Zum Start von Lucerne Festival: Der Pianist András Schiff spricht über seine Kindheit

Morgen beginnt Lucerne Festival im Sommer zum Thema «Kindheit». Wir stellten die Gretchenfrage nach dem «Wunderkind» dem Pianisten András Schiff: Ein Gespräch über menschliche Alternativen zum Virtuosentum nicht nur in der Musik.

Urs Mattenberger
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«Wir dürfen uns die Musik durch die Politik nicht kaputt machen lassen»: András Schiff am Piano-Festival 2017 im KKL. (Bild: LF/Manuela Jans)

«Wir dürfen uns die Musik durch die Politik nicht kaputt machen lassen»: András Schiff am Piano-Festival 2017 im KKL. (Bild: LF/Manuela Jans)

András Schiff, Lucerne Festival rückt mit dem Thema «Kindheit» auch Wunderkinder in den Fokus. Deshalb die Gretchenfrage: Waren Sie auch ein Wunderkind?

András Schiff: Nein, ich war Gott sei Dank kein Wunderkind! Meine Mutter war zwar eine Pianistin, die ihre eignen Karriereträume nicht verwirklichen konnte. Und als ich früh anfing, mit einem Finger auf dem Klavier Melodien nachzuklimpern, war ihr klar, dass ich sehr musikalisch sein musste. Aber als ich etwa mit fünf begann, Klavierunterricht zu nehmen, war das eine rein spielerische Angelegenheit. Es war einfach etwas, das Spass machte, bis ich elf war. Ich habe in dieser Zeit vielmehr Fussball gespielt (lacht).

Dann hatten sie erst mit elf ein Schlüsselerlebnis – im Alter, in dem jetzt das jüngste Wunderkind an diesem Sommerfestival auftritt?

Es gab da kein spezielles Schlüsselerlebnis. Aber ich ging mit meiner Mutter regelmässig in Konzerte und habe da die grössten Pianisten jener Zeit gehört. Auf einmal wurde mir klar, dass ich Musiker werden wollte, und habe komplett umgestellt. In der Ausbildung stellte ich fest, dass gleichaltrige Kollegen viel weiter waren. Das war ein harter Weg. Ich gab kleinere Konzerte mit schlechten Orchestern. Aber ich hatte viel Zeit, mir ein Repertoire zu erschliessen.

Bekannt wurden Sie zunächst als überragender Interpret der Musik von Bach, mit dem Sie noch heute jeden Tag beginnen. Geht diese Liebe auf ihre Kindstage zurück?

Ja. Bach war ohnehin der erste Komponist, der Top-Stücke geschrieben hat, die man im normalen Klavierunterricht für Kinder verwenden kann. Aber ein Schlüsselerlebnis war die Begegnung mit dem Cembalisten George Malcolm. Meine Familie hatte Verwandte in England, und da hatte ich ihn kennen gelernt, weil ich ihm an seinen Cembalo-Abenden die Noten umblätterte. Malcolm war eine grosse Inspiration für mich, er hat mir zum Beispiel gezeigt, wie man Spielweisen auf dem Cembalo auf den modernen Flügel übertragen kann.

Mit dem an Bach geschulten Sinn für Polyfonie legten Sie später innere Stimmen bei Beethoven, Schubert oder Schumann frei und spielen so stilkundig wie kaum ein anderer ein Repertoire bis hin zur Moderne. Sehen Sie sich in Zeiten der Spezialisten als universalen Pianisten?

Nein, ich spiele zum Beispiel nicht die typische Virtuosenliteratur eines Liszt oder Rachmaninow.

Warum?

An der Virtuosenliteratur stört mich der Mangel an Ökonomie, die Vielrederei – im Gegensatz etwa zu Chopin, wo keine Note zu viel ist. Liszts h-Moll-Sonate ist zwar fantastisch komponiert, aber die spiele ich nicht, weil andere das viel besser können.

Im ersten ihrer Konzerte in Luzern dirigiert Heinz Holliger unter anderem Werke ihres ehemaligen Lehrers György Kurtag. Passen solche Künstlerfreundschaften in ein Tournee-Festival hineint?

