Es soll immer noch Leute geben, die bezweifeln, dass wir je dort gewesen sind. Ein Mann auf dem Mond, das will nicht so recht in ihre Vorstellung passen. Ehrlicherweise muss man sagen, dass wohl tatsächlich eine ungeheure Vorstellungskraft nötig gewesen ist, um nur schon jene Mission zu wagen, die im berühmtesten Zitat des 20. Jahrhunderts gipfelte:

«Das ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein riesiger Sprung für die Menschheit» – so gesprochen, natürlich, von US-Astronaut Neil Armstrong, als dieser am 20. Juli 1969 als erster Erdbewohner die Mondoberfläche betrat.

Der neue Kinofilm «First Man» erzählt nun von all den kleinen Schritten, die nötig waren, um diesen historischen Moment zu erreichen. Er beginnt 1961, als Neal Armstrong als Pilot einer Testrakete in der Mojave-Wüste notlanden muss, und zeigt in der Folge seinen Aufstieg zum Kommandanten der Apollo-11-Mission acht Jahre später.

Trailer «First Man»

«First Man» ist allerdings alles andere als ein typisches Raumfahrt-Epos mit vielen heldenhaften Szenen. Wofür sich Damien Chazelle, das 33-jährige Regiewunderkind (Oscar für «La La Land»), viel stärker interessiert, ist für den Menschen Neal Armstrong. 

Er zeigt ihn als Mann, den es auch deshalb immer höher hinaus zog, weil er seine irdischen Probleme möglichst weit hinter sich lassen wollte. Als früh im Film seine zweijährige Tochter dem Krebs zum Opfer fällt, verschliesst sich Armstrong zusehends vor seiner Familie. Sein Raumanzug wird zum Panzer.

Hollywoodschauspieler Ryan Gosling, bekannt für seine unerschütterliche Miene, ist die perfekte Besetzung für diese Rolle. Die Kamera bleibt ganz nahe dran, als Gosling und seine Leinwandpartnerin Claire Foy, die Armstrongs Ehefrau Janet spielt, die Familientragödie lautlos aussitzen.

Lautloser Schmerz: Neal und seine Ehefrau Janet Armstrong müssen den Tod ihrer Tochter verkraften.

Lautloser Schmerz: Neal und seine Ehefrau Janet Armstrong müssen den Tod ihrer Tochter verkraften.

Und sie bleibt genau so nahe dran, als sich der wagemutige Pilot hinter das Steuer der Gemini-Rakete setzt und Sekunden vor dem Start nach einem Schweizer Taschenmesser fragt – die Schnalle am Sicherheitsgurt klemmt, Zeit zum Improvisieren.

Festklammern am Kinosessel

Als kurz darauf die riesigen Triebwerke gezündet werden, rüttelt und schüttelt alles mit einer derartigen Gewalt, dass man als Zuschauer das dringende Bedürfnis verspürt, sich am eigenen Kinosessel festzuklammern.

Chazelle verwehrt uns den Aussenblick und bleibt mit seiner Kamera konsequent im Inneren des Cockpits, wo plötzlich jede Schraube und jedes Kabel zum eigentlichen Helden oder Schurken dieses klaustrophobischen, nervenaufreibenden Kinospektakels mutiert.

Klaustrophobisch: Die Kamera bleibt immer im Cockpit und nahe an den Gesichtern.

Klaustrophobisch: Die Kamera bleibt immer im Cockpit und nahe an den Gesichtern.

Die Mondlandung, das macht «First Man» unmissverständlich klar, war alles andere als glamourös, sondern ein schier überwältigender Stress. Und sie forderte viele Opfer.

Zu Beginn ist Armstrong bei der Nasa einer unter Dutzenden Testpiloten. Dass Jahre später ausgerechnet er die Mondmission kommandiert, liegt auch daran, dass die meisten anderen Kandidaten inzwischen bei gefährlichen Tests ums Leben gekommen sind. Im Filmverlauf ist mehr als ein Begräbnis zu sehen.

Von epischer Intimität

So pendelt das beklemmende Drama zwischen Cockpit und Wohnzimmer. Er müsse seinen beiden Söhnen klarmachen, dass er vielleicht nie vom Mond zurückkehren wird, fordert Janet Armstrong von ihrem Mann. Doch er findet kaum Worte für das, was noch nie ein Mensch vollbracht hat.

Mit «First Man» gelingt Damien Chazelle ein Film von – man muss es so sagen – epischer Intimität. So nahe sind wir dem grössten Abenteuer der Menschheit noch nie gekommen.