Berlinale

«I Am Not Your Negro»: Das Farbspektrum des Rassismus

Der US-Autor James Baldwin (1924-1987) schrieb über die Geschichte des Schwarzen in Amerika. Magnolia Pictures

Der US-Autor James Baldwin (1924-1987) schrieb über die Geschichte des Schwarzen in Amerika. Magnolia Pictures

«I Am Not Your Negro» zeigt Diskriminierung als ur-amerikanisches Problem. Die Schweizer Co-Produktion ist ein Film voller Zündstoff, ein Film am Puls der Zeit.

Verwirrung machte sich breit, als am 24. Januar die diesjährigen Oscar-Nominierungen verkündet wurden. Die Schweiz lag erstmals in ihrer Geschichte gleich mit zwei Filmen im Rennen, mit «Mein Leben als Zucchini» und «La femme et le TGV». Doch auch der Dokumentarfilm «I Am Not Your Negro», koproduziert von der Genfer Firma Close Up Films und RTS, wurde nominiert.

Drei Schweizer Oscar-Kandidaten also? Leider nein (siehe Box am Ende des Artikels). Schlechter ist der Film, der diese Woche an der Berlinale seine Europapremiere gefeiert hat, deswegen natürlich nicht. Im Gegenteil: «I Am Not Your Negro» ist ein Film voller Zündstoff, ein Film am Puls der Zeit.

Wäre der Dokumentarfilm des haitianischen Regisseurs Raoul Peck letztes Jahr erschienen, wäre die Hommage an den 1987 verstorbenen James Baldwin, ein herausragender US-Intellektueller des 20. Jahrhunderts, wohl in eine Identity-Politics-Nische verdrängt worden. Die verstörende Verschränkung von historischem Filmmaterial brutaler Übergriffe gegen Schwarze während der 60er-Jahre und jüngeren TV-Clips von Polizeigewalt gegen Afro-Amerikaner und Rassenunruhen aus Ferguson und anderswo hätte man einfach als Provokation eines Eiferers mit «Black Lives Matter»-Agenda abgetan.

Offizieller Filmtrailer zu «I Am Not Your Negro»

Offizieller Filmtrailer zu «I Am Not Your Negro»

Im Kontext der Trump-Administration, mit Markenzeichen der Ausgrenzung von Muslimen, Mexikanern, Frauen und Schwarzen, geht das nicht. Im Gegenteil, gerade im heutigen Amerika erhält «I Am Not Your Negro» unerhörte Kraft – und weckt das Interesse an James Baldwin, diesem eigenwillig cool gestylten, schwarzen, homosexuellen Autor, der nur selten ohne Zigarette auftrat.

Black History ist nicht Geschichte

Die Idee des Films ist einfach: Als Grundlage diente Regisseur Peck Baldwins unveröffentlichtes Buchfragment «Remember This House». Baldwin wollte eine Geschichte über drei führende, ihm persönlich bekannte Civil-Rights-Leader konstruieren: Medgar Evers, erschossen am 12. Juni 1963 in der Einfahrt seines Hauses in Jackson, Mississippi, Malcom X, erschossen während eines Vortrags am 21. Februar 1965 in Washington Heights in NYC, und Martin Luther King Jr., erschossen am 4. April 1968 auf der Veranda eines Motels in Memphis, Tennessee.

Die gewaltsame Trinität suggeriert das Kernthema des Films: «Die Geschichte Amerikas ist die Geschichte des Schwarzen in Amerika. Und diese zeichnet kein hübsches Bild», so der Kernsatz von Baldwin in «I Am Not Your Negro», sondern ein Porträt des systemischen Rassismus der auf Sklaverei gebauten und segregierten Vereinigten Staaten. Anders als der pazifistisch-christliche Dr. King oder der militant-utilitaristische Malcolm X (dem im Kampf für Gerechtigkeit «alle Mittel recht» waren) analysierte der Soziophilosoph Baldwin in seinen Werken die rassistischen Auswüchse einer US-Gesellschaft, die unfähig ist, ihre eigene Geschichte zu akzeptieren und zu verarbeiten.

Zeitgenössische Aufsätze – etwa von Ta-Nehisi Coates im Magazin «The Atlantic» über Rassismus bei Kreditvergabe, in Drogenpolitik und Strafjustiz bis hin zum Thema Reparationszahlungen – argumentieren, dass systematischer Rassismus bis heute ein ur-amerikanisches Problem ist, an dem sogar der erste schwarze Präsident der USA nicht zu rütteln vermochte.

Stimmen wie Coates verdanken sich Baldwin, seinen scharfsinnigen und -züngigen Betrachtungen zur sozialen Realität in der Black Community aus der Sicht des exilierten Weltbürgers: Als 24-Jährigen zog es ihn nach Paris, im Winter 1951 verbrachte er drei Monate mit seinem Schweizer Liebhaber Lucien Happersberger in Leukerbad, woraus der Aufsatz «Stranger in the Village» (1955) entstand.

Filmhistorische Collage

Raoul Pecks Film macht klar: Baldwin ist hochaktuell. Nebst einer Fülle von verstörendem Archivmaterial zu Pogromen und atemberaubend gescheiten Auftritten Baldwins in Talk-Shows und Streitgesprächen (etwa an der Cambridge University gegen den amerikanischen Konservativen William F. Buckley) legt eine Unmenge Szenen aus Hollywoodstreifen, die bewusst oder unbewusst die Rassenfrage berühren, und die Baldwin genüsslich seziert, eines besonders nahe: James Baldwins grösste Stärke war womöglich die Kritik einer rassistischen Gesellschaft aus dem Geist der US-Popkultur.

Über Baldwins eigene (im Voice-Over von Hollywoodstar Samuel L. Jackson erzählten) Texte zu den Absonderlichkeiten der kinematografischen Darstellung von Nicht-Weissen in Amerika spannt Peck einen visuellen Bogen mit filmischem Anschauungsmaterial aus Jahrzehnten: Hollywoods rassistische Filmkultur, von Harry Pollards Stummfilm «Uncle Tom’s Cabin» (1927) über Affen-Metaphern in «The Monster Walks» (1932) und «King Kong» (1933), «Indianer»-Klischees in John-Wayne-Filmen bis zum Auftauchen des sexy und intelligenten Schwarzen-Typus à la Sidney Poitier oder Harry Belafonte auf der Leinwand setzt Peck als Gesellschaftsspiegel ein.

Die kinematografische Collage unterstützt Baldwins popkulturelle Genealogie des Rassismus und illustriert seine Weigerung, genau diesen Vorbildern zu entsprechen. Deshalb auch der Titel: «I Am Not Your Negro». Peck ist mit «I Am Not Your Negro» ein Wunderwerk gelungen, das man sich nicht entgehen lassen darf.

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