Kultur

Historische Romane schummeln sich zur Wahrheit

Marie Tussaud (1761-1850), selbst als Wachsfigur dargestellt, die während der Französischen Revolution den Kopf eines Guillotinierten in Wachs nachbildet.

Marie Tussaud (1761-1850), selbst als Wachsfigur dargestellt, die während der Französischen Revolution den Kopf eines Guillotinierten in Wachs nachbildet.

Abgeschnittene Köpfe in Paris, ein Leichentransport in Afrika – zwei neue Romanbiografien über Madame Tussaud und den Afrikaforscher David Livingstone zeigen Chancen und Probleme dieses beliebten Genres auf: grossartige Epochenporträts und Erzählklischees.

Da sitzt die zierliche, 32-jährige Marie Tussaud mit dem bluttriefenden, abgeschlagenen Kopf des französischen Königs Ludwig XVI. und muss in Windeseile daraus einen Wachskopf herstellen: einölen, Gipslappen auflegen, trocknen lassen, mit Wachs ausgiessen. Lebensecht müssen die Köpfe sein: zum Gruseln schön – oder zum Bewundern. Denn im Revolutions-Paris strömen die Besucher in ihr Kabinett, um Geschichte zu erleben. Waren zuvor Philosophen und die Königsfamilie Hauptattraktion, sind es nun die gestürzten Herrscher – und bald auch die Köpfe der guillotinierten Revolutionäre.

Die Szene spielt 1793, nach der Revolution fordert der Terreur täglich Dutzende Opfer. Edward Careys Romanbiografie der Madame Tussaud steuert zielgenau auf diese Szene hin: von ihrer Geburt 1761 im Elsass, dem im Krieg verstümmelten Vater und dem Selbstmord ihrer Mutter über ihre Lehrzeit in Bern bei einem Arzt und Wachspräparator ins vorrevolutionäre Paris. Alles aus ihrer eigenen Perspektive geschildert. Ihre zweite Lebenshälfte als Schaustellerin und Begründerin des Wachsfigurenkabinetts in London deutet Carey nur an. Sein Roman wäre statt 490 Seiten 1000 Seiten dick geworden.

Madame Tussaud schönte ihre Memoiren

Wie bringt man historische Fakten und erzählerische Fiktion zusammen? Ein Roman braucht plastisch gezeichnete Figuren, eine stimmige Sprache, eine mitreissende Story und ein thematisches Zentrum. Carey liefert all das. Marie Tussaud selbst hat in ihren 1838 erschienenen Memoiren von ihrem damaligen, blutigen Gewerbe berichtet. Historiker sagen jedoch: Sie habe eine geschönte, märchenhaft ausgeschmückte Lebensgeschichte geliefert. Verschwiegen habe sie etwa, dass ihre Vorfahren Henker waren. Um ihren sozialen Aufstieg nicht zu gefährden, habe sie dies verheimlicht.

Dank Chronisten wird die Monografie zum Epochenbild

Edward Carey akzeptiert ihr Schummeln, nimmt sich die Freiheit, einiges zurechtzurücken, auszuschmücken, und konzentriert sich auf die Lebensphase in Paris. Dafür nutzt er eine andere Quelle: Louis-Sébastien Mercier, ein begnadeter Chronist des stinkenden, chaotischen, verarmten Paris im 18. Jahrhundert. Es ist eine beliebte Methode für Romanbiografien: Carey weitet das Monografische zum Epochengemälde, indem er die Figur in historisch korrekt geschilderte Situationen stellt. Grossartig auch, wie er Maries scharfe Körperbeobachtung als Vorherbestimmung zum Wachsfigurengenie gestaltet.

Edward Carey macht Tussaud zum Aschenputtel

Allerdings schrammt Carey mit seinem Erzählkonzept die Kitschgrenze. Zu durchsichtig schildert er das Leben Tussauds als Aschenputtel-Geschichte mit böser Stiefmutter, schwachem Vater und Marie als unterdrückter und unterschätzter Dienstmagd. Märchenhaft wird es auch, wenn er Marie zur Lehrerin der Königsschwester Elisabeth macht. Er folgt dabei den Memoiren der Madame Tussaud, obwohl Historiker Zweifel anmelden. Allerdings ermöglicht ihm die märchenhafte Erzählung Einblick ins höfische Leben, was grosses Lesevergnügen bereitet. Wenn Edward Carey die junge Marie den König in dessen Schlosserwerkstatt in Versailles besuchen oder bei der Geburt der Königstochter zuschauen lässt, dann stimmt die historische Szenerie. Ludwig XVI. war lieber Schlosser als König, Privatsphäre gab es für das Königspaar keines. Bloss Marie war wohl kaum dabei.

