Literatur
Die Familie wird als mörderisches Teufelsgeflecht entlarvt

Sein Debütroman war ein Orkan. In «Otmars Söhne» pfeift der niederländische Schriftsteller Peter Buwalda auf Regeln und Skrupel.

Peter Henning
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Der preisgekrönte Schriftsteller Peter Buwalda.

Der preisgekrönte Schriftsteller Peter Buwalda.

Bild: Getty

2013 trumpfte Peter Buwalda mit seinem Debüt mächtig auf, in dem er eine Familie als mörderisches Teufelsgeflecht aus Lüge, unkontrollierter sexueller Gier und dem ungebremsten Willen zur Macht entlarvte. 250'000 Mal wurde das Epos in den Niederlanden verkauft. Zudem trug ihm sein Buch fünf niederländische Literaturpreise ein und Vergleiche mit dem Amerikaner Jonathan Franzen. Doch wo Franzen dem Thema «Familie» wie mit dem Skalpell zu Leibe rückte, da agierte Buwalda mit der Kettensäge.

Dabei schlug der 1971 in Brüssel Geborene einen wilden, und süchtig machenden Ton an, dem wir nun in seinem neuen Epos «Otmars Söhne» wieder begegnen. Auch diesmal nehmen die auf 621 Seiten ihren Ursprung im Schoss einer Familie, die er im Folgenden zerlegt wie ein Pathologe, um hinter seine Todesumstände zu kommen. War es in «Bonita Avenue» die Familie eines Politikers, so ist es nun die seines Protagonisten Ludwig Smit, der – nachdem sein Vater die Familie noch vor seiner Geburt verliess – in der seines Stiefvaters Otmar aufwächst, und neben zwei auf eine Karriere als Klassik-Virtuose getrimmten Geschöpfen erfolglos seinen Platz zu finden sucht.

Hoch unterhaltsam enthüllt uns Buwalda das tägliche Miteinander der im Zeichen klassischer Musik agierenden Familie in Form zahlreicher Rückblenden, die uns nach und nach in jene Erzählgegenwart überführen, in der Ludwig Smit als Angestellter des Shell-Konzerns für die Erschliessung neuer Ölfelder mit Dynamit zuständig ist.

Netflix-taugliche Breitband-Produktion

Er hat eine Frau (die ihn bloss noch nervt) – und ein Kind (das er viel zu selten sieht). Und die grosse Leerstelle «Vater» hat sich nie für ihn geschlossen. Doch als er dann im Zug seiner Arbeit dem CEO der Firma, Hans Tromp, begegnet, verdichten sich bald die Hinweise darauf, dass der Mann sein leiblicher Vater ist – und Buwaldas Roman nimmt Fahrt auf.

Schliesslich trifft Ludwig in Sibirien auf eine Journalistin, die an einer Geschichte über Tromps dunkle Machenschaften arbeitet. Hier erhält Buwaldas Roman seinen finalen Twist, der ihn endgültig zu einer Netflix-tauglichen Breitband-Produktion veredelt. Der vorliegende Band ist der Auftakt zu einer auf knapp zweitausend Seiten geplanten Trilogie über das Höllenfahrtskommando «Familie».

Mit seinem Roman «Bonita Avenue» hatte Buwalda einen Roman vorgelegt, der gerade durch das bewusste Weiterdrehen des Erzählens und Nachdenkens über Familie ins Groteske und Irrationale tieferliegende Wahrheiten ans Tageslicht holte, an die mit traditionellen Erzähltechniken nicht heranzukommen war.

In seinem neuen Wurf nun geht er noch einen Schritt weiter, pfeift auf alle Regeln und Skrupel. «Avenue Bonita» lesen hiess, in die verglimmende Asche des Familienromans zu starren. In «Otmars Söhne» nun löscht er unerschrocken auch die letzten Glimmfunken aus.

Peter Buwalda: Ottmars Söhne (Rowohlt Verlag), 621 Seiten.