«Tatort»

Grosses Lob, wenig Interesse

"Die Musik stirbt zuletzt" (Regie: Dani Levy) mit dem Ermittlerduo Ritschard (Delia Mayer) und Flückiger (Stefan Gubser) wagte eine neue Erzählform.

Luzerner «Tatort»

"Die Musik stirbt zuletzt" (Regie: Dani Levy) mit dem Ermittlerduo Ritschard (Delia Mayer) und Flückiger (Stefan Gubser) wagte eine neue Erzählform.

Die Schweizer Folge wurde in einer einzigen Kameraeinstellung ohne Schnitt gedreht und stiess in Deutschland auf euphorische Kritiken - die ARD-Zuschauer blieben trotzdem fern.

«Krise um Schweizer ‹Tatort›» – so titelte die «Bild» Ende Juli über den neusten Luzerner «Tatort». Gemäss der deutschen Boulevardzeitung sollte es sich bei der viertletzten Folge des Ermittler-Duos Flückiger/Ritschard um den schlechtesten «Tatort» aller Zeiten handeln. Nach der Ausstrahlung von «Die Musik stirbt zuletzt» am Sonntagabend scheint sich die Zeitung nicht mehr so sicher zu sein, denn sie schrieb Folgendes: kein Wort.

Vielleicht liegt es daran, dass die meisten deutschen Zeitungen den Luzerner «Tatort» in den höchsten Tönen loben. Die von Dani Levy inszenierte Folge sei «Grosses ‹Tatort›-Kino» gewesen, fasst der «Spiegel» zusammen. Für die «Frankfurter Allgemeine» habe der Basler Regisseur Genre- und Autorenkino originell zu einem spannenden Krimi verknüpft.

Nahezu alle Rezensionen streichen dabei die ambitionierte Erzähltechnik von Regisseur Levy und Kameramann Filip Zumbrunn hervor. Das Besondere des 14. Schweizer «Tatorts»: Die Handlung im und um das Kultur- und Kongresszentrum Luzern (KKL) spielt in Echtzeit. Um diese Dynamik einzufangen, wurde die Folge in einer einzigen Kameraeinstellung ohne Schnitte und mit Einsatz von 1500 Statisten gedreht.

Dies erforderte eine punktgenaue Inszenierung und intensive Proben. Die Handlung wurde an vier Abenden ohne Unterbrechung durchgespielt, während Kameramann Filip Zumbrunn den Schauspielerinnen und Schauspielern quer durchs KKL folgte. Die «Zeit» hält fest: «Eine Meisterleistung an Logistik und Improvisation.»

Das Risiko zahlte sich aus

Das Fernsehpublikum scheint das positive Fazit der Medien zu teilen: Rund 440 000 Zuschauerinnen und Zuschauer haben am Sonntagabend «Die Musik stirbt zuletzt» auf SRF 1 mitverfolgt, was einem Marktanteil von 33,2 % entspricht. «Das ist ein absoluter Spitzenwert für uns», sagt Urs Fitze, Bereichsleiter Fiktion bei SRF. «Wir sind sehr zufrieden mit den Schweizer Quoten. Wir haben gewusst, dass wir etwas Spezielles machen und waren uns nicht sicher, ob das klassische Krimi-Publikum am Sonntagabend diese spezielle Form akzeptieren würde.» Die hohen Zuschauerzahlen seien gemäss Fitze aber Beleg dafür, dass viele «Tatort»-Aficionados eingeschaltet hätten. «Es ist ein unkonventioneller ‹Tatort›, aber das Risiko hat sich gelohnt.»

Ein Blick in die Foren der Sozialen Medien scheint Fitze recht zu geben. Viele Kommentare auf Twitter und Facebook heben die unkonventionelle Umsetzung positiv hervor. «90 schnittfreie Minuten muss man so professionell erst mal durchspielen. Hochachtung, Respekt, Hut ab!», so ein User. Aber auch auf der Tatort-Website des Fernsehsenders ARD finden sich in den Kommentarspalten viele positive Bekundungen wie: «Ein Meisterwerk, gelungen von Anfang bis zum Schluss.»

Allerdings bleibt trotz der guten Kritik ein Wermutstropfen, denn die Zuschauerzahlen in Deutschland sind enttäuschend. Lediglich 4,79 Millionen Zuschauer haben den Schweizer «Tatort» in Deutschland gesehen, was einem Marktanteil von 17,3 % entspricht. Zum Vergleich: Der letzte Luzerner «Tatort» «Zwei Leben» wurde in Deutschland von 8,46 Millionen Zuschauern gesehen und erreichte einen Marktanteil von 25,0 %.

«Im Vergleich zu den Schweizer Zahlen ist das doch enttäuschend. Insbesondere wegen der guten Kritiken können wir es uns noch nicht genau erklären, warum er in Deutschland nicht so gut angekommen ist», so Urs Fitze. ARD-Programmdirektor Volker Herres zeigt sich ebenfalls enttäuscht über die Zuschauerzahlen in Deutschland und sieht in der Hitze einen möglichen Grund für die tiefe Quote: «Angesichts des Stoffs, der dramaturgischen Umsetzung und des experimentellen Ansatzes von Dani Levys «Tatort» ist das für einen Sonntagskrimi mitten in der Sommerhitze in meinen Augen ein sehr respektables Ergebnis.» Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) werden noch in drei weiteren Fällen in Luzern ermitteln. Ab Januar nächsten Jahres verlagert SRF die Produktion nach Zürich – mit einem neuen Ermittlerteam.

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