«So friedlich und ruhig; solche Massen ohne Securitas unterwegs in ein Stadion, unglaublich. Und der Gesang dort – ich kam so beglückt heim. Es war grandios!», erinnern sich nach der Singwoche Mitglieder des Chors Interkultur (choRinteRkultuR). Sie haben die grandiose Schlussnacht des Gesangs- und Tanzfestivals miterlebt, das Riga alle fünf Jahre eine Woche lang in Atem, oder besser in einer Gesangswolke hält.

Unbedingt dabei sein wollte der Musiker und Chordirigent Fortunat Frölich (Chur und Zürich), der auf der Meža- park-Freilichtbühne beim Schlusskonzert die lettischen Lieder selbst mitgesungen hat: «Da kommen 18 000 bestvorbereitete Sängerinnen und Sänger zusammen und proben konzentriert bis zu zehn Stunden am Tag. Und der Klang dieses Riesenchors stellt dir die Nackenhaare auf ...» Er habe schon mehrfach versucht, an einem baltischen Chorfest teilzunehmen. Sein Traum wurde wahr, als ihn der Lettische Chor Zürich Balts zum Joint Venture für die Reise bat.

Immaterielles Kulturerbe

Während der Chorleiter irgendwo auf der Tribüne singt, sitzen seine Soprane und Tenöre, Altistinnen und Bässe mit bester Sicht auf das Geschehen beim 40 000-köpfigen Publikum und geniessen die zeremoniellen Teile des Fests, welches zum immateriallen Kulturerbe der Unesco zählt: Ansprachen des lettischen Präsidenten und der Kulturministerin, Fahnenweihe, Nationalhymne ...

Patriotismus ist angesichts der jüngeren Geschichte Lettlands verständlich. Etwas später die Ehrung einer ganzen Reihe alter und uralter Chorleiter und einer ebenso bejahrten Dirigentin, die im fliegenden Wechsel je eine Lied-Zeile mit unglaublichem Elan dirigieren, obwohl etliche von ihnen das Podest nur mit Hilfe besteigen konnten. Danach folgt stundenlang Lied um Lied aus zahllosen Kehlen, uralte Volkslieder, zeitgenössische Kompositionen, teils eingängig, teils schwierig, teils von bekannten Solisten, auch Popsängern performt oder von Tänzen begleitet, sodass man in einem wohligweichen Klangteppich versinkt.

Lettland hat zwei Millionen Einwohner, die Hälfte davon Sängerinnen und Sänger, heisst es. Lettland ist – wie die anderen baltischen Staaten – seit 1918, also 100 Jahren, ein freier Staat, wenn auch immer wieder besetztes Land. Noch ein Grund zum Feiern. Die letzte Befreiung, die Singende Revolution von 1991, forderte leider auch Todesopfer.

Ohne die über Jahrhunderte tradierten Lieder – in der 2014 eingeweihten neuen Nationalbibliothek hat der Schrank mit den Dainas, den gesammelten Liedern, einen Ehrenplatz –, hätten die Letten ihre Identität nicht bewahren können, erzählt die Direktorin den Schweizern bei einem kleinen Empfang. Zum Dank bekommt sie von uns einen im Patois vorgetragenen Ranz des vaches zu hören. Als der Chor dann aber «Neba maize pate nāca» (Lied übers tägliche Brot) anstimmt, fallen rundum auf allen Galerien begeisterte Mitarbeiterinnen und Besucher in den Gesang ein.

Tags davor sangen wir, zusammen mit dem Lettischen Chor Balts aus Zürich und verstärkt durch Sola, einen der besten Chöre in Riga, unser Konzert mit Schweizer und lettischen Liedern. Die Hauptprobe war demoralisierend, weil die Hälfte der Mitglieder im Zurich Airport wegen Motorschadens der Air Baltic gestrandet war, aber sich mit «Chara Lingua della Mamma» sogleich die Laune verbesserte. Eine weitere Probe am Konzerttag beflügelt. Sogar das von Anita Mieze, Lettin in Basel, extra für uns komponierte zweisprachige Lied «Kluset un duset» (Stumm sein und schlummern) singen wir stolz vor vollem Saal.

In der Tracht

Lettische Chöre treten in Tracht auf. Der Chor Interkultur eigentlich in Schwarz, aber Trachten sind genehm. «Ich bin kein Trachtenmensch», sagt Sandra Carisch, «aber ich hab es sehr genossen.» Alle, junge Luzerner Studentinnen sowie gestandene Bündnerinnen und Aargauerinnen fühlen sich in den teils nie getragenen Trachten aus der Truhe nicht verkleidet, sondern perfekt angezogen. So gehen wir Trachtenfrauen auch zum Empfang beim Schweizer Botschafter und teilweise zum Schlussabend mit anschliessender Singnacht, wo alle dank Karaoke-Text mitsingen, bis die Sonne aufgeht. In dieser Nacht bekommt eine Sängerin in Bündner Sonntagstracht von einer alten Dame einfach so einen Kranz mit Margeriten und Kornblumen überreich. Wundersam.

Das wichtigste Fest der Letten findet nur alle fünf Jahre statt, umso mehr gilt es, die Anlässe auszukosten, auch wenn es kaum Billette für die Veranstaltungen in Theatern und Kirchen gibt. Dafür bestaunen wir kurz nach der Ankunft den stundenlangen Umzug der Chöre und Tanzformationen vom Freiheitsdenkmal bis ins Stadion der Eröffnungszeremonie. Kleinkinder in Kostüm sind dabei und fast noch eindrücklicher ist, wie Chöre aus alten Menschen teils mit Gehhilfen die paar Kilometer zurücklegen.

Mitreissende Freude

Die stolze Freude ist mitreissend, wir tauchen ein. Eine Woche lang lassen wir uns bis zur unbeschreiblichen Singnacht, die bis zum Sonnenaufgang dauert, auf Klangwellen treiben. Aber nicht ohne die Stadt, ihre berühmte Architektur – Riga ist auch Hauptstadt des Jugendstils – und ihre bewegte Geschichte – Gründung 1201 – in Führungen und auf eigene Faust zu ergründen. Zeit bleibt sogar fürs Baden im Meer, eine Moorwanderung und Besuche der Rigaer Biennale der Kunst.

Aber Tag und Nacht zieht es uns zu einer der Freilichtbühnen in den Pärken, zu einer Party mit heisser Folkmusic, zu einem Flashmob mit Musik. «Selbst beim Shoppen», sagte Anne-Catherine Eigner, «begegnet man singenden Gruppen, sodass man aus der Singblase der Glückseligkeit gar nicht herauskommt.» Sogar spät nachts in der Hotelbar singen wir.

Konzert in der Schweiz Am 4. November 2018 findet in der Maag-Tonhalle das Konzert Terra choralis (LV-CH) mit lettischen Chören aus halb Europa, Lettland und ein paar Chören aus der Schweiz statt.