Ein «Festspiel der Selbstbezogenheit» sei das Theatertreffen Berlin, hiess es im Feuilleton einer Berliner Tageszeitung über das grösste und wichtigste Theatertreffen im deutschsprachigen Raum. Ein weiterer Kritiker vermisste in der über Pfingsten aufgeführten Inszenierung «Woyzeck» des Basler Theaters die «Gegenwelten» und den Willen, «sich aus den herrschenden Narrativen der Verrohung auszuklinken».

Man möchte gerne zurückfragen, ob der Autor die Theaterbühne womöglich mit einem katholischen Gebetshaus verwechselt hat. Denn gerade mit «Woyzeck», zweifellos eines der Glanzlichter unter der diesjährigen 10er-Auswahl der eingeladenen Stücke (von 409 jurierten), zeigte sich, wie unprätentiös und gleichzeitig wachsam auf die Gegenwart gerichtet ein Text wie der von Büchner dramatisiert werden kann. Verrohung wäre, diese zu ignorieren und die unheimliche, balladeske Zeichnung des Weltengangs in den Rosenkranz zu flechten.

Fachmesse für Insider

Daniel Richter, diesjähriger stellvertretende Leiter des Festivals, räumt ein, dass das Theatertreffen zweifellos eine «Fachmesse für Insider» sei. Aber selbstbezogen? «Es geht darum, einen Konsens zu erschaffen, der zu leben, zu atmen beginnt. Wir müssen nichts erzählen, was wir nicht wissen.»

Indes kann es im eigentlichen Wortsinn nur selbstbezogen sein, das Absurde, Lächerliche, Komische an sich, am Theater und in der Welt draussen in Szene zu setzen. Im besten Fall kommt sogar die Krise des männlichen Selbstbildes weder belehrend noch selbstverliebt, sondern kurzweilig, lustig daher.

Erleben konnte man das in «Die Odyssee», dem eingeladenen Stück des Thalia Theaters Hamburg. Für die Interpretation der Homer-Saga mussten das angepinnte Porträt eines streng dreinblickenden Vaters, ein Grabkranz und ein Tuba-Koffer als dekorative Ausgangslage genügen.

Den Rest erledigten Thomas Niehaus und Paul Schröder. In irrwitzigen Slapstick-Nummern, unter Beihilfe einer erfundenen Kunstsprache, beschnupperten, beäugten, bemassen sich die beiden vermeintlichen Söhne des mit Dauerabwesenheit glänzenden Helden-Vaters.

Es ist ein Beispiel dafür, wie weit sich das grösste Treffen der deutschsprachigen Theaterszene seit seiner Gründung im Jahr 1964 verändert hat, was die Selbstbezogenheit von Autoren und Schauspielern angeht – wenn man mal von der ebenfalls eingeladenen siebenstündigen «Faust»-Inszenierung des (selbstverliebten) abgetretenen Volksbühne-Chefs Frank Castorf absieht.

Ein Jahr vor 1964 war Gustaf Gründgens, ein weiterer Selbstdarsteller erster Güte, gestorben. Der von den Nazis auf die «Gottbegnadeten-Liste» gesetzte Intendant und Schauspieler war damals unter anderem für seine Rolle im «Faust» gefeiert worden. Dass Faust eine Minderjährige sexuell missbraucht und schwängert, kümmerte weder Gründgens noch Castorf. Elfriede Jelinek war es, die 2012 im Stück «FaustIn and out» das österreichische Monster Josef Fritzl zum Anlass nahm, jenen Urfaust und dessen Allmachtsfantasien wieder einmal gründlich zu beleuchten.

Nicht wie das Wiener Burgtheater zum bereits 50. Mal, aber doch schon öfter war auch das Schauspielhaus Zürich dieses Jahr erneut mit von der Festival-Partie. «Beute Frauen Krieg» in der Regie von Karin Henkel ist eine schauerliche Mixtur aus «Die Troerinnen» und «Iphigenie» von Euripides.

Sie behandelt, ganz aus der High-Heel-Perspektive, Ausbeutung, Missverständnisse zwischen den Geschlechtern, Verletzungen, physische und seelische Formen von Gewalt. Henkels Inszenierung passt auch perfekt in die neu angefachte Debatte um den Arbeitsplatz Theater. Noch stammen siebzig Prozent der Inszenierungen von Männern und gerade mal zwanzig Prozent der deutschen Theater werden von Frauen geleitet.

Schwarz ist Weiss ist Schwarz

Im Mai 1964, während des ersten Berliner Theatertreffens, hatte in Darmstadt die erste deutschsprachige Aufführung von Jean Genets «Die Neger» stattgefunden. Trotz Protest und gegen den ausdrücklichen Willen des Autors, spielten weisse Schauspieler Schwarze.

55 Jahre später tauschte Anna-Sophie Mahler in ihrer Adaption einer Inszenierung des Stücks «Mittelreich» (nach dem Roman von Josef Bierbichler über drei bayrische Wirte-Generationen) das gesamte weisse Ensemble durch Schwarze ein. Ein etwas gar zäh geratener Kunstgriff. Aber wenigstens bemerkenswert gespielt.