Interview

«Ich fühlte mich wie ein Sofa am Strassenrand»: Kabarettist Michael Elsener über Ende von «Late Update»

Michael Elsener spielt bald wieder vor ausverkauften Stuhlreihen. Die eine oder andere Lücke wird wegen Corona aber unvermeidlich sein.

Michael Elsener spielt bald wieder vor ausverkauften Stuhlreihen. Die eine oder andere Lücke wird wegen Corona aber unvermeidlich sein.

Das SRF hat seine Satire-Show abgesetzt. Doch der Zuger Kabarettist und Stimmenimitator Michael Elsener, 35, lässt sich nicht entmutigen. Seine Abstimmungsvideos sind der Hit. Am 25.September feiert sein Programm «Fake me happy» Premiere.

In Michael Elseners Heimat Zug scheint man nicht nur finanzkräftige Firmen zu lieben, sondern auch Kabarettisten. Das denkt die Journalistin, als eine nette Dame sie mit dem Auto spontan ans Hafenrestaurant fährt. Am Lautsprecher läuft Dieter Nuhr. «Da sehen Sie mal, wir Zuger haben noch andere Interessen», sagt Michael ­Elsener lachend zur Begrüssung.

Am 27.September wird abgestimmt. Ihre Erklärvideos zu den Abstimmungsvorlagen erfreuen sich grosser Beliebtheit. Haben Sie je daran gedacht, sich mal beim Bund zu bewerben?

Michael Elsener: Sie können mich beim Bund gerne mal vorschlagen! (lacht) Meine Beiträge sind allerdings nie neutral. Ich spreche über das, was ich will. Und da ich diese Videos selbst produziere, muss ich anders als beim Fernsehen auch nirgendwo eine Formulierung einbauen, damit das ganze politische Spektrum einverstanden ist. Das geniesse ich sehr.

Wie funktioniert Meinungsfindung beim Elsener?

Ich lasse mich bei jeder Vorlage voll auf die Thematik ein, lese die Argumente der Befürworter und der Gegner, mache eine Auslegeordnung und schaue dann mit Abstand noch einmal drauf. Mit welchen Massnahmen wird auf progressive Art ein Problem gelöst? Das meiste angelesene Wissen kann ich gar nicht in die Videos packen, aber das Wissen öffnet meinen Horizont – auch für die Argumente der Gegner. Am meisten freue ich mich, wenn mir die Rückmeldungen der Menschen zu verstehen geben, dass ich den Kern der Sache getroffen habe.

Sie kommunizieren mit Ihrem Onlinepublikum intensiv über Whatsapp und über Youtube. Warum?

Es ist ein tiefes Anliegen von mir. In der Politik reden wir hauptsächlich über die Frage, wie wir zusammenleben wollen, nur leider oft sehr technisch. Ich bin überzeugt, dass diese Fragen aber alle interessieren. Über meine Videos erreichen die Themen auch Politikverdrossene. Die Kritik ist in den meisten Fällen immer wertschätzend. Ich liebe es, mit den Leuten zu argumentieren.

© Nadia Schaerli

Comedy und Infotainment ist bei Ihnen nicht leicht auseinanderzuhalten. Wie gehen Sie damit um, dass nicht alle Sie verstehen?

Mein Humor ist nie neutral, weil Satire nicht neutral sein kann. Wenn ich Dinge zuspitze, verstehen das die meisten, aber nicht alle. Manchmal muss ich in den Kommentarspalten meinen eigenen Humor erklären. Das mache ich nicht so gern (lacht).

Videos produzieren ist zeit- und kostenaufwendig. Woher holen Sie die Ressourcen?

Ich verdiene nichts daran. Normalerweise finanziere ich die Videos mit Tourneeeinnahmen quer. Im Moment muss ich mein Erspartes anzapfen. Wenn jemand findet, er wolle statt in eine Skulptur oder einen Rembrandt in ein paar Elsener-Videos investieren, ich bin da offen!

Stimmt es, dass manche Ihnen Geld für diese Videos schicken?

Ja, das ist der Wahnsinn. So etwas hätte ich nie für möglich gehalten. Fremde Menschen, darunter auch Auslandschweizer, die sich über meinen Kanal à jour halten. Es kommt schon mal vor, dass mich eine SMS aus Kuba erreicht: «Wahlcouvert gerade abgeschickt». So etwas berührt mich.

Wie haben Sie den Lockdown zugebracht?

