Geschichte
Historiker Thomas Maissen: «Neutralität bedeutete Feigheit»

Im neuen Jahr häufen sich die historischen Jubiläen. Der Historiker Thomas Maissen erklärt, was diese Jahrestage über die Entwicklung der Schweiz erzählen – und was sie ausblenden

Rolf App
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Marignano 1515: Der propäpstliche Kardinal Schiner (auf dem Pferd) feuert die Eidgenossen zur Schlacht an, die allerdings im Hintergrund bereits tobt. Kupferstich von Melchior Füssli 1713. Keystone

Marignano 1515: Der propäpstliche Kardinal Schiner (auf dem Pferd) feuert die Eidgenossen zur Schlacht an, die allerdings im Hintergrund bereits tobt. Kupferstich von Melchior Füssli 1713. Keystone

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In deutschen Diensten

Seit dem 1. September 2013 leitet Thomas Maissen als erster Nicht-Deutscher das Deutsche Historische Institut in Paris. Aufgewachsen ist der 52-Jährige in Basel, studiert hat er in Basel, Rom und Genf. Für die NZZ hat er von 1996 bis 2004 historische Analysen verfasst. Zwischen 2004 und 2013 hat Maissen in Heidelberg gelehrt, aber den Kontakt zur Schweiz und zu ihrer Geschichte nie verloren. Davon zeugen vor allem zwei im Verlag hier + jetzt erschienene Bücher: die «Geschichte der Schweiz» (2010) und die «Schweizer Geschichte im Bild» (2012).

Thomas Maissen: Ein viertes Datum haben Sie vergessen: 1415. Was mich aber nicht weiter erstaunt vor dem Hintergrund der politisch geprägten Geschichtsdebatte unserer Tage.

Also gut, dann sind es vier Daten. Fangen wir bei 1315 an, der Schlacht bei Morgarten . . .

. . . von der man wenig weiss. Es hat eine Schlacht gegeben, man weiss nicht genau wo. Vermutlich ist es zu ihr im Umfeld eines Streits der Schwyzer mit dem Kloster Einsiedeln gekommen. Ein habsburgisch geführtes Heer mit Zuzug aus Zürich, Luzern und anderen Städten hat sich aufgemacht, die durch Plünderungen der Schwyzer gestörte Ordnung wieder herzustellen. Die Schlacht kennt man aber nur aus Aufzeichnungen, die Jahrzehnte später entstanden sind. In ihrer Formulierung sind sie Bibeltexten nachempfunden. Das heisst: Sogar der scheinbar präzise Schlachtbericht folgt literarischen Vorlagen. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen. Aber man kann aus Morgarten einen ganz wichtigen Schritt machen, indem man erklärt, dass unsere Geschichte in einer Reihe von Abwehrmassnahmen gegenüber fremden Mächten besteht.

Thomas Maissen leitet das Deutsch historische Museum in Paris.

Thomas Maissen leitet das Deutsch historische Museum in Paris.

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Kommen wir zur zweiten, der von uns vergessenen Jahreszahl: 1415.

Da geschieht etwas wirklich Wichtiges. Die eidgenössischen Orte erobern den Aargau von den Habsburgern und bekommen so zum ersten Mal eine gemeinsame Aufgabe. Bis dahin haben sie ein loses Bündnis gebildet, von denen es im Mittelalter viele gibt. Meistens sind diese Bündnisse bald wieder zerfallen. Ohne die Klammer im Innern namens Aargau hätte der Eidgenossenschaft Ähnliches geblüht. So aber ist sie etwas Dauerhaftes geworden.

Kommen wir zu 1515, zur Schlacht von Marignano. Eine blutige Niederlage, die ein entscheidender Schritt zur Politik der Neutralität gewesen sein soll . . .

... was einer im späten 17. Jahrhundert entstandenen, nationalen Erzählung entspringt. Sie diente dazu, den Stolz auf die in den Burgunderkriegen und den italienischen Kriegen militärisch ausgewiesene Grossmacht zu kombinieren mit einer Niederlage. So konnte man in volkspädagogischer Absicht aus der Schwäche moralische Stärke gewinnen – und zugleich das Wesen der Schweiz erklären. Marignano mit Neutralität gleichzusetzen ist aber ein Unsinn.

Warum denn?

Kein Eidgenosse hat in dieser Zeit dieses Wort gebraucht. Neutralität bedeutete damals Lauheit und Feigheit. Man sollte auch nicht vergessen, dass die Schweizer Söldner noch jahrhundertelang weitergekämpft haben auf den Schlachtfeldern Europas.

Aber mit Marignano wird argumentativ ein Bogen geschlagen zum letzten Jahr unserer Jubiläumszahlen-Rechnung, zu 1815.

