei Väter geschrieben, deren Kinder im Nahostkonflikt ihr Leben lassen musste. Es ist sein bisher bestes Buch.

Im Rahmen seines Stücks «Don Juan oder die Liebe zur Geometrie» legte der Schriftsteller und Dramatiker Max Frisch 1953 einer Figur die Wendung «Wahrheit lässt sich nicht zeigen, nur erfinden» in den Mund. Er formulierte damit für sich ein wegweisendes poetologisches Programm, dem er bis zu seinem Tod im Jahr 1991 in all seinen Arbeiten konsequent folgte. «Denn wir brauchen eine Parabel für die Wahrheit, eine Metapher dafür, weil wir eine Situation auch durch noch so exakte Beschreibung nicht völlig darstellen können!», ergänzte er Jahre später in einem Interview.

Gleiches muss sich der irische Schriftsteller Colum McCann, 55, gedacht haben, als er nach seiner Begegnung mit dem Israeli Rami Elhanan und dem Palästinenser Bassam Aramin im Rahmen einer politischen Bildungsreise, die ihn vor einigen Jahren durch Israel und die palästinensischen Gebiete führte, die Idee fasste, aus den Geschichten, die sie ihm erzählten, einen ganz besonderen Roman zu machen, nämlich eine neuzeitliche «Tausendundeine Nacht»-artige Schöpfung, die näher an die darin beschriebenen Wahrheiten heranreicht als alles, was sich faktisch dazu auflisten liesse.

Bassam und Rami berichten ihm jeweils vom Tod ihrer Töchter: Von Smadar, die mit 13 das Opfer eines palästinensischen Selbstmordanschlags wurde, und von Abir, die gerade mal zehnjährig durch das Gummigeschoss eines israelischen Grenzpolizisten getötet wurde. Zwei ebenso traurige wie stellvertretende Fallbeispiele für das, was sich seit einer gefühlten Ewigkeit im Rahmen des sogenannten Nahost-Konflikts ereignet, nämlich: ein nicht enden wollendes Sich-Beschiessen und Beschossenwerden ohne Aussicht auf eine dauerhafte Befriedung des seit 1948 schwelenden Konflikts.

Historisch Verbürgtes, mitreissend erzählt

McCann, der sich mit Romanen wie «Der Himmel unter der Stadt» (1998), «Zoli» (2006) oder «Die Grosse Welt» (2009) ein weltweites Lesepublikum erschrieb, erhielt 2009 den National Book Award für ein Gesamtwerk, das immer neu historisch Verbürgtes in mitreissende Erzählliteratur verwandelt. So auch sein aktueller und zweifellos bester Roman «Apeirogon», der jenem im Grunde gesichtslosen Töten und Getötetwerden im Nahen Osten in Gestalt seiner beiden Protagonisten Rami und Bassam endlich ein Gesicht gibt.

Dabei folgt er formaltechnisch ebenso stringent wie kühn jener aus der Geometrie stammenden Form namens Apeirogon, deren Seiten sowohl zählbar sind als auch gegen unendlich gehen. Und so setzt sich sein kaleidoskopisch arrangiertes Buch aus eintausend mal mehr und mal weniger kurzen, wundersam poetischen Aussagen über seine beiden Protagonisten, ihre Geschichten, ihre Leiden, Hoffnungen und Sehnsüchte zusammen, über die er einen betörenden, aus tausendundeiner Anekdoten zu Israel, Vogelschwärmen, die Liebe, Politik, Literatur oder die Schönheit Palästinas gefertigten Flickenteppich legt.

Ein Traum- und Fantasiebuch

Das Resultat ist ein Traum- und Fantasiebuch, das Seinesgleichen sucht: Poetisch bezaubernd und realistisch zugleich, indem es auf unter die Haut gehende Weise von jenem Schmerz erzählt, der im Nahen Osten so unendlich scheint wie die Seiten eines Apeirogons.

McCann, dieser Zauberer, verdichtet das Ganze am Ende zum mitreissenden Hohelied auf die Freundschaft zweier Männer, die über alle politisch-ideologischen Grenzen und Vorurteile hinweg demonstrieren, wie ein möglicher Frieden zwischen den Kriegsparteien aussehen könnte: Indem sie sich eine neue, ihre Parteien endlich miteinander verbindende Wahrheit (oder Metapher) erfinden, statt weiter waffen- und politikgläubig auf den nackten Worten und Zahlen eines längst sinnlos gewordenen Rechts zu bestehen.

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