Hundertwassers grüne Autobahnen und Waldspiralen

Friedensreich Hundertwasser träumte von einer besseren und nachhaltigen Welt. Mit seiner Vision trifft der österreichische Künstler den Nerv der Zeit. Nun zeigt das Kunstmuseum am Inselbahnhof in Lindau eine Auswahl seiner Werke.

Nina Rudnicki
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Ein dunkler Raum – nur Friedensreich Hundertwassers Werke sind ausgeleuchtet. Die Bilder hängen tief, damit sie auch Kinder betrachten können. Bild: Christian Flemming
5 Bilder
Die dritte Haut, 1982.
Antipodische Insel, 1975.
Die Verkündigung der frohern Botschaft, 1956.
SS Bauta, 1956

Ein dunkler Raum – nur Friedensreich Hundertwassers Werke sind ausgeleuchtet. Die Bilder hängen tief, damit sie auch Kinder betrachten können. Bild: Christian Flemming

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Erst vor einer Viertelstunde hat das Kunstmuseum am Inselbahnhof in Lindau an diesem Vormittag seine Türen geöffnet. Doch vor den über 60 Gemälden und Grafiken des österreichischen Künstlers Friedensreich Hundertwasser drängen sich bereits zahlreiche Besucherinnen und Besucher. Auch ein lokales Fernsehteam ist vor Ort. Das Interesse an Hundertwasser ist gross: Einerseits ist es die erste Ausstellung seit fast 40 Jahren in der Region, die so viele Originale des Künstlers zeigt. Andererseits ist der 1928 in Wien geborene Hundertwasser aktuell wie lange nicht mehr. Er gilt als Vorläufer der Grünen. Noch bevor die ökologische Bewegung entstand, setzte er sich für eine nachhaltige Lebensweise ein und lebte nach dem Prinzip Zero Waste. Dieses hat zum Ziel, möglichst wenig Abfall zu produzieren und keine Rohstoffe zu verschwenden.

100 000 Bäume gepflanzt

Wer die Ausstellung betritt, steht in einem stockdunklen Raum, in dem einzig die Bilder an den Wänden mit LED-Licht ausgeleuchtet sind. Die Farben, Formen und Linien glitzern und funkeln. Zu sehen sind auch einige Fotografien und ein Dokumentarfilm, die Hundertwasser bei der Arbeit zeigen und einen Einblick in sein Leben gewähren: Hundertwasser bei der Arbeit in einem Farmhaus, beim Kaffeetrinken, auf einer Gartenbank und im Kaurinui-Tal in Neuseeland, wo er 100 000 Bäume pflanzte.

1953 malte er zum ersten Mal eine Spirale, die in den Folgejahren charakteristisch für seine Werke wurde.

Die Spirale markiere sowohl den Beginn des Lebens als auch dessen Ende, sagt Hundertwasser im Dokumentarfilm. Die Spirale sei überall dort, wo das Materielle aufhöre zu sein. Auch von Wasser fühlt sich Hundertwasser «wie wahnsinnig angezogen». Mit seinem Schiff Regentag bereist er die Welt und setzt sich für einen nachhaltigen Umgang mit Wasser und für den Schutz der Meere ein.

Ein Atelier besitzt Hundertwasser keines. Er arbeitet überall, etwa in Kaffeehäusern oder spontan in der Natur. Seine Motive findet er in seinen Träumen. In seinen Werken finden sie Form etwa als grüne Autobahn, Häuser mit grünen Dächern und Gärten sowie Häuser, die unter den Wiesen hängen. Auf den Bildern zu sehen ist auch immer wieder sein «Regentag».

Die Maschine überlisten

Auch in der Kunst der Grafik entwickelte Hundertwasser neue Techniken und verwendete neue Materialien. In seinen Serigrafien verwendete er etwa Metallfolienprägung und fluoreszierende Farben. Hundertwasser war auch ein Gegner von geraden Linien, da die Natur keine geraden Linien kennt. Bis zu seinem Tod im Jahr 2000 wird der Künstler mehr als 40 Architekturprojekte umgesetzt haben wie etwa die Waldspirale, eine Wohnanlage in Darmstadt oder die Markthalle in Altenrhein in St.Gallen. Er baut Häuser mit unebenen Böden und schrägen Wänden und verwendet organische Materialien.

Hundertwassers Ablehnung von jeglicher Standardisierung greift auch die Ausstellung in Lindau auf: Die Bilder hängen jeweils in verschiedenen Höhen und extra tief, so dass sie auch Kinder betrachten können.

Die Natur stelle nur Unikate her, sagt Hundertwasser. Dies müsse auch das Ziel in der Kunst der Grafik sein. Es gelte die Maschine zu überlisten. Jedes Blatt einer Auflage müsse farbig und gestalterisch verschieden sein. In der Ausstellung betrachten einige Besucher das Bild «10 002 Nights Homo Humus Come Va How Do You Dog». Und tatsächlich: 10 002 Unikate habe Hundertwasser aus diesem Bild entworfen, heisst es im Bild­beschrieb.

«Hundertwasser – Traumfänger einer schöneren Welt», Kunstmuseum am Inselbahnhof Lindau, bis 29.9., täglich von 10 bis 18 Uhr.