Das passiert nur selten: Das Schweizer Kinopublikum kriegt den neuen Hollywoodthriller «Under the Silver Lake» schon jetzt zu sehen – ganze vier Monate vor den Zuschauern in den USA.

Wie kommts? Das zuständige Filmstudio, A24, habe den Film in den USA aus dem Rampenlicht nehmen wollen und den Kinostart deshalb auf April verschoben, heisst es aus Hollywood.

Im Dezember laufen in den US-Kinos traditionellerweise jene Filme an, die sich für die Oscar-Verleihung empfehlen möchten. A24 gewann in den vergangenen Jahren mit Filmen wie «Moonlight» und «Room» mehrere Oscars und rechnete sich mit «Under the Silver Lake» wieder Chancen aus.

Der Trailer von «Under the Silver Lake»

Mit guten Gründen: Der Film schaffte es im letzten Mai als einziger amerikanischer Beitrag in den Wettbewerb von Cannes, Regisseur David Robert Mitchell gilt seit seinem Achtungserfolg «It Follows» (2014) als grosses Talent, und für die Hauptrolle seines neuen Films konnte er mit Andrew Garfield einen Hollywoodstar gewinnen.

Was sollte da schon schiefgehen? So ziemlich alles, wie sich nun herausstellt.

Garfield spielt in «Under the Silver Lake» den arbeitslosen und gelangweilten Kiffer Sam, der sich in seine bildhübsche Nachbarin Sarah (Riley Keogh) verliebt. Als diese eines Tages verschwindet, macht sich Sam Sorgen: Wurde sie entführt, oder gar ermordet?

Alles nur Kiffer-Paranoia?

Wer nun einen spannenden Krimi erwartet, wird enttäuscht. Die Story von «Under the Silver Lake» ist genau so diffus und benebelt wie ihr Protagonist, der sich auf eine skurrile Spurensuche quer durch Los Angeles begibt.

Zwischen versteckten Botschaften in Songtexten, mysteriösen Buchstabenkombinationen auf Cornflakes-Packungen und dem Dunst seiner Joints ist Sam bald einmal überzeugt, dass hinter Sarahs Verschwinden eine grosse Verschwörung stecken muss.

Kiffer-Paranoia, oder ist da tatsächlich was dran?

Sam (Andrew Garfield) verguckt sich in seine Nachbarin Sarah (Riley Keough), doch diese ist plötzlich verschwunden.

Sam (Andrew Garfield) verguckt sich in seine Nachbarin Sarah (Riley Keough), doch diese ist plötzlich verschwunden.

Hauptdarsteller Garfield spielt seine Rolle zwar mit grossartiger Selbstvergessenheit, doch das filmische Rätselraten macht mit fortlaufender Spieldauer immer weniger Spass. Denn «Under the Silver Lake» verliert sich in einer Flut von obskuren popkulturellen Anspielungen.

«Mein Film ist von einer Million anderer Filme inspiriert, von Hitchcock über ‹Mullholland Drive› bis zu einer Vielzahl von Krimis, die ebenfalls in Los Angeles spielen», erzählt Regisseur und Autor Mitchell beim Interviewtermin in Cannes.

Als Zuschauer wird man das Gefühl nicht los, dass man jeden einzelnen dieser Million Filme gesehen haben muss, um «Under the Silver Lake» zu verstehen.

Mitchell zeigt während des Interviews nur wenig Lust, bei der Auflösung der vielen Rätsel in seinem Film mitzuhelfen: «Das ist nicht meine Aufgabe. Aber wer genau hinschaut, kommt dahinter. Wäre es nicht langweilig, wenn ich alles erklären würde?»

Ironischer MeToo-Kommentar?

Mag sein. Langweilig ist allerdings auch sein bekiffter Kommissar, der im Filmverlauf wiederholt auf leicht bekleidete Frauen trifft und vor diesem Hintergrund wie das Hirngespinst eines Pubertierenden wirkt.

Ob das ein ironischer Kommentar zur MeToo-Bewegung sein könnte, lässt sich aus der unüberschaubaren Story kaum erschliessen. Mitchell sagt bloss: «Der Film zeichnet ein dunkles Bild der Menschheit.»

Zu dunkel für die Oscar-Wähler, die den Film erst nach der nächsten Verleihung zu sehen bekommen. Wir Schweizer erfreuen uns unterdessen höchstens an den vielen Sonnenstrahlen auf der Kinoleinwand.