Das Besondere in Luzern ist, dass das Festival eine grosse Verantwortung gegenüber zeitgenössischer Musik wahrnimmt. Ohne diese würden wir zu Museumswärtern. Und es ist diese Verbindung von Tradition und Moderne, die mich an neuer Musik interessiert. Ich kann zeitgenössische Werke nur spielen, wenn ich sie wirklich liebe. Wenn ich als Interpret Ausdruck einbringen kann oder der Komponist das Klavier nicht nur als Schlagzeug verwendet, sondern weiss, wie es sprechen oder singen kann. Diese Verbindung zur Musik der Vergangenheit spüre ich bei Holliger oder Kurtag. Ich erinnere mich genau an meine erste Unterrichtsstunde bei Kurtag, in der er mir die Geheimnisse der dreistimmigen Invention in E-Dur von Bach eröffnet hat.

In den Werken von Kurtag haben Sie aber die Solistenrolle abgegeben, wegen zu vieler Verpflichtungen. Sind zeitgenössische Werke so schwer zu erarbeiten, dass man sie in eine normale Konzertagenda nicht integrieren kann?

In diesem Fall habe ich mich einfach verschätzt und zu viel eingeplant, was mir gegenüber allen Beteiligten sehr leidtut. Grundsätzlich ist es zwar aufwendig, ein Werk neuer Musik zu erarbeiten. Aber Komponisten gingen immer wieder an die Grenzen, um wunderbare Werke zu schreiben. Und solche brauchen wir auch heute.

Früher haben sie sich auf grosse Zyklen einzelner Komponisten spezialisiert. Jetzt spielen Sie zu Kurtag Beethovens Mondscheinsonate und präsentieren am Piano-Festival zwei durchmischte Programme. Gehen Sie bewusst neue Wege?

Ja, ich komponiere jetzt eher Programme, die Bezüge zwischen Komponisten oder Epochen herstellen. Das Konzert mit dem Chamber Orchestra of Europe und Heinz Holliger ist diesbezüglich ein Traumprogramm. Zwischen Schönbergs Kammersinfonie und dem «COncErto» von Holliger nehmen die beiden Raummusiken von Kurtag Bezug auf die freien Formen in Beethovens Sonaten «quasi una Fantasia». Am Piano-Festival kombiniere ich nach tonalen Bezügen Werke von Brahms mit Komponisten, die Brahms schätzte.

Zoltán Fejérvári, den Solisten in den Werken von Kurtag, haben Sie in Ihr Förder-Projekt «Building Bridges» aufgenommen. Ist dieses eine Alternative zu den Virtuosen-Wettbewerben?

Ja. Wettbewerbe sind ja quasi sportliche Veranstaltungen, weil man nur objektiv messen kann, wie schnell oder langsam, laut oder leise und wie fehlerfrei jemand spielt. Alles andere ist Geschmackssache. Die Pianisten, die ich für das «Building-Bridges»-Programm auswähle, können deshalb Programme eigener Wahl an verschiedenen Orten in der Welt vorstellen. Ich bin ein grosser Fan von Roger Federer, weil er nicht nur die sportliche Seite im Tennis vertritt. Unter all diesen Athleten ist er für mich ein Künstler.

Aus Protest gegen nationalistischen Tendenzen in Ungarn treten Sie nicht mehr in ihrer Heimat auf. Als österreichischer und englischer Staatsbürger können Sie angesichts der politischen Entwicklung kaum noch in ihren Wahlheimatsländern auftreten.

Als das 2011 in Ungarn anfing, wollte ich ein Zeichen setzen, dass es eine Reaktion aus Brüssel bräuchte. Leider ist es dafür zu spät, und wir leben in unglaublich kritischen Zeiten. Natürlich habe ich gegen den Brexit gestimmt, und bekam das Gefühl, wie klein und schwach wir als Einzelne sind. Und dann kam ja noch zu allem Donald Trump hinzu. Aber die Musik dürfen wir uns durch all das nicht kaputt machen lassen. Sie steht für menschliche Werte, die bleiben, und sie hilft mir, bei aller Sorge kein Pessimist zu sein.

Zur Person

András Schiff wurde 1953 in Ungarn geboren und lebt heute in London und Florenz. Am Lucerne Festival im Sommer, das morgen eröffnet wird, tritt András Schiff zweimal mit dem Chamber Orchestra of Europe im KKL-Konzertsaal auf:

Konzerte

András Schiff tritt zweimal mit dem Chamber Orchestra of Europe im KKL-Konzertsaal auf:

Mo, 20. August, 19.30: Leitung Heinz Holliger (Schönberg, Kurtag und Beethoven, Holliger).

Do, 23. August, 19.30: Leitung Bernard Haitink (Beethovens Klavierkonzert Nr. 1 und Pastorale).

www.lucernefestival.ch

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