Kino

Internationale Opernstars singen in Schweizer Kinosälen

Live an der Oper – vom Kinosessel aus: Ab dem 16. Oktober können auch in Wohlen elf Opern- und Ballettaufführungen samt Einführung und Interviews in Direktübertragung angeschaut werden. kitag

Live an der Oper – vom Kinosessel aus: Ab dem 16. Oktober können auch in Wohlen elf Opern- und Ballettaufführungen samt Einführung und Interviews in Direktübertragung angeschaut werden. kitag

Mit Live-Übertragungen von Opern und Balletten aus London oder New York suchen Kinos neues Publikum.

Grau behaarte Köpfe wohnen der Live-Übertragung von «Manon Lescaut» aus dem Royal Opera House in einem Basler Kinosaal bei. Auf der Leinwand erscheint ein Moderator, der mit seiner übertrieben guten Laune eher an einen Vertreter erinnert. Seine Sätze schmückt der lässig gekleidete Engländer mit Superlativen. Mehrmals flimmert über den Bildschirm, in wie vielen unzähligen weiteren Kinosälen Menschen weltweit der Live-Übertragung von Puccinis Oper zusehen.

Nicht nur Opern- und Ballettinszenierungen des Royal Opera House werden live in Schweizer Kinos übertragen, auch solche der Metropolitan Opera in New York, des Bollschoi Ballettes in Moskau und Konzerte der Berliner Philharmoniker. Die Aufzeichnungen sind Eigenproduktionen der Opern- und Balletthäuser sowie der Berliner Philharmoniker. Die Metropolitan Opera formuliert die Motivation auf der eigenen Homepage: «Die technischen Entwicklungen der letzten Jahre bieten eine Möglichkeit, durch Neue Medien bisher Uninteressierte für die Oper zu gewinnen.» Tobias Möller, Leiter Marketing und Kommunikation der Berliner Philharmoniker, begründet die Konzertübertragungen ähnlich: «Die Berliner Philharmoniker möchten mit ihrer Musik so viele Menschen wie möglich erreichen.»

Weil die Live-Übertragungen nicht nur ein bereits von der Oper begeistertes Publikum ansprechen sollen, sind sie pädagogisch aufbereitet. Den Zuschauern im Basler Kinosaal erklärte der Moderator voller Enthusiasmus die Entstehungsgeschichte und die Handlung von «Manon Lescaut». Der Vollblut-Regisseur Jonathan Kent und die Weltstars Jonas Kaufmann und Kristine Opolais präsentierten ihre Interpretation von Puccinis Oper. Selbst der Blick ist gesteuert. Die Kamera lenkt mit den Einstellungen die Perspektive auf die Bühne und Darsteller. Anders als beim Publikum in der Oper entsteht beim Kinobesucher wegen der Nahaufnahmen der Eindruck, er befinde sich direkt auf der Bühne.

Hochkultur für Kinogänger

Der Wille zur Popularisierung der Hochkultur durch das Kino ist zwar da, das angestrebte Zielpublikum, die typischen, tendenziell meist jungen Kinogänger aber noch nicht aufgesprungen.

Die Opernhäuser haben nur mässig Erfolg beim Versuch, mit dem Kino ihr Publikum zu verjüngen. Ältere Semester aber nutzen das Angebot. Für die Kinobetreiber Grund zum Jubel. Mit den Live-Übertragungen von Events aus der Hochkultur erreichen sie ein neues Publikum. Die grossen Hollywood-Blockbuster lockten bis anhin nur vereinzelt ältere Menschen in die Multiplexkinos. Oper hingegen schon. Ein weiterer Vorteil: Live-Übertragungen konkurrenzieren nicht mit dem Internet, wo fast alle aktuellen Kinofilme gestreamt werden können. Brian Jones, CEO von Pathé Schweiz, bestätigt den Erfolg: «Besonders die Operninszenierungen laufen sehr gut. Insgesamt 30 000 Leute haben die neun Live-Veranstaltungen aus der Metropolitan Opera mitverfolgt.» Seit dem Jahr 2008 werden in die grossen Kinosäle von Pathé Opern und Ballette aus New York und Moskau, Theateraufführungen aus dem National Theatre in London und Konzerte der Berliner Philharmoniker live übertragen. In sechs Schweizer Städten, darunter Basel, Zürich und Bern, gelangt Oper per Satellit ins Kino. Der zweite grosse Kinokonzern, die kitag ag, ist erst vier Jahre später eingestiegen. Das Angebot beschränkte sich auf Übertragungen aus dem Royal Opera House, wird aber nach dem Sommer um die English National Opera ergänzt. Grund: «Die Tickets für Übertragungen aus dem Royal Opera House waren beliebt und schnell ausverkauft. Die English National Opera nehmen wir neu in unser Programm auf, weil ein Opernliebhaber unseres Teams aufgrund ihres innovativen Stils für sie schwärmt», erzählt Nadine Hasenmeyer aus der Marketingabteilung.

Teure Eintrittskarten

Für die finanziell oft angeschlagenen Kulturhäuser bedeutet der technische Mehraufwand mehr Ausgaben. Die Metropolitan Opera informiert auf ihrer Homepage, dass die Aufzeichnungen teuer seien, und wirbt um Mitglieder, welche bereit sind, das Opernhaus finanziell zu unterstützen. Ähnlich die Situation bei den Berliner Philharmonikern: «Wir sind froh, dass sich unser Kino-Projekt selbst trägt; zusätzliche Einnahmen sind da selten zu verbuchen», erklärt Tobias Möller. Trotzdem sind die Eintrittskarten für eine Opernaufführung im Kino teuer. Beim Kino Ideal in Aarau bezahlt der Besucher 29, beim Pathé 42 Franken. Die Marketingabteilung der kitag rechtfertigt den Ticketpreis von 38 Franken mit einem technischen Extraeinsatz, welchen Live-Übertragungen erfordern, und der Länge der Veranstaltungen, die bis zu sechs Stunden dauern.

Welche Opern im Programm?

Neben Einzeltickets können auch Saisonkarten erworben werden – das Opern-Abo lässt grüssen. Der Besitzer einer Saisonkarte kommt dabei aber nur in Genuss einer Auswahl von Opern- und Ballettaufführungen des Royal Opera Houses oder der Metropolitan Opera. Das Met informiert auf seiner Homepage über den Auswahlprozess. Die Produktionen sollen verschiedene Opernstile und die ganze Bandbreite der Künstler des Opernhauses vorstellen. Nicht unwichtig ist sicherlich auch der Bekanntheitsgrad der Komponisten und der mitwirkenden Sänger, denn damit kann ein breites Publikum angesprochen werden. Ähnliche Auswahlkriterien hat das Arthouse Zürich, das sich nicht auf ein Opernhaus beschränkt. Einmal im Monat werden entweder Aufzeichnungen oder Live-Übertragungen aus verschiedensten Orten wie zum Beispiel der Mailänder Scala oder der Pariser Opéra gezeigt.

Einen Opernbesuch kann die Live-Übertragung nach dem Opernregisseur Jens Neubert aber nicht ersetzen: «Die technische Qualität von Oper im Kino ist wesentlich abhängig von der akustischen Einrichtung ‹Dolby›-zertifizierter Kinos. Selten befolgen diese die gelieferte Norm. Und leider gibt es immer weniger den ambitionierten Filmvorführer, der einen Film individuell für den jeweiligen Raum einpegelt.» Anders beurteilte das Publikum im Basler Kinosaal die Live-Übertragung: Am Ende applaudierten die Opernfreunde lange.

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