Theater

Im Emmental wurde Simon Burkhalter vom Theatervirus befallen

Simon Burkhalter vor der Durchlaufprobe im Gemeindesaal Möriken.

Simon Burkhalter vor der Durchlaufprobe im Gemeindesaal Möriken.

Der 25-jährige Simon Burkhalter inszeniert an der Operette Möriken-Wildegg Lehàrs «Die lustige Witwe». Der junge Schauspieler, Sänger und Regisseur ist ein richtiger Tausendsassa des Theaters.

«Franz heisst die Kanaille», ebendiesen Franz in Schillers «Die Räuber» hatte Simon Burkhalter vor fünf Jahren in einer freien Produktion in Bern gespielt. Burkhalter war damals 20 Jahre jung, hatte die Matura vom Berner Gymnasium Kirchenfeld in der Tasche und eine grosse Sehnsucht im Herzen: «Seit ich denken kann, hat es mich zum Theater gezogen.»

An den Genen lag es nicht, wohl aber an der Gegend, in der er in einer Handwerkerfamilie aufwuchs: «Im Emmental hat es schon immer nur so von Amateurbühnen gewimmelt. Und nachdem ich als 14-Jähriger in einem Freilichttheater eine Statistenrolle bekommen hatte, war es endgültig um mich geschehen.»

Preisgekrönte «Gräfin Mariza»

Wir treffen Simon Burkhalter im Möriker Gemeindesaal. Auf der Bühne glitzern Sterne von einem schwarzen Vorhang. Bis zur abendlichen Durchlaufprobe sind 90 Minuten Pause angesagt. Seelenruhig nimmt der Regisseur sich Zeit für unser Gespräch.

Gerade mal 25-jährig, kann er bereits 30 Inszenierungen vorweisen – nebst mehreren Auftritten als Sänger und Schauspieler, selbstgeschriebene Stücke und bearbeitete Vorlagen kommen hinzu: Wahrlich ein «Wunderkind». Die Bezeichnung mag Burkhalter nicht. «Mein momentanes Leben besteht hauptsächlich aus Arbeit und Verzicht. Aber beides leiste ich leidenschaftlich gerne.»

Für eine Beziehung bleibt kein Platz, ab und zu immerhin fürs Hobby – Kochen. «Wenn schon, dann aber mit Gästen und ausgiebig Zeit etwa für einen selbsteingelegten ‹suure Mocke›.»

Seit Jahren pendelt Burkhalter zwischen künstlerischen Tätigkeiten und Studium. Klavier-, Jazztanz-, Ballettunterricht und Sprecherziehung ergänzen sein Gesangsstudium an der Hochschule der Künste HKB Bern. «Mein grösstes Ziel war schon immer die Regie.

Die anderen Sparten studiere ich, um möglichst genau zu wissen, worum es genau geht, was ich von den Mitwirkenden in einer Inszenierung verlangen und erwarten kann.» Nächstes Jahr wird er an der HKB den Bachelor in Gesang – er ist Bass – ablegen «und zwei Jahre später will ich den Master in der Tasche haben».

Ja – er ist ehrgeizig, dieser Simon aus dem Emmental – allerdings nicht im üblichen Sinn. Burkhalters Ehrgeiz gründet auf seiner Leidenschaft. Noch während seiner Gymi-Zeit gab er 2011 in seinem Heimatort Signau mit einer eigenen «Heidi»-Fassung sein Debüt als Regisseur. Knapp 21-jährig erhielt er für seine «Gräfin Mariza» den mit 10'000 Franken dotierten Förderpreis der Burgergemeinde Bern.

Er hatte Kálmáns Erfolgswerk umgeschrieben, entstaubt und so «der Operettenkultur in Bern neuen Schwung verliehen», wie die Jury den Entscheid damals begründete. «Damals hatte ich zum ersten Mal gemeinsam mit Profis und Amateuren zusammengearbeitet.»

Grosse künstlerische Freiheit

So wie er es jetzt auch in Möriken tut. «Die Arbeit ist sehr reizvoll und stellt mich immer wieder vor neue Herausforderungen. Schliesslich kommt es für den Regisseur stets darauf an, was er aus dem mitgebrachten Material macht.» Bruno Leuschner, der langjährige Dirigent der Operettenbühne, hatte Burkhalter ins Spiel gebracht, nachdem die Möriker beschlossen hatten, ihre künstlerische Leitung zu verjüngen.

Seit eineinhalb Jahren beschäftigt sich der Emmentaler mit der Möriker «Witwe» und ist von der Aufgabe begeistert, «vor allem auch wegen der Freiheiten, die ich hier geniesse». Zum Beispiel bezüglich seiner persönlichen Adaption des Librettos von Victor Léon und Leo Stein. Sie soll bis zur Premiere ein Geheimnis bleiben. Nur so viel sei verraten: «Im Musikalischen bleibt alles beim Alten. Die Geschichte aber ist stark gekürzt.»

Unter den Mitwirkenden trifft man viele altbekannte und geschätzte Künstlerinnen und Künstler der Möriker Bühne. Dem Regisseur aus Bern in den Aargau gefolgt sind die Soubrette Flurina Ruoss und die Kostümbildnerin Renate Tschabold. «Für das Bühnenbild zeichne ich selber verantwortlich und schätze mich glücklich, dass ich es sehr aufwendig gestalten durfte.»

In zwei Wochen auf der Bühne

Knapp zwei Wochen nach der Premiere am kommenden Samstag wird Burkhalter als Schauspieler im Zweipersonenstück «Vincent River» von Philip Ridley auf der Remisen-Bühne im bernischen Jegenstorf stehen. In seiner Agenda von 2020 stehen bereits die Inszenierungen von Kästners «Drei Männer im Schnee» in Lyssach und «Katharina Knie».

Das Volksstück von Carl Zuckmayer setzt er auf der «Moosegg» im Emmental als Komödie in Szene. 2017 hatte Burkhalter die künstlerische Leitung der weit übers Bernbiet hinaus bekannten Freilichtbühne übernommen. Dort hat er unter anderem die Schauspiele «Schwarmgeist» nach Simon Gfeller und «Chachelihannes» nach Gotthelf dramaturgisch und sprachlich bearbeitet – so wie er das mit all seinen Inszenierungen tut.

Wie schafft er das alles zeitlich? Haben Simon Burkhalters Tage 25 Stunden. «Wenn ich jede Nacht meine acht Stunden Schlaf bekomme, geht das problemlos», lacht der von Kopf bis Fuss auf Theater eingestellte Mitzwanziger und bittet wenig später das bestens gelaunte Ensemble zur ersten Durchlaufprobe.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1