Jazz
Der Erfinder der neuen Alphornmusik ist tot

Der Innerschweizer Musiker Hans Kennel war ein Grenzüberschreiter und hat das Neue und Unerhörte gesucht und gefunden. Er war ein Pionier des Jazz Rock und der Neuen Schweizer Volksmusik.

Stefan Künzli
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Hans Kennel am Jazz in Willisau. © Marcel Bieri

Hans Kennel am Jazz in Willisau. © Marcel Bieri




Marcel Bieri / DCS 520

Hans Kennel hat sich Ende der 1950er einen Namen als herausragender Schweizer Jazztrompeter gemacht. In den frühen 1960er-Jahren war Hard Bop angesagt: Art Blakey, Horace Silver. Kennel spielte in der Band von Remo Rau im legendären Jazzclub «Africana» im Zürcher Niederdorf und spielte mit internationalen Cracks wie dem Schlagzeuger Kenny Clarke. Im «Africana» spielte er auch mit dem gleichgesinnten Saxofonisten Bruno Spoerri. «Wir waren immer öfter gelangweilt von den ewig dauernden und einförmigen Jamsessions», erzählt Spoerri, weshalb die Beiden begannen, nach neuen Hörerfahrungen zu suchen. Sie fanden sie im Jazz Rock der späten 1960er-Jahre.

Kennel und Spoerri gründeten 1969 die Jazz Rock Experience und traten am Jazzfestival in Montreux. 1970, im selben Jahr wie das epochale «Bitches Brew» von Miles Davis, folgte das Debüt «J.R.E.». Das ist deshalb bemerkenswert, weil «Bitches Brew» als die Initialzündung für den Jazz Rock gilt. Spoerri und seine Musiker waren also nicht nur die Ersten in der Schweiz, auch international konnten sie sich zur Speerspitze dieser Bewegung zählen.

Als Verräter des Jazz beschimpft

Zuhause in der Schweiz zogen sie sich den Zorn der konservativen Jazzgemeinde auf sich, die mit den rockigen Beats und den verstärkten Instrumenten nicht anfangen konnte. «Wir kamen in Verruf und wurden als Verräter beschimpft», sagt Spoerri. Es entstand ein Graben zwischen den jungen Wilden und der Krawattenfraktion, die den Wechsel zum Rock als kommerziellen Ausverkauf deutete. Tatsächlich hatte die Jazz Rock Experience ungeahnten Erfolg, trat in der Schweizer Popsendung «Hits a Gogo» auf und wurde von Freddy Burger gemanagt, der rekordhohe Gagen verlangte.

Neue Alphorn- und Büchelmusik begründet

Doch Kennel wollte nicht in einer Showband spielen, weshalb er sich in den 70er-Jahren wieder experimentelleren Klängen zuwandte und in Bands wie Magog, der Jazz Community spielte. Doch schon bald suchte Kennel wieder neue Herausforderungen und fand sie nach Umwegen über die osteuropäische Volksmusik schliesslich in der alpinen Musik seiner Väter.

Angefangen hat er in der Alpine Jazz Herd mit Jürg Solothurnmann, dann Habarigani, der Alpine Jazz Experience und Mytha. Mit seinen Projekten hat er eine neue Alphorn- und Büchelmusik begründet. Als sogenannter «Ethno-Jazzer» hat sich Kennel aber nie gesehen. «Ich habe aufgehört, Jazz zu spielen. Es ist mir dazu nichts mehr eingefallen», sagt er einmal. Die Neugier, die Suche nach Neuland, die Experimentierfreude und damit die Haltung eines Jazzmusikers ist aber geblieben.

Für seine «pionierhafte und engagierte Auseinandersetzung mit Elementen alpiner Musik in den Grenzbereichen von Volksmusik, Jazz und Klassik» wurde er 1998 mit dem Innerschweizer Kulturpreis geehrt. In den letzten Jahren ist er wieder zu seinen Wurzeln im Jazz zurückgekehrt.