Krimi
Sunil Mann: Warum Autoren gute Detektive wären

Sunil Mann schreibt an seinem Schreibtisch in Aarau über Dschihadisten vom Zürichberg. Das Böse, weiss der Krimi-Autor, gibt es überall.

Anna Raymann
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Sunil Mann − ein Berner, der in Aarau Zürich-Krimis schreibt

Sunil Mann − ein Berner, der in Aarau Zürich-Krimis schreibt

Britta Gut

Die ranzigen Ecken der Langstrasse, die austauschbaren Wohnblöcke in Schwamendingen, das glanzvolle Bellevue – Zürich ist in den Krimis von Sunil Mann erste Protagonistin. Wer die Stadt kennt, erkennt sie in jeder Zeile. Für den allerersten seiner Krimis, «Fangschuss», erhielt Mann 2010 auch gleich den Zürcher Krimipreis. Seither ermittelte in sechs weiteren Privatdetektiv Vijay Kumar, in den neusten zweien übernimmt das Ermittlerduo Marisa Greco und Bashir Berisha, doch immer spielt Zürich die Hauptrolle. Dabei wohnt Sunil Mann seit fünf Jahren in Aarau.

Aufgewachsen ist Mann, Sohn von indischen Einwanderern im Berner Oberland. Den Berner hört man auch nach etlichen Reisen als Flugbegleiter und nach 25 Jahren Zürich. Was hat Aarau denn nun, was Zürich nicht hat? Mann überlegt nicht lang: «Übersichtlichkeit – im positiven Sinne. Und Ruhe.» Neben den Krimis veröffentlichte er drei Kinderbücher und das Jugendbuch «Totsch».

Schreiben ist Disziplin

Schreiben hat für ihn nichts Glamouröses an sich, es gibt keinen Musenkuss, sondern Routine und Disziplin. Jeden Morgen setzt er sich an den Schreibtisch und arbeitet. Immer zu Hause, nie im Zug oder Café, die Ablenkung wäre vermutlich zu gross. Beim Gespräch auf der Café-Terrasse schweift sein Blick über die anderen Gäste. Es ist weniger ein Beobachten als ein Bemerken. In süffiger Sprache lässt der Autor seine Ermittler Fall um Fall lösen.

«Als Autor braucht man detektivisches Flair, man forscht nach und versucht, hinter Fassaden zu blicken. Es reizt mich, Geheimnisse zu lüften. Ich denke, ich wäre ein guter Detektiv.»

Seine Ermittlerin Marisa Greco war wie er einst Flugbegleiterin. Er überträgt ihr seine Fähigkeit, Menschen rasch einschätzen zu können, eine «Déformation professionnelle», trainiert an auffälligen Passagieren.

Der Türsteher und der Islamist vom Zürichberg

So merken Greco und Bashir Berisha, ehemaliger Türsteher und ihr Partner bei der «Agentur für unliebsame Angelegenheiten», im neusten Fall rasch, dass ihre Auftraggeber einiges verheimlichen. Erich, der Sohn der gut betuchten Bodmers, sei auf Weltreise untergetaucht. Diese ist jedoch nur Fassade in der «todschicken» Villa am Zürichberg, tatsächlich ist Erich in den Dschihad gezogen.

«Das Gebot» ist nicht nur ein Krimi aus dem islamistischen Milieu, das es auch in Zürich gibt, sondern auch ein kritisches Psychogramm junger Männer, die sich aus einem geschützten, privilegierten Umfeld heraus radikalisieren. Sunil Mann musste für dieses Buch tief in menschliche Abgründe blicken, sah Reportagen und las Berichte von Syrien-Rückkehrern. «Eine Recherche ist nicht nur intellektuell. Als Autor muss ich förmlich spüren, was in diesen Personen vorgeht», sagt Mann.

Die Grenzen des Genres ausloten

Mit Berisha und Greco sind Manns Krimis düsterer geworden, die Themen politisch dringlicher, die Erzählweise durch mehrere Handlungsstränge vielschichtiger. Der erste Fall der beiden Ermittler drehte sich um Migration und Frauenhandel – Themen, die dem Autor, der im Gespräch so gerne lacht, nachts gar den Schlaf raubten:

«Ich schreibe Bücher in erster Linie für mich. Schreiben ist kein demokratischer Prozess.»

Auch mit einem zehnten Fall will der Autor daher sich selbst überraschen. «Man hat einen Deal mit den Lesern. Man stellt am Anfang ein Problem auf und zum Schluss liefert man die Lösung. Es gibt eine Leiche, es wird ermittelt und schliesslich überführt. Aber dieses Raster langweilt mich unheimlich», sagt Sunil Mann.

Statt nun mit einem schweren Familienepos zu experimentieren, will er die Grenzen des Genres ausloten. Noch mehr Ebenen sollen sich miteinander verstricken, die sich wie beim «Rubik’s Cube» erst durch mehrfaches Drehen auflösen. «Wenn man das Genre ernst nimmt, ist es nicht so einfach Krimis zu schreiben, wie viele Menschen denken.»

Statt im «Kreis Cheib» in Zürich wird er auch den nächsten Fall im ruhigen, übersichtlichen Aarau schreiben. «Die Menschen werden nicht friedlicher nur weil sie in einem Kaff oder in einer Kleinstadt wie Aarau wohnen. Böses gibt es überall», zwinkert Sunil Mann. Einen Aarau-Krimi werde es vorerst aber noch nicht geben.

Sunil Mann, Das Gebot, grafit 2021, S. 349.