Nackte Männer und ein Hund plantschen im Bergsee. Dass da ein Badender fehlt, fiel nicht auf. Der Jury des Swiss Photo Awards 2017 auch nicht. Erst als es bei einem Rundgang durch die Ausstellungsräume zur Sprache kam, passierte etwas. Am Tag bevor Roshan Adhihetty den 1.Preis in der Kategorie Reportage entgegen nehmen konnte, entschied sich die Jury: Der gebürtige Solothurner wird wegen Bildbearbeitung disqualifiziert (siehe Kasten). Der junge Fotograf, der seit 2016 selbstständig arbeitet und nun in Zürich zuhause ist, war sich nicht bewusst, dass solche Regeln bestehen.

Dieser Entscheid tat weh. «Zu Beginn war ich wütend, frustriert und enttäuscht zugleich. Ich kam mir auch etwas verarscht vor», sagt der gebürtige Solothurner. Wegen eines Reglements disqualifiziert zu werden, das es gar nicht gibt, empfand er als unfair. 

Der 27-jährige Fotograf hat sein Handwerk an der Kunsthochschule gelernt. Für ihn bedeutete Fotografie stets ein Medium zu gestalten und sich auszudrücken. «Das Dokumentieren war bei uns verboten. Zudem waren journalistische Regeln nie Thema.» Jene journalistischen Regeln, die ihm im Frühling 2017 zum Verhängnis wurden. «Ich dachte nicht, dass es mein Fehler ist, habe aber bemerkt, dass es eine Thematik ist, mit der ich mich noch nicht so befasst habe.» 

«Jede Fotografie ist irgendwie Beschiss»

Adhihetty verwandelte seine anfängliche Frustration in Produktivität. Er wälzte Bücher, las sich durch die Theorie der Fotografie. Dadurch entwickelte er die Idee für seine neue Eingabe unter dem Titel Konstruktion der Wirklichkeit. «Jede Fotografie ist irgendwie Beschiss, eine Interpretation», sagt er. Bereits bei den Nacktwanderern sei Echtheit ein Thema gewesen. Insofern sei die neue Serie eine Weiterentwicklung daraus. «Irgendwie war es ein Geschenk, dass ich hier hinein gerutscht bin», sagt er heute.

Er habe versucht, ein Gefühl mit Bildern zu illustrieren, erklärt Roshan Adhihetty. Seine Suche fand auf drei Arten statt. Zum Teil hat er nur beobachtet, dann die Beobachtung und Intervention vermischt und einzelne Fotos auch komplett inszeniert. «Ich fand es spannend, zu mischen und gar nicht zu werten, was eine Beobachtung und was eine Inszenierung ist», sagt er. In Amsterdam, Indien oder Zürich hielt er zufällige Momente fest. Welches Bild wo entstand möchte er nicht verraten. Er wollte die Fotos bewusst aus dem Kontext nehmen. «Ich möchte, dass jeder die Bilder selber interpretiert.»

So schreibt er im Projektbeschrieb denn auch: «Jede Deutung und Aussage einer Fotografie, kann nur unter der Massgabe eines kulturellen Codes erfolgen. Beim Lesen eines Bildes wird eine individuelle Interpretation konstruiert, aufgrund der kognitiven Bildsprache des Betrachters. Eine Fotografie ist also weder Wirklichkeit noch Fiktion. Sie kann per Definition nicht anders als ihre Aussagen auf der Wirklichkeit aufzubauen, trotzdem scheint sie nie die absolute Wahrheit zu erzählen.»

Aus 20 Bildern hat er deren acht für eine Serie «Konstruktion und Wirklichkeit» ausgesucht. Die Auswahl durfte nicht willkürlich wirken; die Thematik sollte zwischen den Bildern ersichtlich sein. «Das einzelne Bild ist schön, aber erst in der gesamten Serie merkt man, worum es geht.» Nämlich um die Konstruktion, das Zusammenfallen und den Wiederaufbau. Adhihetty hat eine Backsteinmauer, den Rohbau eines mehrstöckigen Hauses und Kinder um ein riesiges Loch im Sand fotografisch festgehalten. 

Willkommenes Preisgeld 

Dass die Serie ein Jahr nach dem Skandal einen Award in der Kategorie Free holt, freut Roshan Adhihetty ausserordentlich. Die Jury bezeichnet die Arbeit des 27-Jährigen als «visuelle Recherche über Konstruktion und Wirklichkeit, über den menschlichen Drang nach Interpretation und über unseren Kultur bedingten zwiespältigen Glauben an die Fotografie». Sie leiste einen «visuell überzeugenden und konzeptionell durchdachten Beitrag zur Diskussion über den Zustand des Mediums Fotografie. In ihrer konsequenten Umsetzung in Form und Inhalt verliert sie aber nie das Lustvolle und Spielerische im visuellen erzählen.»

Die 5000 Franken Preisgeld kann Roshan Adhihetty, der seine Brötchen vor allem mit Portrait-Fotografie für Magazine wie «Friday», «Fritz+Fränzi» und die Migros-Zeitung verdient, gut gebrauchen. So wie er auch die 15'000 Franken, die er im letzten Jahr für den Förderpreis des Kantons Solothurn erhielt und die ihm die Reisen für die neue Serie ermöglichten. «Das Geld ist wertvoll, um eigene Arbeiten hervorzubringen und nicht nur Aufträge anzunehmen.» 

Momentan sind die Nacktwanderer-Fotos von Roshan Adhihetty in seinem Geburts- und Studienort Lausanne in der Galerie der Kunsthochschule zu sehen. Er wurde im letzten Jahr von der Vereinigung fotografischer GestalterInnen als einer von zehn jungen Fotografen für diese Wanderausstellung ausgesucht.

Ende März macht sich der Fotograf an sein neues Projekt. Er will für zwei Monate durch Europa reisen und in Newsstudios hinter die Kulissen blicken. Es geht um Wahrheit der Fotografie und die Glaubwürdigkeit der Medien.