Was ist das Zeichen für einen gelungenen Theaterabend? Wenn das Publikum nach der Aufführung nicht gleich nach Hause geht, sondern Lust, ja gar das Bedürfnis hat, darüber zu reden. Denn dieser Liliom, der stets die Fäuste zuvorderst und die Gefühle hinter den Muskeln abgeschottet hat, verstört das Publikum. Ebenso Julie, die sich seine Schläge gefallen lässt, die diese zum Scheitern verurteilte Liebe aushält, aushalten will. Und gleichzeitig amüsiert man sich in diesen 90 Theaterminuten: über die fantasievolle Maskerade, die Überzeichnung der Figuren. Ein Wechselbad der Gefühle also gilt es zu diskutieren.

Menschliche Abgründe

Über die Abgründe der Liebe sinniert eine Zuschauerin, an den Fall Rupperswil muss eine andere denken, einen typischen Fall von häuslicher Gewalt sieht der Jurist. Wie die Macht der Sprache oder Sprachlosigkeit Schicksale bestimmt, war für eine andere prägend. Einig war man sich über die eindrückliche Schauspielerleistung und die Stimmigkeit der Inszenierung.

Frech und frisch hat Regisseur Olivier Keller den Klassiker «Liliom» von Ferenc Molnár inszeniert. Ein gewagtes Unterfangen, wird die 1909 uraufgeführte Vorstadtgeschichte des Ungarn doch bis heute regelmässig an den grossen deutschsprachigen Theatern gespielt. Kann da eine kleine Truppe mithalten? Das Theater Marie griff nicht auf die gängige Übersetzung von Alfred Polgar von 1912 zurück, sondern liess das Stück von Joël László neu übersetzen. Direkter, kantiger, ohne den wienerischen Schmäh. Und Pascal Nater schrieb Lieder zum Stück, die einzelne Gedanken wie vertiefen – und gleichzeitig für Lockerheit, ja Lacher sorgen. Kommt dazu, dass die Polizisten, die Musiker und Statisten wie Figuren aus einem Fantasy-Stück auftreten. Eine heikle Gratwanderung zwischen Kunst und Spektakel, zwischen high und low, zwischen Historie und heute. Aber sie gelingt.

Tolle Schauspieler 

Auch dank der Schauspieler. Wunderbar, wie sich Barbara Heynen vom frischen, lebenshungrigen Mädchen zur still ihr Schicksal ertragenden Frau wandelt. Gut besetzt ist Liliom mit Ladislaus Löliger. Testosterongestärkt, aber spracharm wird er hilflos hin- und hergerissen zwischen seiner Chefin Muskat und Julie. Freude über die Schwangerschaft von Julie kann er nur mit Luftsprüngen und gereckter Faust ausdrücken. Mit Gewalt versucht er seine Selbstachtung zu erhalten und zerstört damit aber gerade sein Leben. Und er bleibt unverbesserlich – selbst nach dem Tod.

Wo wäre Umkehr möglich? Muss Liebe so sein? Zeigt das befreundete spiessbürgerliche Paar ein bessere Alternative? Wie gefangen sind Menschen in ihrer dreckigen Vorstadtexistenz? Nirgends liesse sich besser darüber diskutieren als im Hinterhof bei der Alten Reithalle.

Theater Marie Liliom. Alte Reithalle, Aarau. Mi/Fr/Sa 1./3./4 Juni. Später in Winterthur, Baden und Bern.