«Brave Mädchen fragen nicht», so der Titel des Buches der Lostorferin Elisabeth Häubi, das in diesen Tagen erschienen ist. Die bekannte Marionettentheaterautorin und -spielerin stammt ursprünglich aus Wien.

«Ich wurde … am 25. Februar 1934 als Tochter des Hugo und der Maria Adler-Wiest in Wien geboren…» So beginnt das Buch. Wobei Hugo Jude ist und Maria Christin. Die Geschehnisse der folgenden Jahre sind bekannt. Aber bekannt sind eben vor allem die historischen Ereignisse, vielen privaten Schicksalen droht das Vergessen. Als Häubi begann, ihre Kindheitserinnerungen aufzuschreiben, ging es ihr vorerst nicht um eine Veröffentlichung. Es ist auch noch gar nicht lange her, als sie die ersten Sätze notierte. Sie war lange beim Marionettentheater tätig, war Mitglied des Lostorfer Gemeinderates, dazu kam die Familie. Nachdem sie all diese Tätigkeiten aufgegeben hatte, gab es Zeit, auf ihr Leben zurückzuschauen. Im Jahr 2013 machte sie sich daran, Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend in Wien während und nach dem Zweiten Weltkrieg zu notieren.

Bloss keine Fragen stellen

Während des Schreibens lief ihre Kindheit wie ein innerer Film ab. Sie erinnerte sich deutlich an Sachen, die Jahrzehnte zurückliegen. So kann man lesen, wie die kleine Liesel als sechs-jähriges Kind in der Schulstunde begeistert den Arm streckt und «Heil Hitler» schreit. Gleichzeitig merkt das kleine Mädchen, das irgendetwas vor sich geht. Als sie mit ihrer Mutter und dem Stiefvater, einem SS-Offizier, in Polen wohnt, entdeckt sie eines Tages Spielzeuge in einem Schrank. Die Wohnung wurde enteignet und Liesel fragt sich, wem die Spielsachen gehören. Aber brave Mädchen fragen nicht, so wird sie von ihrer Mutter angeschrien.

Der Stiefvater arbeitet in Auschwitz und bringt der kleinen Liesel immer wieder Schuhe. Warum verweigerte er diese Arbeit nicht? Als die Autorin nach dem Krieg ihre Sommerferien in der Schweiz verbringen durfte, hörte sie von ihrem Ferienvater die Worte: «Ich hätte nie den Hitlergruss gemacht, und mein Sohn wäre nie der Hitlerjugend beigetreten.»

Aus diesen Ferien in der Schweiz ist Liesel jeweils gut genährt nach Wien zurückgekehrt. In den folgenden Monaten litten sie und ihre Mutter wieder Hunger. Sie und ihre Freundin konnten den Dienst von Speisen in Anspruch nehmen.

Keine wirkliche Kindheit

Eine wirkliche Kindheit hatte Häubi nie erlebt. Der Krieg, die Konflikte mit ihrer Mutter, der Stiefvater, der während der wenigen Tage mit der Familie sich schweigend im Bett verkroch und der ständige Hunger verhinderten sorgenfreie Tage. Trotzdem meint sie heute: «Ich ha nie am Läbe znage gha.» Sie lebte stets nach dem Motto ihrer Grossmutter «Was dich nicht umbringt, macht dich stark». Sie, die lange Zeit keine richtige Heimat hatte, hat in Lostorf «es Deheime» gefunden.

Mit dem Aufbau des Marionettentheaters hat sie einen Teil ihrer Kindheit nachholen und sich und andere erheitern können. In ihrem Beruf als Krankenschwester habe sie viele Leute getroffen, die das Jammern als Lebensinhalt haben. Sie hatte und hat eine positive Lebenseinstellung. Dies, obwohl sie wegen der grossen Kälte und der oft zu kleinen Schuhe bis heute unter deformierten Füssen leidet. Mit ihrem Buch will Häubi zeigen, dass man wegen einer schweren Kindheit nicht zerbricht. Das ist ihr auf eindrückliche Weise gelungen.

Elisabeth Häubi Brave Kinder fragen nicht: Eine Kindheit im Dritten Reich, elfundzehn Verlag 2017