Kunstraum Baden

In «Raumgeschichten» erzählen Kunstschaffende von Städten und Ruinen, Utopien und Albträumen

Malerisch schön, aber albtraumhaft belastet: Das Foto einer Notschlafstelle in der 3D-Umrechnung von Gianluca Trifilo (Teilansicht).

Malerisch schön, aber albtraumhaft belastet: Das Foto einer Notschlafstelle in der 3D-Umrechnung von Gianluca Trifilo (Teilansicht).

«Raumgeschichten» heisst die aktuelle Schau, die heute Freitag im Kunstraum Baden eröffnet wird. Im Raum schichten und bauen die sieben eingeladenen Künstlerinnen und Künstler denn auch ihre Arbeit – und sie erzählen damit Geschichten.

Eine Ausstellung zu machen, heisse für sie nicht einfach Bilder an die Wände zu hängen. Also muss sich Claudia Spinelli für jede Ausstellung im Kunstraum Baden ein neues Konzept ausdenken. Diesmal gibt die Idee gar die Form vor – und auch umgekehrt.

«Raumgeschichten» heisst die aktuelle Schau, die heute Freitag eröffnet wird. Im Raum schichten und bauen die sieben eingeladenen Künstlerinnen und Künstler denn auch ihre Arbeit – und sie erzählen damit Geschichten: über Architektur und Stadt, über Wohnträume und Albtraum-Bleiben, über Raumgeometrie oder wucherndes Gebautes.

Geht es um Raum, verdient die Architektur des Kunstraums Baden selber Aufmerksamkeit. Der toughe Betonbau von 1934 war als Werkstätte für die Regionalwerke konzipiert, langgezogen, mit hohen Fenstern nur auf der einen Seite. Einzig ein schmaler, dunkler Durchschlupf führt vom Foyer in den Ausstellungsraum – eine Situation, die der Aarauer Künstlerin und Architektin Sabine Trüb auffallen musste.

Genüsslich spitzt sie die Enge mit einer Bretterwand zu, zwingt uns zu einem Ausweichmanöver und tröstet uns dabei mit einem fiktiven Ausblick ins Freie, durch einen Vorhang, der unermüdlich im digitalen Wind flattert. Doch wie jedes Ding hat auch ihre Wand eine Rückseite.

Die ist zwar tapeziert, doch der Blümchenzauber ist längst verblasst, statt architektonischer Ornamente erscheinen darauf Ruinen. Doch Trüb hat diese verblätterten Stücke des gehobenen Wohnens wieder zu einem fast romantisch oder barock anmutenden Architekturschmuck collagiert.

Wirklichkeit und Wahrnehmung

«Vier Wände machen einen Raum nicht zur Bleibe», titelt die Künstlerin zu ihrer Installation. Wohnen ist bei Sabine Trüb also ungemütlich – Städtebau beim Badener Fotograf Alex Spichale gar desaströs. Abschrankungen, Einhüllungen oder Sperrzonen in Strassen und vor Garagen lassen die gebaute Umgebung als menschfeindlich, unsinnig oder im besten Fall als geheimnisvoll erscheinen.

Die Kette von orangefarbenen Pylonen vor einem Haus das abgebrochen wird, das optisch ausfranst, nimmt sich in dieser Serie geradezu als hübsches, malerisches Detail aus.

Der Bagger verrichtet sein Werk fast versteckt, auffälliger ist die Reihe der orangefarbenen Pylonen. «Abbruch, Juli 2018» von Alex Spichale.

Der Bagger verrichtet sein Werk fast versteckt, auffälliger ist die Reihe der orangefarbenen Pylonen. «Abbruch, Juli 2018» von Alex Spichale.

Doch wie lässt sich Raum zweidimensional mit welcher Wirkung darstellen? Diese Basics deklinieren Andreas Hofer (Bremgarten), Marius Brühlmeier (Baden) und Boris Rebetez (Basel) durch. Brühlmeier malerisch: Mit schwarzweisen wie farbigen kristallinen Formen erzeugt er dreidimensional wirkende Leinwand- und Wandbilder.

Hofer lässt in einem Video Linien sich zu Flächen und zu Raumillusionen verbinden, Rebetez überlagert Fotoschnipsel zu räumlichen Illusionen. Wirklichkeit und Wahrnehmung erscheinen bei allen drei Künstlern als Konkurrenten.

Vom Stadtraum Kairos liess sich Esther Ernst (Berlin/Basel) drei Monate lang «überschwemmen», wie sie sagt. Auf Hunderten (vielleicht gar 1001) Blättern erzählt Esther Ernst von der Metropole. Zeichnerisch hat sie Tagebuch geführt und Notizbuch um Notizbuch mit Auffälligkeiten und exotischen Alltäglichkeiten und vor allem mit kartografischen Notaten gefüllt.

Fotografien sei verboten, selbst als Zeichnerin sei sie öfter von Polizisten angehalten worden, habe sich erklären müssen, doch bei einem Kaffee habe es stets gut geendet. Nun bilden die Blätter in einer schmalen Gasse im Kunstraum Fensterchen in die Stadt-, Denk- und Erinnerungsräume von Esther Ernst.

Auf unsicherem Boden

Können wir bei all diesen Arbeiten Distanz wahren, geistig oder wortwörtlich einen Schritt zurücktreten, so lässt uns zum Schluss Gianluca Trifilo (Baden) keine andere Wahl, als einzutauchen. Seine dreidimensionale, bewegliche, ja gar schwindlig machende Projektion baut uns Räume auf, die zusammen die bittere Geschichte des Heroin-Missbrauchs dokumentieren.

Vom Pissoir in Zürich über ein Spitalzimmer bis zur Notschlafstelle. Das CAD-Programm lässt die Fotos einerseits in malerischer Schönheit und Unschärfe versinken, andererseits sorgen die Leerstellen für den Eindruck von Zerfall und Schäbigkeit.

Diese ästhetische Wirkung ist nur ein Aspekt dieser Arbeit. Zeigt sie doch exemplarisch, dass öffentliche Räume von gesellschaftlichen Entwicklungen, Befindlichkeitsszenarien und Schwachpunkten erzählen.

Raumgeschichten Kunstraum Baden, bis 3. März 2019. Vernissage: Fr, 2. November, 18.30 Uhr.

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