Im Redaktionsraum von Joiz sieht es so aus, wie es aussehen muss, wenn eine Redaktion von rund 30 Berufs-Jugendlichen multimediales Fernsehen macht. Hippe Mittzwanziger lümmeln hinter Computern herum. Joiz-Star Gülsha Adilji hat sich mit einem Moderations-Kollegen im Studio auf den Boden gefläzt, sagt: «Wir arbeiten im Fall» und meint es ironisch. Draussen steht der Grill und Bier für den Feierabend bereit.

Das ist das bekannte Joiz. Der sympathische junge TV-Sender, der so vieles ist, was SRG-Kritiker dem gebührenfinanzierten Fernsehen absprechen: frisch, innovativ und frech. Das ist die eine Seite. Wer die andere Seite von Joiz verstehen will, der muss ins Zürcher Nobelviertel Seefeld. Hier, in einem anonymen Büro hat die deutsche Risikokapitalgesellschaft Creathor Venture ihren Schweiz-Sitz. Hier kommt das Geld von Joiz her. Das Büro ist das Gegenteil der Joiz-Redaktion: aufgeräumt, nüchtern, still.

Cédric Köhler, Managing Partner bei Creathor, sagt: «Wir haben nicht in einen TV-Sender investiert, sondern in ein multimediales Tech-Unternehmen.» Darin kennen sich die Investoren aus: Creathor hat unter anderem das Tech-Unternehmen Doodle an das Zürcher Verlagshaus Tamedia verkauft.

TV-Mann und Sillicon-Valley-Jünger

Die negativen Schlagzeilen, die Joiz in den letzten Monaten lieferte, interessieren Köhler kaum. Sie betreffen das klassische TV-Geschäft. Ende letztes Jahr schrumpfte Joiz seinen deutschen TV-Ableger. Dazu kamen Schlagzeilen von Pensenreduktionen und bekannten Abgängen in der Schweiz. Unter anderem meldeten Branchenportale, dass Gülsha Adilji den Sender verlassen wird. Offiziell sagt der Joiz-Programmchef Alexander Sautter: «Gülsha Adilji wird nächstes Jahr keine tägliche Sendung mehr moderieren. Über alles Weitere sind wir momentan im Gespräch.» Die Zeichen stehen aber auf Abschied. Köhler meint dazu lapidar: «Ob da ein paar bekannte Gesichter gehen, ist unsere kleinste Sorge.» Drei Abgänge seien bei einer Belegschaft dieser Grösse völlig normal. Aber noch wichtiger: Köhler interessiert sich eigentlich nicht für Fernsehen. «Broadcasting ist die Oberfläche, wir sind interessiert daran, was sich dahinter abspielt.»

Alexander Mazzara, CEO und Mitgründer der Joiz-Gruppe, steht für diese beiden ungleichen Seiten von Joiz. Für die wilde Kreativ-Truppe und für die nüchternen Rechner. Der 40-jährige Mazzara ist ehemaliger SRF-Mitarbeiter, hat das Fernseh-Handwerk von der Pieke auf gelernt. Aber der Aarauer ist auch Silicon-Valley-Infizierter. 2008–2009 hat er mehrere Monate in Kalifornien verbracht. Eine Zeit, die er als «sehr inspirierend» bezeichnet. «Immer wieder hörte ich die Webpioniere sagen: «Ihr im Fernsehen habt das Geld, wir im Internet haben die Daten.» Jetzt versucht Mazzara, beides zusammenzuführen: «Wir sind das Facebook fürs Fernsehen.»

Joiz funktioniert als multimediale Community, bei der sich die Mitglieder einloggen – und so zu identifizierbaren Konsumenten werden. Mazzara sagt über die Community-Mitglieder: «Wir wissen, was sie tun, während Sie uns schauen, für was sie sich interessieren, welche Werbekunden sie erreichen. Die klassischen TV-Produzenten kennen ihre Zuschauer nicht.» Zielpublikum ist die Welt jener Leute, die in der Redaktion sitzen und den Inhalt von Joiz generieren. Einige Stockwerke darüber, dort wo die Entwickler sitzen, geht es darum, wie man jene Community zu Geld macht. Die Antwort lautete: Daten.

Einerseits will Joiz mit diesem Know-how-Kunden für gesponserte Sendungen gewinnen. Viel stärker als klassische TV-Kanäle setzt Joiz auf Sendeformate, die durch ein Unternehmen mitfinanziert werden. So ging Joiz-Schweiz unter anderem Partnerschaften mit M-Budget, Mobiliar und Zweifel ein. Im April gab Joiz bekannt, dass der Wirtschaftsverband Economiesuisse eine Wirtschaftssendung sponsern wird – was zum Vorwurf politischer Abhängigkeiten führte. Mazzara sieht darin kein Problem: «Wir produzieren ja keine Werbesendung, sondern ein redaktionelles Wirtschaftsmagazin.»

Globaler Anspruch, lokale Sorgen

Ein zweites Standbein für Joiz soll die Beratung von Unternehmen in multimedialen Fragen sein. Laut Mazzara ist dieser Markt wachsend. «Es sind vor allem Unternehmen, die mit unserer Technologie ihre digitalen Kanäle besser verstehen und monetarisieren möchten.»

Für Cédric Köhler, den für Joiz zuständigen Managing Partner bei Creathor, ist klar: «Joiz soll ein global relevanter Player werden.» Und damit zu Geld. Risikokapitalgesellschaften wetten auf den Erfolg von neu gegründeten Firmen, in dem sie sie mitfanzieren und ihren Anteil irgendwann verkaufen. Bei Creathor dauert dieser Zyklus normalerweise acht Jahre. Rund vier sind vorbei. Im Umfeld von Joiz gibt es Gedanken über einen möglichen Börsengang in der Zukunft. Unklar ist, wie viel die wenig erfolgreichen Ausflüge in den klassischen TV-Markt in Deutschland gekostet haben.

Joiz Schweiz kämpft derzeit eher mit nationalen Problemen: Mit rund 223 000 Nutzern im Monat Mai (Unique Clients) kommt Joiz bei weitem nicht an die Online-Branchen-Könige wie «20 Minuten» und «Blick.ch» heran. Allerdings verzeichnet Joiz gemäss eigenen Aussagen im Web-Bereich Traffic Zuwachsraten von 70 Prozent. Mazzara sagt: «In der Schweiz sind wir rentabel. Genaue Zahlen geben wir nicht bekannt. Die hierzulande mangelhaft gemessenen TV-Quoten interessieren uns so oder so nicht.»

Auf der Redaktion von Joiz Schweiz bellt derweil der Hund eines Angestellten, im Regieraum kommen neue Bilder von einem Open Air rein und auf dem Sender stellt Gülsha Adilji einer Zürcher Pornodarstellerin Fragen, die sonst in der Schweiz keiner stellt.