Die Töne sprudeln aus ihm heraus. Furios, virtuos, grandios. Wie kein Zweiter bändigt er das störrische gerade Horn aus der Familie der Saxofone. Spielt halsbrecherische Linien, abenteuerliche Breaks und diabolische Grooves. Sein Einfalls- und Facettenreichtum scheint unermesslich. Dabei biegt, krümmt, reckt und dehnt er sich. Zappelt und wiegt sich hin und her, von einem Fuss auf den anderen. Zieht ein Bein hoch und balanciert auf dem anderen. Emile Parisien ist unter Strom. Die Augen weit aufgerissen. Der klein gewachsene Franzose wirbelt, bebt, fängt Feuer und brennt lichterloh. Und ja, er tanzt. Rumpelstilzchen gleich. Bei Emile Parisien ist Musik auch ein physisches Erlebnis. Bis in die Zehenspitzen ist er von Musik durchdrungen.

Der 36-Jährige ist in Europa der Saxofonist der Stunde. Und auf dem geraden Horn das Mass aller Dinge. Bei aller Intensität und Explosivität, ist er hoch konzentriert und hat alles unter Kontrolle. «Ich weiss immer, wo ich bin und was ich mache», sagt er im Gespräch im Moods Zürich und wirkt ruhig und besonnen. Er will nie beliebig klingen, und selbst bei den impulsivsten Energieausbrüchen bleibt er relativ eng bei Kompositionen, die von Hector Berlioz, Igor Strawinsky, Arnold Schönberg sowie John Coltrane oder Wayne Shorter inspiriert sind.

Wie eine Rockband

Parisien ist gefragt, sein Kalender randvoll. Gleich siebenfach ist er in diesem Frühling in der Schweiz in unterschiedlichen Konstellationen und Projekten zu hören und zu erleben. Die Konzertballung kommt einem Parisien-Festival gleich. Im Moods stellte er das aktuelle Album «Double Screening» (act) vor. «Das Quartett ist die Basis meines musikalischen Schaffens», sagt er zur Band, die er schon vor 15 Jahren in Toulouse gleich nach der Schule gründete. Parisien ist der unbestrittene Star in einer Band von Freunden, in der das Kollektiv im Vordergrund steht. «Von Anfang an haben wir versucht, einen eigenen Bandsound zu entwickeln», sagt Parisien, «die Band soll mehr sein als die Summe der Individualisten. Wir arbeiten wie eine Rockband, die viel Zeit miteinander verbringt und zusammen einen spezifischen Sound sucht und entwickelt.»

Im 2016 gegründeten Quintett Sfumato werden die Individualität der Musiker und deren Klangfarben stärker gewichtet. Zu sehen sind sie am 28. April in Basel. Am gleichen Abend ergänzt Parisien das Trio des deutschen Pianisten Michael Wollny. Auch diese Bands nennt er «eine Geschichte von Freunden». «Für mich muss es zuerst auf der menschlichen Ebene stimmen», sagt Parisien bestimmt. Er ist überzeugt, dass der kreative Prozess dann funktioniert, wenn man sich als Menschen versteht. «Wenn das Menschliche klappt, klappt auch die Musik. Wir sind wie eine Familie.»

Weltpremiere in Basel

Einen speziellen Platz in der Familie seiner Freunde hat der Akkordeonist Vincent Peirani. Die beiden haben sich 2012 in der Band der in Paris lebenden Schweizer Schlagzeug-Ikone Daniel Humair kennen gelernt. «Seither sind wir Freunde und spielen regelmässig zusammen», sagt Parisien. Im Spiel mit Peirani erleben wir einen anderen Emile Parisien. Seine folkloristische, populäre Seite kommt hier zur Geltung. «Vincent bat mich, in seinem Projekt singbare Melodien zu spielen, ich liebe das», sagt er. Zurzeit schreiben die beiden Kumpels Stücke mit Tango-Flair für ein Duo-Projekt, das im Juni in Basel Weltpremiere feiern wird. Das Album dazu wird erst 2020 folgen.

Am selben Abend kommt es zur ersten Begegnung mit dem Orquesta Típica El Afronte aus Buenos Aires. Einem Orchester, das den leicht angegrauten Tango in die heutige Zeit überträgt.

Die hochkarätigste Band in der Parisien-Familie ist «Out of Land». Eine Allstar-Band des europäischen Jazz mit Parisien, Peirani, Wollny und dem Schweizer Vokalartisten Andreas Schaerer. Doch weil die beteiligten Musiker in den verschiedenen Projekten so begehrt sind, sind Auftritte dünn gesät: Aktuell sind keine gemeinsamen Konzerte in der Schweiz geplant. Immerhin kommt es im grenznahen Deutschland zu Konzerten in reduzierter Besetzung (ohne Wollny).

Das Sopransax ist im Jazz immer noch relativ selten und meist Zweitinstrument. Sidney Bechet war der Vater des Soprans, John Coltrane führte es im modernen Jazz ein. Doch es blieb eine Randerscheinung und die Spezialität von Ausnahmekönnern wie Steve Lacy, Dave Liebman oder Wayne Shorter. Jetzt erlangt es mit Emile Parisien neue Aufmerksamkeit.

Doch wieso hat er sich für das schwierig zu spielende Instrument mit dem nasalen Klang entschieden? «Ich weiss es nicht», sagt er, «es war Liebe auf den ersten Ton. Ich verliebte mich, als ich das Instrument zum ersten Mal spielte. Ich habe es nicht gesucht, es hat mich gefunden, wie selbstverständlich.»

Parisien hat Tributes für Sidney Bechet aufgenommen, orientierte sich an Coltrane und Shorter. Auf seinem Horn hat er aber längst seine eigene Sprache gefunden. Heute tastet er sich langsam, langsam in die elektronische Welt vor und experimentiert seit Kurzem mit elektrischen Effekten. «Ich stehe erst am Anfang, aber es fasziniert mich. Ich will die Möglichkeiten Stufe um Stufe erkunden, bleibe aber zurückhaltend. Zu viel kann sehr schnell billig und ‹cheesy› klingen», sagt er. Wir sind gespannt.