Ich war zu Beginn dieser verordneten Zwangsferien extrem energiegeladen und hatte noch vor dem Sommer damit angefangen, mein neues Programm zu schreiben. Ich hatte mich in meiner Wohnung regelrecht eingegraben. Es war eine friedliche Phase. Keine Telefonate, keine Sitzungen, keine Proben. Ich habe in dieser Zeit gelernt, dass ich nicht ständig anwesend sein muss, damit alles weiterläuft. Und ich konnte inhaltlich viel intensiver arbeiten.

Mehr Tiefgang dank Lockdown?

Ich finde ja. Ich konnte zum Beispiel der Frage nachgehen, wie wir als Gesellschaft dem Rechtsextremismus künftig begegnen sollen. Das Thema ist eine Gratwanderung. Unter Zeitdruck hätte ich aufgegeben. Nun konnte ich dem Thema sogar einiges an Humor abgewinnen.

Bild aus vergangenen Tagen: Elsener in seiner abgesetzten Satire-Show.

Bild aus vergangenen Tagen: Elsener in seiner abgesetzten Satire-Show.

Wie stark spüren Sie die wirtschaftlichen Einbussen?

Stark. Da sind zum einen die Aufführungen, die abgesagt werden mussten und für die wir ständig neue Verschiebedaten suchen. Wir müssen fast jeden Auftritt dreimal planen. Und dann sind da all die Engagements, für die man gar nicht mehr angefragt wird: Firmenevents wie Weihnachtsessen oder private Anlässe wie Geburtstage.

Stört es Sie, dass Sie in der medialen Berichterstattung oft als blauäugiger blonder Lockenkopf auf Ihr Äusseres reduziert werden?

Es ist doch OK, wenn ich das als Mann auch mal erlebe – Frauen machen extremere Erfahrungen. Als ich letztes Jahr durch die Philippinen reiste, war ich überall der «guy with the curly hair». Auch in der Schweiz erlebe ich das. Man braucht sich nicht mal meinen Namen zu merken. Trotzdem schlafe ich gut, meine Frisur bettet mich weich.

Juso-Chefin Ronja Jansen sah das nicht so entspannt, als Sie sie in einem Interview mit SP-Chef Christian Levrat als «heiss» bezeichneten. Haben Sie sich bei ihr entschuldigt?

Gesagt hatte ich das ja nicht als Michael Elsener, sondern als Kunstfigur Franz-Walter Froschmeier, ein schmieriger deutscher Journalist aus meinem Figurenrepertoire. Ich hatte mir zum Ziel gesetzt, SP-Chef Christian Levrat im Interview undercover mit Themen zu provozieren, die ihm wichtig sind, in diesem Fall mit Sexismus. Doch Levrat blieb cool, deshalb erreichte das Gespräch die höchste Eskalationsstufe.

Jansen regierte mit einem Tweet, Sie wurden vom SRF-Ombudsmann gerüffelt. Ihre Reaktion?

Ich löse Konflikte gerne direkt. Als ich den Tweet sah, habe ich sie sofort angerufen. Ronja Jansen hat schliesslich verstanden, was ich mit dem Gag eigentlich bezweckt hatte und dass wir eigentlich für die gleiche Sache kämpfen. Aber es war schon absurd, plötzlich mit Vorwürfen von Menschen konfrontiert zu sein, deren Anliegen man eigentlich teilt. Da stand ich ganz kurz auf Error.

Wo liegen denn die grössten Fallstricke beim Humor?

Wenn die Leute den Inhalt eines Witzes mit dessen Ziel verwechseln. Wenn ich beispielsweise in einem Witz die Haltung der Katholischen Kirche gegenüber Frauen und Homosexuellen anprangere und darin auch noch Gott vorkommt, empfinden das manche als Gotteslästerung. Dabei richtet sich mein Witz einzig gegen die Katholische Kirche.

Wie gross war Ihre Enttäuschung, als man«Late Update» zu Gunsten von «Deville» absetzte?

Noch im Herbst hatte man mich gebeten, die Sendetermine für 2020 zu reservieren. Als es zu einem Zielkonflikt mit meiner Tournee kam, wollte ich wissen, ob die zweite Staffel wirklich kommt. Als man sie mir zusicherte, habe ich meine Tournee abgesagt. Kurze Zeit darauf wurde ich damit konfrontiert, dass «Late Update» abgesetzt wird. Für einen Künstler, für den Auftritte existenzsichernd sind, war das ein Schock. Deshalb habe ich mich auch mit diesem «Gratis zum Mitnehmen»-­Schild in den sozialen Medien verabschiedet. Ich fühlte mich ein wenig wie ein gebrauchtes Sofa, das am Strassenrand liegt.