Genau. Auf dem Wiener Kongress wird 1815 die Neutralität der Schweiz bestätigt. Wenn man also die Schweizer Geschichte auf die aussenpolitische Auseinandersetzung mit den Nachbarn reduzieren will, dann bietet sich die Kette 1315 – 1515 – 1815 an. Auch der Zweite Weltkrieg passt in das Schema.

In den Jubiläen von 2015 zeigt sich, wie sehr die Schweizer Geschichte zum Feld politischer Auseinandersetzung geworden ist. Warum?

Es gibt dazu zwei Antworten, eine wissenschaftsinterne und eine gesellschaftliche. Zum ersten Punkt: Seit den letzten Gesamtdarstellungen der Schweizer Geschichte in den 1980er-Jahren haben sich die Historiker auf Teilaspekte konzentriert und die Kantone ihre Geschichte aufgearbeitet – zum Beispiel mit der sehr schön gemachten neuen St. Galler Geschichte. Auf nationaler Ebene hat das «Historische Lexikon der Schweiz» – ein 100-Millionen-Projekt – sehr viele Kräfte gebunden. Erst jetzt wieder ist das Bedürfnis da zu einer Gesamtschau auf der Basis eines neuen Forschungsstands. Dieses Bedürfnis haben zum Beispiel Volker Reinhardt, André Holenstein und ich aufgegriffen – und sind auf ein entsprechendes Echo gestossen.

Woher rührt dieses Echo?

Das wäre dann der zweite Aspekt. In der Argumentation nationalkonservativer Kreise hat eine auf die Abwehr äusserer Feinde konzentrierte Schweizer Geschichte bis heute eine enorme Bedeutung behalten. Dieses Geschichtsbild geht auf den Kalten Krieg zurück.

Und wer nicht einverstanden ist mit dieser Deutung, sucht jetzt nach einer «anderen» Interpretation?

So ist es. Mit dieser neuen Entwicklung einhergeht eine Renaissance der politischen Geschichte. Der Überdruss an einer aufs Militärische verengten Ereignisgeschichte hat in den 1970er-Jahren zur Konzentration auf ökonomische und gesellschaftliche Entwicklungen geführt und zur Beschäftigung mit Themen des Alltags und von Mentalitäten. Das hat den Rahmen der Nation rasch gesprengt. Fragt man sich nun aber, was die Schweizer Geschichte ausmacht, dann landet man notgedrungen wieder beim Politischen.

In der Schweiz wird die Auseinandersetzung um die Geschichte seit einigen Jahren relativ intensiv geführt. Sie lehren am Deutschen Historischen Institut in Paris. Kennen Sie Derartiges aus Frankreich auch – oder ist die Schweiz ein Sonderfall?

Debatten gibt es auch in Frankreich. Als Präsident Sarkozy sein – später gestopptes – Projekt eines historischen Nationalmuseums präsentierte, da hat dies zu einer grossen Kontroverse über nationale Identität geführt. Trotzdem hat die Schweizer Auseinandersetzung ihr eigenes Profil – weil die Globalisierung die Frage stellt, wie gross ein Staat sein muss, um noch mitspielen zu können. Im Gefühl der Bedrängnis aber werden Geschichtserzählungen reaktiviert, die von einer alten, wehrhaften Eidgenossenschaft handeln.

Was uns zum Anfang unseres Gesprächs zurückführt und zur Frage, was denn eine Geschichtserzählung, die mit den Jahreszahlen 1315, 1515, 1815 hantiert, an historischer Realität enthält.

Es hat die von Ihnen erwähnten Ereignisse «real» gegeben. Die Frage stellt sich aber, ob man aus ihnen eine Kontinuität ableiten kann.

Ich frage mal anders: Was blendet ein Geschichtsbild aus, das die Entwicklung der Schweiz aus der Abwehr gegen aussen erklärt?

Ich greife drei Punkte heraus. Erstens hat die Eidgenossenschaft zu den Habsburgern über eine lange Zeit eine friedliche Beziehung gepflegt. Die kriegerische Auseinandersetzung ist die Ausnahme. Zweitens ist die Eidgenossenschaft mit ihrer Umgebung wirtschaftlich seit je eng verflochten und auch auf sie angewiesen. Drittens kommt von aussen durchaus nicht nur Negatives: Die Besetzung durch die Franzosen im Jahr 1798 hat der Schweiz einen Modernisierungsschub beschert, der ihre Entwicklung zur Demokratie entscheidend vorangebracht hat. Das ist die Normalität – nur ist sie nicht so spannend wie die Schlacht bei Morgarten.

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