Kabarett

Ilja Richter: «Ich absolviere ein 60-jähriges Praktikum»

Ein Indianer kennt einen Scherz: Ilja Richter in «Vergesst Winnetou».

Ein Indianer kennt einen Scherz: Ilja Richter in «Vergesst Winnetou».

Ilja Richter war einst Deutschlands jüngster TV-Moderator. Sein neues Bühnenprogramm ist eine Zeitreise durch die Geschichte seiner Heimat.

Der 1952 in Berlin geborene Ilja Richter begann seine Karriere im Alter von acht Jahren als Sprecher und Sänger in Radio-­Hörspielen. Einem breiten Publikum bekannt wurde er als jugendlicher Fernseh-­Moderator. Seither arbeitet Richter als Schauspieler, Synchronsprecher, Sänger, Autor und Regisseur.

Herr Richter, mit 16 Jahren übernahmen Sie im ZDF die Musiksendung «4-3-2-1 Hot & Sweet» als jüngster TV-­Moderator Deutschlands...

Alles, was ich zu diesem Thema sagen könnte, habe ich schon gesagt. Aber gut. Tatsächlich ist es so, dass ich 1969 – ohne es zu wissen – zu Deutschlands jüngstem Moderator wurde. Zwei Jahre später folgte dann «Disco», wo ab der zweiten Folge erstmals auch Komik in einer deutschen Pop-Show auftauchte.

Wie schwer ist es Ihnen denn gefallen, sich zwei Tage vor Ihrem 30. Geburtstag und nach 133 Episoden von «Disco» zu verabschieden?

Ein bisschen Melancholie war dabei. Aber mein seelischer Zustand liess mich damals wissen, dass die Zeit für etwas Neues gekommen war. Was das ZDF jahrzehntelang allerdings nicht davon abhielt, die Sendungen immer und immer wieder zu wieder­holen. Das empfinde ich als ermüdend. Zumal ich für die zahlreichen Wiederholungen nie einen Pfennig gesehen habe.

Am TV waren Sie danach ein seltener Gast. Sie haben mehr als Schauspieler und Regisseur gearbeitet. Warum?

Beim ZDF tauchte ich immer wieder in Vorabendserien auf. Meine erste Hauptrolle auf dem Fernsehkanal spielte ich vor ein paar Jahren, das hätte nicht sein müssen. Die Sache war genau so, wie ich befürchtet hatte. Nachher ging ich nach Hause und dachte mir: Soll halt sein. Ansonsten habe ich da und dort einen Film gedreht. Zur Hauptsache war ich nach «Disco» jedoch auf der Theaterbühne anzutreffen. Mein derzeitiger Fokus liegt auf Programmen wie «Lieblingslieder» oder «Vergesst Winnetou». ­Diese Abende, bei denen ich als mein eigener Dramaturg und Regisseur agiere, sind klein und fein und schielen nie nach der grossen Halle.

Was schätzen Sie an Solo­auftritten – wie jetzt auch bei «Vergesst Winnetou»?

Man ist sein eigener Chef und man kann etwas falsch machen und es nicht auf andere schieben. Oder man kann etwas gut machen und es dabei belassen, es gut gemacht zu haben.

Was hat Sie dazu animiert, sich mit Karl May zu befassen? Heute käme der Schriftsteller, der zeitlebens nie in den USA war, für seine kulturelle Aneignung des Wilden Westens wohl an die Kasse.

Man kann bei Karl May viel kritisieren und sogar sagen, dass er sich im Irrgarten seiner Figuren verlaufen hat. Aber jeder Romancier erfindet nun mal Geschichten, bei denen es völlig unwichtig ist, ob der Autor das von ihm beschriebene Land jemals aufgesucht hat. Relevant ist bloss, ob das Resultat gut ist. Das Problem liegt bei Karl May ganz woanders. So hat er es etwa bei Pressekonferenzen als Tatsache verkauft, dass ihm Old Shatterhand eine Schiessbüchse geschenkt haben soll. Das ist verrückt und darf kritisiert werden. Ihm hingegen vorzuwerfen, dass er seine Geschichten erfunden hat, ist Blödsinn.

Sie nutzen das Leben und Werk von Karl May, um Ihr Publikum auf eine Zeitreise durch Kaiserreich, Nazideutschland, BRD und DDR mitzunehmen. Hierfür sollen Sie sich bei «allen Mitteln komischer Unterhaltung» bedienen, heisst es. Worauf wollen Sie denn mit dem Programm hinaus?

Ich habe keine Botschaft, sonst wäre ich Botschafter geworden. Wenn das Publikum nach einem Programm wie «Vergesst Winnetou» gut unterhalten worden ist und erst noch ein paar Eindrücke mitgenommen hat, die es zum Nachdenken anregt, dann habe ich meine Freude daran. Meine Grundhaltung ­lautet: Unterhalte die Menschen und bringe nie eine Pointe um jeden Preis. Gleichwohl be­kenne ich mich sowohl zu ­Albernheiten als auch zu Groteskem und zu Skurrilem.

Sehen Sie eigentlich Parallelen zwischen sich und Karl May – dieser entwickelte sich vom Kleinkriminellen zum Bestseller-Autor? Welchen Berufsweg haben Sie eingeschlagen?

Ich habe mein 60-jähriges Praktikum immer noch nicht abgeschlossen. Und wenn mir hie und da etwas ­gelingt, dann hat dies mit den Fähigkeiten zu tun, die ich mir über die Jahrzehnte angeeignet habe. Meine Prämisse lautet: Mach das Machbare und betrete Neuland – obschon das mit zunehmendem Alter immer schwieriger wird.

Auf dem Plakat zum Programm steht, dass Sie Karl May nicht nur lesen, singen und spielen, sondern auch tanzen. Wie darf man sich das vorstellen?

Lassen Sie sich überraschen. An dieser Stelle verrate ich nur eins: Ich bin ein schreibender Schauspieler, der gerne tanzt, aber kein Tänzer.

Es ist anzunehmen, dass im Publikum auch diverse Fans von «Disco» sitzen werden – empfinden Sie dies eher als Freude oder als Bürde?

Es ist gewiss keine Bürde, sondern eine Freude, dass eine Menge Leute kommen, die noch im Kopf haben, was sie vor ­vielen Jahren im TV gesehen haben. Meine Aufgabe als Schauspieler und Künstler ist es jedoch, nicht alles zu bestätigen, was der Zuschauer erwartet, sondern dessen Erwartungen unterhaltsam und im Positiven zu brechen. Wenn man bei «Vergesst Winnetou» Anklänge an «Disco» wiederentdeckt, dann hat das rein gar nichts mit jener Sendung zu tun, sondern einzig und allein mit mir und meinem Stil.

«Vergesst Winnetou»,
Burghof, Lörrach.
Mi, 14. Oktober, 20 Uhr.
www.iljarichter.de
www.burghof.com

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