© Nadia Schaerli

Gabs neben den nackten Quoten vom SRF noch ein Feedback?

Nein. Dafür, dass das SRF ein Kommunikationsunternehmen ist, funktioniert Kommunikation dort nicht wirklich transparent. Entscheide gehen durch mehrere Hierarchiestufen, man muss extrem lange warten, bis man eine Antwort bekommt. Letztlich konnte mir niemand mehr genau sagen, wie ein Entscheid wirklich zu Stande kam.

Sie waren im Leben schon öfters der Zweitplatzierte, nicht nur zu Ihrem Nachteil. Auch jetzt?

Ja, das stimmt. (Lacht). Bei allen deutschen Kabarettpreisen bin ich auf dem zweiten Platz gelandet. Trotzdem wurde ich gebucht – manchmal gerade, weil ich zweiter wurde und mir dies Goodwill brachte. Das war toll!

Apropos Deutschland: Sie touren seit Jahren auch durchs Nachbarland. Für Schweizer Comedians traditionell ein hartes Pflaster. Was machen Sie für Erfahrungen?

Bei der Grösse des Landes erfordert das weite Anreisewege und viel Aufbauarbeit. Ich habe für Deutschland ein eigenes Programm geschrieben, weil der Humor hier anders funktioniert. In der Schweiz wäre es schwierig, das Thema Sterbehilfe zu Beginn einer Vorstellung zu bringen. In Berlin bringe ich das Thema zum Start, sonst schlafen sie mir ein. Ich geniesse es, hier nochmals Anfänger zu sein. In der Schweiz musste ich keine klassische Ochsentour machen, der Erfolg kam früh. Und weil die Humorentwicklung in Deutschland schneller und lebendiger ist, zwingt mich das auch, meine Schweizer Gags neu zu überdenken.

Nun ist Ihnen diese Woche mit Mike Shiva eine Ihrer Figuren weggestorben. Hätte er im neuen Programm noch eine Rolle gespielt?

Nein, mein herzliches Beileid an die Angehörigen. Aber er ist bei mir schon früher abgetreten. Die Figur war auserzählt.

Hat man als Comedian Angst vor dem Tod seiner Figuren?

Unter den Figuren, die ich im neuen Programm parodiere, gibt es neben sehr jungen auch ältere Herrschaften, da macht man sich als Künstler schon mal Gedanken. Würden zwei von ihnen sterben, würde bei zwei Nummern ein grosser Teil wegfallen. Denn es gibt nichts Peinlicheres, als Nummern zu spielen, die nicht mehr aktuell sind. Als der Rücktritt von alt Bundesrat Moritz Leuenberger mich vor Jahren am Nachmittag erreichte, musste ich die Nummer während der Zugfahrt zum Auftritt umschreiben. Fürs neue Programm hole ich ihn wieder aus der Mottenkiste.

Warum das?

Während des Lockdowns kam mir die Idee, den Gesamtbundesrat zu parodieren. Sie besuchen bei mir einen Rhetorikworkshop. Dieser kann echt nur von einem geleitet werden: Moritz Leuenberger.

Welcher Ihrer Figuren hat den höchsten Aerosol-Ausstoss? Da ich im Licht der Bühnenscheinwerfer jedes Feuchtigkeitspartikel sehe, kann ich das gut beurteilen. Ich glaube Hausi Leutenegger ist die grösste Virenschleuder. Deshalb habe ich seine Auftrittszeiten limitiert, nur zwei kurze Sequenzen gibts im neuen Programm.

© Nadia Schaerli

Ihr neues Programm heisst «Fake me happy». Wo fängt Fake an, wo hört Authentizität auf?

Es ist eine Frage der Perspektive. Wir leben in Zeiten, wo sich diese Frage nicht mehr so leicht beantworten lässt. Wenn ganz viele Leute finden, dass etwas als Fake daherkommt, dann ist es Fake. Der Philosoph Thomas Hobbes hat mal gesagt, dass das Vorspielen von Dingen eine Gesellschaft auch stabilisieren und Konflikte mindern kann.

Brechen Sie da eine Stange für Lügen?

Nein, ich nehme mir in meinem Leben vor, möglichst wahrhaftig zu sein, auch wenn das für mich oft anstrengend ist. Deshalb ist es mir auch wichtig, dass die Rolle, die ich im öffentlichen Leben spiele, von meinem privaten Ich nicht so weit entfernt ist. Ich fände es unaushaltbar, wenn ich die ganze Zeit eine Rolle spielen müsste. Da wäre ich ja ganz allein in meiner Welt.

Autor

Julia Stephan

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