Wachsfigurenkabinette: Auch heute Prominente und Gruselkabinett

Mit einem Augenzwinkern macht Edward Carey zudem am Ende klar, dass er hier «eine weitere Mär» liefere: «die von der kleinen Frau, die die Geschichte auf ihrem Rücken trug». Madame Tussauds Wachsfigurenkabinette bieten auch heute Schaulust auf doppelte Art. Hier die Celebrities: Nelson Mandela, Beatles, Queen und Adele. Dort die Gruselkabinette mit den aufgespiessten Köpfen von Marie Antoinette und Robespierre. Bei allem Voyeurismus und märchenhaften Zügen dieses Romans verneigt man sich vor einer genialen Frau, die im 18. Jahrhundert Unternehmerin wird.

Der tote Afrikaforscher und seine loyalen Begleiterinnen

Der tote David Livingstones wird 1874 an die Küste nach Sansibar getragen.

Der tote David Livingstones wird 1874 an die Küste nach Sansibar getragen.

Die simbabwische Schriftstellerin Petina Gappah geht in ihrem Roman «Aus der Dunkelheit strahlendes Licht» umgekehrt vor. Sie berichtet über den Missionar und Afrikaforscher David Livingstone von dessen Tod 1873 her. Jahrelang suchte er vergeblich nach der Quelle des Nils. Sie lässt zwei ehemalige Sklaven von Livingstone und von ihrem eigenen Leben erzählen. Es sind ambivalente, komplexe Figuren: die redselige Köchin Halima und der heuchlerische Missionar Jacob Wainwright. Im Zentrum steht der Leichentransport aus dem Inneren des Kontinents an die Ostküste nach Sansibar. 1500 Kilometer legt die Karawane zurück, von den 69 Personen sterben 10, 15 desertieren.

Missionare sind Wegbereiter der Kolonialisten

Petina Gappah bietet also keine chronologische Biografie Livingstones, sondern ein schmerzhaftes Selbstbild des kolonial zerrissenen und von afrikanischen und arabischen Sklavenjägern verwüsteten Schwarzafrika. Der Romantitel ist ironisch und widerspiegelt das arrogante, koloniale und groteske Bemühen, dem «dunklen» Kontinent das Licht des Christentums zu bringen und die Sklaverei abzuschaffen. Die Missionare sind zynischerweise Wegbereiter künftiger Kolonialisten und die Einheimischen zu schwach, um die Sklavenjäger zu entmachten.

Livingstone stirbt an gebrochenem Herzen

Aus Halimas Sicht ist Livingstone an gebrochenem Herzen gestorben. Zu düster sei für ihn letztlich der schwarze Kontinent, sagt sie. Und schüttelt den Kopf über den besessenen Mann, der seine Kinder jahrelang alleine lässt, um einem Fluss nachzujagen, der auch ohne ihn fliesse. Petina Gappah lässt sie in assoziativem Plapperton in Dankbarkeit an ihn erinnern. Immerhin hat er sie aus der Sklaverei freigekauft – für seinen Karawanenführer Amoda, der neben seinen beiden Ehefrauen gerne eine Reisefrau möchte. Lakonisch berichtet Halima von Sklaverei, Gewalt, Massakern und von Eifersucht unter den mitreisenden Frauen. Gappah macht mit der Figurenrede klar: Hier spricht jemand aus subjektiver Sicht, weist sich als unzuverlässige Erzählerin aus.

Perspektivwechsel gibt den stummen Zeugen eine Stimme

Auch der andere Erzähler, der satirisch gezeichnete Jacob Wainwright, ist von seiner subjektiven Sicht, seinem heuchlerischem Missionieren, geprägt. Sein fiktives Tagebuch bildet den zweiten Teil des Romans und notiert neben Jacobs Kampf mit seiner Sexualität präzis den Hunger, die Krankheiten, die Loyalität und die bitteren Streitereien auf der langen, gefährlichen Reise. Durch diesen Perspektivwechsel wird aus einer möglichen Märtyrergeschichte ein Epochengemälde, in welchem die Diener und Sklavinnen Namen, Stimme, Lebensgeschichte, Individualität erhalten. Fiktion ermöglicht so eine andere Wahrheit: jene der stummen Zeugen der Geschichte.

© CH Media

Edward Carey Das aussergewöhnliche Leben eines Dienstmädchens namens Petite, besser bekannt als Madame Tussaud, Roman, C.H.Beck, 492 S.

© CH Media

Petina Gappah Aus der Dunkelheit strahlendes Licht, Roman, S. Fischer, 429 S.

Autor

Hansruedi Kugler

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