Als Barbara Honigmann ihren Gast durch die Fensterwand des Ateliers Müllerhaus erblickt, winkt sie ihm enthusiastisch zu und bittet ihn herein. Die deutsche Autorin hat den ganzen Tag in der Wohnung verbracht und schlägt deshalb vor, dass wir uns für das Interview in ein Café in die Lenzburger Altstadt begeben. Obwohl erst seit wenigen Tagen in Lenzburg, konnte sie die Gegend bereits erkunden: «Mit meinem Mann bin ich gleich mal zur Burg raufgegangen und wir haben einen langen Spaziergang entlang des Aabachs gemacht.» Bis Ende März ist Honigmann zu Gast im Atelier Müllerhaus. Heute Abend führt die Trägerin des Heinrich-Kleist-Preises (2001) und des Max-Frisch-Preises der Stadt Zürich (2011) ein Werkstattgespräch mit dem Schriftsteller Urs Faes.

Bevor Honigmann, 1949 in Ostberlin geboren, den Weg zum Schreiben gefunden hat, arbeitete sie als Dramaturgin und Regisseurin. Aber irgendwann habe sie gemerkt, dass das Theater nichts für sie sei. «Mein Mann hat mal gesagt, ich sei so übersozial, dass ich einen ganz einsamen Beruf haben müsse», sagt Honigmann und lacht.

Ein jüdisches Coming-out

Zwei Jahre nachdem die Autorin mit ihrem Ehemann und zwei Kindern aus der DDR nach Strassburg umgezogen war, erschien ihr Debüt «Roman von einem Kinde» (1986). «Das war mein jüdisches Coming-out», sagt Honigmann und lacht erneut. Tatsächlich begann sie sich erst spät mit ihrer jüdischen Identität auseinanderzusetzen. Als sie aufwuchs, war das Judentum im Hause Honigmann nur am Rande ein Thema. Ihre kommunistischen Eltern überlebten die Zeit des Nationalsozialismus im britischen Exil und kehrten 1947 in ihre Heimat zurück, um auf den Trümmern ein sozialistisches Deutschland aufzubauen.

Mit ihrem Debüt fügte sich Honigmann in eine Reihe von jüdischen Autorinnen und Autoren ein, die gemeinhin als «zweite Generation» bezeichnet wird – Kinder von Überlebenden der Schoah. Im Gespräch sagt Honigmann, dass «Le juif imaginaire» (1978) des Schriftstellers Alain Finkielkraut einen Wendepunkt in ihrem Leben dargestellt habe: «Finkielkraut war einer der Ersten, die versucht haben, zu formulieren, wer die zweite Generation ist und was sie mit dem Erbe ihrer Eltern machen sollen. Das hat mich sicher auch ermutigt, diese Thematik zu behandeln.»

Die Verarbeitung von Autobiografischem zieht sich nunmehr seit über dreissig Jahren als eine Konstante durch Barbara Honigmanns Literatur. In «Bilder von A.» (2011) schildert sie etwa eine Liebe zwischen einem Theaterregisseur und einer jungen Frau in der DDR. «Chronik meiner Strasse» (2015) erzählt von der multikulturellen Welt der Rue Edel, an der Honigmann in Strasburg wohnt. Mit ihrem neuesten Werk, «Georg», das am 28. Januar erscheint, greift die Autorin nun wieder auf, was sie bereits in ihrem Buch «Eine Liebe aus nichts» (1991) behandelt hat: die Geschichte ihres Vaters Georg Honigmann (1903–1984).

Ihr damaliges Buch, das sie relativ kurz nach dessen Tod verfasst habe, sei ein Abschied von ihrem Vater gewesen, sagt die Schriftstellerin. Honigmann, die auch Malerin ist, beschreibt es als eine erste Zeichnung ihres Vaters. «Seither wusste ich immer, dass ich ein breiteres Porträt von ihm machen wollte.»

Die Suche nach Halt

«Georg» speist Barbara Honigmann hauptsächlich aus ihren Erinnerungen, um die bewegte Geschichte ihres Vaters zu erzählen. In eine grossbürgerliche, assimilierte Familie geboren, «ununterscheidbar von ihren christlichen Nachbarn», zeichnete sich Georg Honigmann zeitlebens durch einen «bohèmehaften Charakter» aus, der ihn zur Suche nach einer Identität und nach Halt antrieb. Als Korrespondent in London lernt er seine zweite Ehefrau und Barbara Honigmanns Mutter kennen, Alice Kohlmann. Sie ist überzeugte Kommunistin und verheiratet mit dem Doppelagenten Kim Philby, der für den sowjetischen KGB spionierte. In England ist Georg als Deutscher ein «enemy alien» und wird während des Krieges in Kanada interniert. Nach Kriegsende folgt dann die Remigration mit Alice nach Ostberlin, später die Resignation des ausbleibenden sozialistischen Traumes.

Immer wieder greift Barbara Honigmann im Roman persönliche Gespräche und Anekdoten über ihren «Papi» auf, zitiert aus Briefen, gibt Einblick in die Akten sowohl des britischen Geheimdienstes wie der Stasi. Dabei spart sie auch nicht an Kritik, erzählt über seine vier Ehen, die Affären und hinterfragt seine Blindheit gegenüber kommunistischen Verbrechen. So entsteht nicht nur ein intimes Porträt ihres Vaters, sondern ein zutiefst menschliches Gemälde über das 20. Jahrhundert.

Werkstattgespräch: Barbara Honigmann und Urs Faes: Mi, 9. Januar, 20 Uhr, Literaturhaus Lenzburg

Barbara Honigmann: «Georg», 160 Seiten, ab 28. Januar.