Literaturinstitut Biel

«Ich will mein Schreiben kennen lernen»

Eingespieltes Team: Maria Ursprung und Silvio Huonder im Literaturinstitut in Biel.Enrique Munoz Garcia/BZ

Eingespieltes Team: Maria Ursprung und Silvio Huonder im Literaturinstitut in Biel.Enrique Munoz Garcia/BZ

Im Zentrum der Ausbildung am Literaturinstitut steht das Mentorat. Worum geht es dabei? Ein Besuch.

«Da muss ich widersprechen», sagt Maria Ursprung. Sie sei keine untypische Studentin am Schweizerischen Literaturinstitut. Als sie 2014 ihr Bachelorstudium in Biel begann, hatte sie schon einen beachtlichen Leistungsausweis im Kulturbetrieb. Sie hat am Schauspielhaus Basel assistiert und am Thalia Theater Hamburg erste Inszenierungen realisiert, in Bern brachte sie das Stück «Ustrinkata» von Arno Camenisch zur Uraufführung, 2012 wurde sie vom Kanton Solothurn mit einem Förderpreis ausgezeichnet. Etwa die Hälfte der Studierenden in Biel brächten berufliche Erfahrungen auf einem anderen Gebiet mit, sagt die 31-Jährige. «Zum Glück», ergänzt Silvio Huonder.

Es erlaubt ihm, sich weniger als Lehrer zu fühlen. «Bei Studierenden, die nicht direkt vom Gymnasium kommen, ist das Schreiben keine zufällige Idee. Man spricht eine gemeinsame Sprache, versteht sich schneller, der Austausch ist fruchtbarer.» Seit der Eröffnung des Literaturinstituts vor zehn Jahren hat der in Chur aufgewachsene Schriftsteller, der seit langem in Berlin lebt, gut zwanzig angehende Autoren begleitet. Maria Ursprung ist eine von ihnen. Vor zwei Jahren fing sie mit der Ausbildung in Biel an. «Ich habe schon immer viel geschrieben», sagt sie, «aber das Literaturinstitut gab mir die Legitimierung dafür.» Etwa wenn Freunde sie ins Kino einladen, sie aber lieber zu Hause bleibt. Um zu schreiben.

Viele Schlüsselmomente

Das Mentorat, das im Zentrum der Ausbildung steht, gab für sie den Ausschlag, nach Biel zu gehen. «Ich kannte diese Form von der Zusammenarbeit zwischen Regie und Dramaturgie am Theater. Mir liegt es, im Zweierteam über Inhalte zu reden.» Doch wie genau muss man sich die Arbeit am Text vorstellen? Silvio Huonder schlägt all seinen Mentees gleich zu Beginn vor, ein Journal zu führen – eine Art Tagebuch, nicht mit privaten Einträgen, sondern mit kleinen Gedanken, Ideen, Beobachtungen, mit Fragmenten eines Konzepts oder Neuformulierungen von Szenen. «Es geht darum, das Schreiben zur Gewohnheit zu machen», sagt er. Das Journal ist eine Ergänzung zu den eigentlichen Texten, die von Lyrik bis Prosa ganz unterschiedlich sein können. Etwa alle zwei Wochen bringen die angehenden Autoren ihre Texte in die Besprechungen mit ihren Mentoren ein. «Ich habe nachgeschaut», sagt Huonder zu Ursprung. «Insgesamt habe ich 493 Textdateien von dir bekommen.»

Einen Schlüsselmoment gab es dabei nicht. Eher viele kleine Schlüsselmomente. Maria Ursprung erinnert an ein längeres Prosastück, bei dem ihr Silvio Huonder seine Leseerfahrung beschrieben hat: «Ist es das, was Du erzählen willst?» Diese Spiegelung macht für sie das Mentorat aus. «Falsch oder ... richtig!», sagt sie, lacht und schnippt mit den Fingern. Allerdings: Manchmal ist die Übereinstimmung fast zu gross. Sie dürfe nicht nur das hineinschreiben, was man verstehen solle – das war eine Rückmeldung, die Huonder ihr noch im ersten Jahr öfter gegeben hat. Sind solche Rückmeldungen nicht manchmal heikel? «Textarbeit ist persönlich», bestätigt Ursprung. Es bestehe schon die Gefahr, sich als werdender Autor missverstanden oder nicht ernst genommen zu fühlen. Aber es gehe auch darum, wie sehr man Erwartungen erfüllen wolle. Oder darum, sich bewusst zu werden, wann man einen Text zeige. Auch das ist zentral am Literaturinstitut: «Man muss lernen, mit Reaktionen umzugehen.» Für Ursprung ist klar: Sie will ihr Schreiben kennen lernen. Dieses Ziel steht im Vordergrund ihrer Ausbildung.

Die Arbeit am Text ist das eine. Auch für Silvio Huonder ist sie zentral. Gleichwohl fühlt er sich neben seinen Aufgaben als Dozent manchmal auch als Lektor, der den Text aus eigener Sicht verbessern will. Oder als Agent, der sich zielorientiert überlegt, welche Manuskripte er an welche Verlage weiterreichen könnte. Und manchmal gar als Mentor fürs ganze Leben. Zum Beispiel, wenn er seine Schützlinge am liebsten für ein, zwei Jahre nach Deutschland schicken würde, damit sie die deutsche Sprache einmal in diesem Land erfahren. «Aber das wäre eine Grenzüberschreitung.»

Kontakt zum Literaturbetrieb

Seine Verbindung zum Literaturbetrieb spielt schon eine Rolle. «Ein guter Text schafft es aber auch alleine», schwächt er ab. «Die Aufmerksamkeit für Neues ist gross.» Er erinnert Maria Ursprung daran, wie das Schweizer Radio gerade ein Hörspiel von ihr haben wolle und sie gar nicht dazu gekommen sei, es anderen Sendern anzubieten. Trotzdem, auch bei Verlagsverhandlungen ist er eine gute Referenz. Das Mentorat macht also auch in dieser Hinsicht das Autorendasein «effizienter».

Man merkt: Maria Ursprung und Silvio Huonder sind ein eingespieltes Team. Im Sprechen ergänzen und unterstützen sie einander, stecken aber auch Positionen ab, widersprechen sich respektvoll und mit Humor. Das Gespräch wandert im Pingpong von der Suche nach geeigneten Beispielen zu Ad-hoc-Definitionen, zur Benennung von Kriterien und begrifflichen Abgrenzungen. Maria Ursprung ist temperamentvoll, Silvio Huonder reflektierter, doch es wird spürbar, auch er profitiert von der intensiven Auseinandersetzung. Das ist so: «Die Arbeit mit den Mentees bringt mich der Generation meiner beiden Söhne näher. Es ist ein intellektueller Jungbrunnen. Und eine Auseinandersetzung, die man in dieser Weise heute mit Verlagen oder mit der Presse nicht mehr hat.»

Eine Auseinandersetzung, die oft über die Ausbildung hinaus hält. Gerade letzte Woche war Silvio Huonder an der Lesung einer ehemaligen Studentin. Nicht dass eine Publikation oder eine Theateraufführung das Ziel wäre, auf das das Literaturinstitut hinarbeitet, aber: «Es ist für mich ein schöner Moment, wenn ich mir das Buch eines ehemaligen Mentees signieren lassen kann.»

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