Im amerikanischen Studiosystem ist es selten, dass einem Filmemacher gleich mit seinem ersten Werk ein grosser Wurf gelingt; normalerweise musste man sich dort erst mühsam zum Regisseur hochdienen und sich dann auch zunächst an drittklassigen Stoffen beweisen, ehe man richtig loslegen konnte. Wenige kennen «Boxcar Bertha», das Debüt von Martin Scorsese. – Am ehesten schafften es Quereinsteiger wie der damalige Radiosprecher Orson Welles, der mit «Citizen Kane» das Kino revolutionierte. Und eben der Theater-Mann Sidney Lumet, dem dasselbe 1957 mit «12 Angry Men» (Die zwölf Geschworenen) zumindest für das Genre des Krimis gelang.

Als Krimi ist «Die zwölf Geschworenen» dabei denkbar untypisch: Es gibt keinen Detektiven, keine Verfolgungsjagden und keine Pistolen – nur zwölf Männer sitzen mit zunehmend erhitzen Gemütern um einen Tisch: Die Jury eines Geschworenengerichts, die entscheiden sollte, ob ein kaum volljähriger Puerto-Ricaner seinen Vater ermordet hat. Fast war man sich schon zu Beginn einig: Alle ausser dem Geschworenen «Nr. 8», gespielt von der Hollywood-Legende Henry Fonda, wollen den jungen Ausländer auf dem elektrischen Stuhl sehen. Auch er ist dabei nicht von der Unschuld des mutmasslichen Täters überzeugt, zweifelt aber daran, ob die Beweise der Anklage ausreichen. Es beginnt ein grosses Abwägen und Hintersinnen, denn ein Urteil kann nur gefällt werden, wenn sich alle zwölf einig sind.

Der Film dauert etwa gleich lang wie die Besprechung tatsächlich dauern würde, und auch verlässt der Film das Hinterzimmer des Gerichts nicht. Doch wirkt diese theaterhafte Einheit von Ort und Zeit weder künstlich noch öde; man folgt den Argumenten der Geschworenen gebannt, rekonstruiert mit ihnen die Tat, und lotet die Grenze zwischen Beweis und Spekulation aus. Man stellt aber auch in Rechnung, dass sowohl die Zeugen als auch die Geschworenen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen entstammen, mutmasst, wie Klasse und Hautfarbe in ihre Erklärungen und Urteile hineinspielen. Charakteristisch für Lumets Kino ist «12 Angry Men» schon in zweierlei Hinsicht: erstens aufgrund der grandiosen Besetzung – neben Fonda vor allem auch der Wüterich Lee J. Cobb als populistischer Choleriker. Und zweitens als politische Parabel, denn die unterschiedlichen Figuren des Geschworenengerichts geben auch ein Psychogramm der amerikanischen Gesellschaft kurz vor dem Durchbruch der Bürgerrechtsbewegungen ab.

Die Darstellerwahl überzeugt

Sein glückliches Händchen für Darsteller bewies Lumet in den Folgejahren mit der Besetzung von Schauspielern wie Marlon Brando («The Fugitive Kind»), Al Pacino («Serpico») oder Paul Newman und Charlotte Rampling (beide in «The Verdict»). Auch der politische Hintersinn blieb ein Markenzeichen Lumets: Es ist erneut Al Pacino, der in «Dog Day Afternoon» einen Bankräuber spielt, dessen Coup zu einem bizarren Medienereignis wird. Und auch «Network», in dem ein Fernsehsprecher soeben von seiner Entlassung erfahren hat und nun in den Hauptnachrichten mit seinem Selbstmord droht, beleuchtet die Medienwelt satirisch und kritisch. Dass Lumet dabei neben der Hintergründigkeit seiner Themen auch das Handwerk des Thriller-Regisseurs nicht verlernte, bewies er noch 2007: «Before the devil knows you’re dead» war ein Actionfilm rund um einen Juwelenraub, bei dem es dem alternden Regisseur nach einigen eher schwachen Filmen noch einmal gelang, Stars wie Ethan Hawke, Albert Finney und Philipp Seymour Hoffmann vor seiner Kamera zu versammeln.

Sein letzter Streich und der würdige Abschluss einer fabelhaften Karriere. Denn 2011 starb Lumet im Alter von 86 Jahren, als einer der grossen amerikanischen Regisseure – doch ohne einen grossen Namen. Den Namen des Mannes hinter diesen Meilensteinen der Filmgeschichte nun mit einer Werkschau wieder in Erinnerung zu rufen, ist das eine Verdienst dieser Retrospektive, die den März über im Stadtkino laufen wird. Das andere Verdienst ist es, dass man auch die Filme selber auf grosser Leinwand neu wird entdecken können. Denn nicht nur gibt es ein Wiedersehen mit gleich mehreren Generationen grandioser Schauspieler. Auch Lumets gesellschafts- und medienkritische Analysen haben nicht an Aussagekraft verloren.