Film

Ihre Liebe ist alles, was sie haben

«If Beale Street Could Talk» erzählt die Liebesgeschichte zwischen Tish (Kiki Layne) und Fonny (Stephan James).

«If Beale Street Could Talk» erzählt die Liebesgeschichte zwischen Tish (Kiki Layne) und Fonny (Stephan James).

Barry Jenkins liefert mit «If Beale Street Could Talk» die erste Verfilmung eines Romans von James Baldwin.

«If Beale Street Could Talk» ist eine Liebesgeschichte, eine spezifisch afroamerikanische. Barry Jenkins’ («Moonlight») erste englischsprachige Verfilmung eines Romans von James Baldwin ist in das aktuelle Revival des Schriftstellers und Bürgerrechtlers einzuordnen, das mit Ta-Nehisi Coates’ «Zwischen mir und der Welt» (2015) begann.

Coates, einer der wichtigsten afroamerikanischen Intellektuellen der Gegenwart, schrieb 2017 im Vorwort zu Toni Morrisons «Die Herkunft der Anderen»: «In den vergangenen Jahren sind wir mit einer nicht endenden Reihe von Videos konfrontiert worden, in denen zu sehen war, wie amerikanische Polizisten schwarze Mitbürger wegen relativ harmloser Vergehen oder gar völlig grundlos verprügeln, würgen, mit Elektroschockern traktieren oder niederschiessen.» Der Tod sei nichts weiter als das extremste Beispiel dessen, was es bedeute, sein Leben als jemand zu verbringen, der «anders» ist.

Diese Form der rassistischen Unterdrückung hat Baldwin schon 1974 in seinem Buch, der Vorlage für den Film, beschrieben: Zu Unrecht wird der 22-jährige Fonny (Stephan James) einer Vergewaltigung beschuldigt und muss ins Gefängnis. Die Geschichte wird aus der Perspektive seiner Verlobten, der 19-jährigen Tish (Kiki Layne), erzählt, die von Fonny ein Kind erwartet.

Wahrhaftiges Familienbild

Der strukturelle Rassismus ist etwas, womit die Familien von Tish und Fonny jeden Tag leben müssen, ob in Harlem oder Downtown, wo sich das Liebespaar eine gemeinsame Wohnung sucht. Es ist besonders Tishs Familie, die alle Hebel in Bewegung setzt, um Fonny, aus dem Gefängnis zu holen: Mutter Sharon (Regina King, Oscar-nominiert), Vater Joseph (Colman Domingo) und Schwester Ernestine.

Für alle am Film Beteiligten war die erste Berührung mit Baldwins Werk prägend. «James Baldwin hat gezeigt, dass unsere Geschichten und unsere Worte eine Bedeutung haben. Und er hat gezeigt, dass alle Menschen miteinander verwandt sind», sagt Brian Tyree Henry («Paper Boi» in Donald Glovers Serie «Atlanta») in der Rolle von Fonnys Freund Daniel. Was sie an «If Beale Street Could Talk» am meisten anspricht, ist dieses wahrhaftige Bild einer durchschnittlichen schwarzen Familie, das allzu selten gezeigt wird.

Die Kamera bewegt sich sehr langsam, kreist um Tish und Fonny, betont die Einheit und Reinheit ihrer Liebe. Es gibt sehr viel Gelb im Film, aber auch Rot, Grün und Blau. In den Gefängnisszenen sind die Farben etwas zurückgenommen. Musik, Kamera, Schnitt – das «Moonlight»-Team ist wieder am Werk und erzeugt zeitweise dieselbe hypnotische, hochemotionale Stimmung. Die Unterdrückung und Gettoisierung der Schwarzen – das Drogenelend im Harlem der 70er-Jahre, Polizeigewalt, Sklaverei – wird in Schwarz-Weiss-Bildern am Anfang und am Schluss explizit.

Regisseur und Drehbuchautor Barry Jenkins hält sich eng an die Vorlage. Er lässt Tish die Stimme über dem Film sprechen, mit Zeilen, die eins zu eins aus dem Buch stammen. Er hat die komplizierte Rückblendenstruktur zurück bis in die Kindheit übernommen und Schlüsselszenen ausgewählt. Auch die Dialogzeilen sind meist genau Baldwin. Doch in der Verkürzung und Verdichtung ging etwas verloren: Das Buch ist lockerer und frecher. Die Sprache der Figuren ist verspielter, sprüht immer wieder vor Schalk und Ironie. Und der Satz «I love you» fällt im Film eindeutig zu oft. Tish und Fonny sind sich ihrer gegenseitigen Liebe so sicher, sie müssen sich das nicht die ganze Zeit sagen. Die grösste Freiheit hat sich Jenkins in Bezug auf das Ende genommen. Da hat er eine – leider – realistischere Möglichkeit vorgezogen. Der Film ist empfehlenswert, die Lektüre des Romans ist besser.

«If Beale Street Could Talk» (USA), Regie: Barry Jenkins. Ab Do in den Kinos. ★★★★☆

Die deutsche Übersetzung von «Beale Street Blues» erschien 2018 im dtv-Verlag.

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