INTERVIEW
«Ich hatte Angst vor der Angst»: In «The Scent Of Fear» sucht Regisseurin Mirjam von Arx das grösste aller Urgefühle

Die St.Galler Regisseurin Mirjam von Arx traf für ihren neuen Dokumentarfilm rund um den Globus auf Menschen mit Ängsten. Und den Mut, sich ihnen zu stellen. Der Film kommt diese Woche in die Kinos.

Viola Priss
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Für unseren Fotografen ging die St.Galler Regisseurin Mirjam von Arx auch in den tiefen Wald. Um die Angst zu verstehen, ging sie in ihrem neuen Dokumentarfilm «The scent of fear» noch viel weiter.

Für unseren Fotografen ging die St.Galler Regisseurin Mirjam von Arx auch in den tiefen Wald. Um die Angst zu verstehen, ging sie in ihrem neuen Dokumentarfilm «The scent of fear» noch viel weiter.

Bild: Tobias Garcia

Mit diesem Film erweist sich die Regisseurin Mirjam von Arx wieder als Grenzgängerin: Ein Südkoreaner lässt sich samt Versagensängsten in einem Sarg begraben. In Gossau konfrontiert sich eine Gruppe Phobiker mit lebenden Vogelspinnen, und in ehemaligen Armeebunkern South Dakotas bereiten sich Prepper auf den drohenden Weltuntergang vor.

Frau von Arx, wovor haben Sie selbst am meisten Angst?

Mirjam von Arx: 2016, als die Idee zum Film entstand, hatte ich besonders als werdende Mutter Angst. Plötzlich sah ich mich und meine Familie einer zunehmenden Bedrohung durch Terror ausgesetzt. Anschläge und Amokläufe waren nicht mehr etwas, das weit von mir entfernt geschah, sondern rückten gefühlt immer näher. Ich merkte, wie sehr mich diese Angst und die mediale Angstmacherei zu stressen begann. Irgendwann war ich an einem Punkt, an dem ich wissen wollte: Was passiert hier eigentlich? Ist die Gefahr eines Anschlags real, oder trügt meine Wahrnehmung? Was kann ich dagegen tun, oder soll ich überhaupt etwas dagegen tun? Ich hatte Angst vor der Angst. Das wollte ich ändern.

Sie suchten Menschen auf, die sich ihren Ängsten bewusst ausliefern. Wurden Ihre eigenen Ängste dadurch nicht verstärkt?

Alle Personen in meinem Film begegnen ihren Ängsten bewusst. Sie rennen nicht vor ihnen davon, sie haben lediglich einen Umgang mit ihnen gefunden oder suchen ihn. Das fand ich alles andere als erschreckend. Im Gegenteil. Die Prepper aus den USA, die aus Furcht vor einer Apokalypse in einem Bunker leben, zum Beispiel, schienen mir nicht unglücklich. Wenn sie davon berichten, in welchem Blauton sie die Wände streichen wollen, und mit ihren Campingstühlen vor dem Eingang frühstücken, hat das auch etwas Berührendes. Allerdings kann ich mir persönlich so ein Leben überhaupt nicht vorstellen.

Lässt sich daraus etwas verallgemeinern, haben Sie einen «gemeinsamen Nenner der Angst» gefunden?

Angst bedeutet auch immer, an die Grenze zu gehen. Zum Beispiel die Spinnenphobiker im Walter Zoo in Gossau, die am Anfang eines Seminars nicht einmal ein Foto einer Spinne ertragen konnten, am Ende aber sogar ein echtes Exemplar auf der Hand hielten, wenn auch nur kurz. Das hat mir sehr imponiert. Ich hatte übrigens auch kurz eine Vogelspinne auf der Hand. Spinnen sind jetzt nicht meine grössten Freunde. Aber die dann auf der Hand zu halten, mit ihren samtigen Pfötchen, war ein erstaunlich schönes Gefühl.

In Ihren bisherigen Filmen rütteln Sie immer auch an Tabuthemen. In «Virgin Tales» zeigen Sie etwa die Keuschheit einer evangelikalen Sekte. Tabuisieren wir auch, dass wir Angst haben?

Definitiv. Wir reden Angst schlecht. Verurteilen sie und verbinden sie mit Schwäche, schweigen sie tot. Dabei meint sie es gut mit uns. Sie anzuschauen und zu thematisieren, nimmt ihr das Furchtbare. Als der im Film porträtierte junge Koreaner mit den Versagens- und Todesängsten in der Gruppe über seine Gefühle sprechen konnte, lachte er total befreit. Bis dahin hatte ich ihn nie lachen sehen.

Die befragten Experten setzte der St.Galler Animationskünstler Nino Christen in schwarz-weissen Räumen in Szene. Der Psychologe Peter Schneider etwa sitzt vor einer dampfenden Zigarre im Comic-Aschenbecher. Sollte das die Furchtthematik des Films auflockern?

Nein, mir war wichtig, die befragten Experten klar zu trennen von den porträtierten. Es wäre einfach gewesen, mit einer Bildsprache der Angst zu arbeiten, aufgerissene Augen oder zitternde Geigen, aber das wollte ich nicht. So ist für den Zuschauer die Expertenwelt klar erkennbar und trennbar.

Wonach riecht sie denn nun, die Angst?

Nach mir. Sie stinkt nicht, sie duftet aber auch nicht wie ein künstliches Parfum. Sie hat von allem etwas. Sie riecht einfach menschlich, weil sie das ist.

Sie sagten zu Beginn, Ihre grösste Angst sei eine mütterliche Sorge gewesen. Was sagen Sie Ihren Kindern heute, wenn diese Angst haben?

Auf jeden Fall nicht mehr, dass sie keine Angst zu haben brauchen, denn die ist ja ohnehin da. Das darf und soll auch so sein. Das, was ängstigt, gemeinsam anzuschauen, nimmt der Angst in der Regel ihren Schrecken. Ob bei Kindern oder Erwachsenen. Und ein Ritual habe ich mit ihnen eingeführt. Jeden Abend zählen wir uns drei Dinge auf, die gut waren an dem Tag. Das macht enorm viel aus.

Der junge Koreaner in «The Scent Of Fear» hat Angst vor dem Tod, dem Leben und dem Zeigen von Gefühlen.

Der junge Koreaner in «The Scent Of Fear» hat Angst vor dem Tod, dem Leben und dem Zeigen von Gefühlen.

Bild: Prasensfilm

Zur Person

Mirjam von Arx - Regisseurin
Bild: Tobias Garcia

Mirjam von Arx - Regisseurin

1966 in Weinfelden geboren, beginnt mit dem Roadtripmovie «Bluesiana» 1992 von Arx' Karriere im Filmgeschäft. Erstmals einem Tabuthema widmet sie sich 2007 in der Dokumentation «Sieben Mulde und eine Leiche»: Messies. In der Langzeitstudie «Virgin Tales», begleitet sie zwei Jahre lang eine keusch lebende evangelikale Sekte in den USA. 2010 erhält von Arx die Diagnose Krebs, kurz darauf verstirbt ihr Partner beim Basejumpen. Von Arx verarbeitet ihre persönliche Konfrontation mit Tod, Krankheit und Angst 2014 in dem Dokumentarfilm «Freifall - Eine Liebesgeschichte». Die Dokumentation «The Scent of fear» ist nun auf den Solothurner Filmtagen für den «Prix des soleure» nominiert.