Die Botschaft ist von Anfang an klar: Der Mensch hat keine Zeit. Er ist gefangen in seiner Tätigkeit, abhängig von Dingen, die er nicht beeinflussen kann, hin- und hergerissen zwischen Familie und Arbeit; und unfähig, irgendetwas daran zu ändern. Dies ist die Ausgangslage für das Stück «Zersplittert» der Rumänin Alexandra Badea, das am Mittwoch in der Tuchlaube die Schweizer Uraufführung feierte.

Ein Spiegel der Gegenwart

«Zersplittert» ist ein Dokument unserer Zeit: Wie die Kameras, die die Ingenieurin (Marianne Hamre) zu Hause installiert hat, um ihre Babysitterin zu überwachen, beobachtet die Autorin vier unterschiedliche Menschen, die alle Teil desselben globalen Arbeitsprozesses sind. Dabei greift sie jede Geste und jede Eigenheit der Figuren auf, um sie gnadenlos an den Pranger zu stellen.

Dabei geht es auch schon mal grob zu und her: Die Protagonisten haben «ein Lächeln auf der Fresse», «einen Steifen» und «ficken» zweimal im Monat für ein paar tausend Francs; denn für den Teamleiter in einem Call Center (Herwig Ursin) gibt es neben den Prostituierten nur wenig Erfreuliches im Leben.

Das Bühnenbild ist von einer frappierenden Künstlichkeit: Die künstlichen Blumen am Bühnenrand, der Boden aus Styropor, der unangenehm knirscht bei jeder Bewegung der Schauspieler. Die fein säuberlich geordneten Energie-Riegel, Zahnbürsten und Feuchttücher, die steril abgepackt an der Wand hängen. Die farblosen Stühle, die Plastikbecher; nichts bleibt verschont von der Sucht nach Einheit, Ordnung und Massentauglichkeit.

Einsicht nach dem zweiten Blick

Doch das sind Oberflächlichkeiten. Sie nehmen einen aber so sehr ein, dass man als Zuschauer erst nach einiger Zeit bemerkt, was wirklich vor sich geht auf der Bühne: Nicht nur ist das Stück ein Spiegel unserer Zeit, auch sind die Figuren ein Spiegel unserer selbst; mit ihrer Selbstbeschönigung, ihrem Wegschauen, ihrem Unterdrücken jeglicher Individualität zeigen sie exemplarisch auf, was verloren geht in einer Gesellschaft, in der alles reguliert und dabei nichts wirklich transparent ist. Und während die Situationen selbst fiktiv und zugespitzt sind, sind die Reaktionen und Folgen so realitätsnah, dass man nach jedem Lacher schuldbewusst erstarrt und sich fragt: Wann wird mir das passieren?

Von witzig zu aberwitzig

Die Lacher ernten dabei die Nebensächlichkeiten. «Unser Ziel heisst: Exzellenz!», wiederholen die vier wie ein Mantra, «Wie gehts dir, kleiner Räuber?», fragt der Head of Quality (Ingo Ospelt) seinen Sohn per Skype, während sich im andern Internetfenster seine Chat-Bekanntschaft vor der Kamera auszieht.

Die Schicksale sind gleichermassen abstrakt wie beispielhaft. Unter dem Druck der beständig rückwärtszählenden Uhr liefern die Schauspieler ab, was sie abzuliefern haben, gerade so, als stünden sie nicht auf der Bühne, sondern warteten auf den nächsten Termin: «Die Zeit rennt und du muss sie aufholen.» Schliesslich endet alles in seinem eigenen Gegenpol: Das Streben nach Verbesserung endet in einem fatalen Scheitern, wie sich die Fliessbandarbeiterin (Silke Geertz) erinnert: Ihr Geliebter kann der Förderband-Arbeit nicht schnell genug nachkommen – und nimmt sich das Leben.

Das Streben nach mehr endet in einer Leere, wenn der Head of Quality erkennt, dass er immer alleine ist, obwohl am Bildschirm zwei Leute gleichzeitig auf ihn einreden.

Das Streben nach Beschleunigung endet im Erstarren: Zuerst im Burnout, im Aufgeben, im Innehalten; und dann in der Einsicht, dass es genau so weitergehen wird. Und die erbarmungslose Uhr im Hintergrund beginnt schon wieder zu ticken, als der Applaus noch anhält.

Theater Marie «Zersplittert», Tuchlaube Aarau, Sa und Di 20 und 23.2, 20.15 Uhr,
So 21.2, 17 Uhr.