Interview

Green Day geben 13. Studioalbum heraus: «Wir waren die Freaks, die Verrückten»

Haben nach Jahrzehnten immer noch grosse Freude am gemeinsamen Bandprojekt: Green Day.

Haben nach Jahrzehnten immer noch grosse Freude am gemeinsamen Bandprojekt: Green Day.

Die US-Punkrocker von Green Day verbeugen sich mit ihrem neuen Album«Father of All Motherfuckers» vor der Musikgeschichte.

Ein Boutique-Hotel in Madrid. Wir sind mit Mike Dirnt, Tré Cool und Billie Joe Armstrong (alle 47) von Green Day zum Gespräch über ihr 13. Studioalbum «Father of All Motherfuckers» verabredet. Die Männer, die 1994 mit dem Album «Dookie» zu den erfolgreichsten Punkmusikern der Welt wurden, hängen etwas schlaff in ihrer Sitzgruppe. Das Album selbst ist eine vor Energie berstende Wucht.

Jungs, was halten eure Kinder von dem provokanten Albumtitel?

Billie Joe Armstrong: Meine Kinder sind doch schon gross (lacht). Joey ist 24 und Jakob 21, beide sind selbst Musiker. Auch meine Frau Adrienne ist Künstlerin, die sieht das locker. Mike Dirnt: Meine Kinder schockt überhaupt nichts mehr. Ausser Einhörner. Bei Einhörnern flippen sie aus (lacht). Warum? Keine Ahnung. Allerdings gestand mir mein Sohn, der in die fünfte Klasse geht, kürzlich, dass sein Lehrer etwas irritiert gewesen sei wegen des Titels. Mal vorsichtig formuliert. Als ich meinen Jungen neulich von der Schule abholte, guckte mich der Lehrer total böse an, so als wollte er sagen: «Da ist ja dieser miese Punk-Arsch.»

Das Album als kurz und knackig zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung.

Mike: Es dauert 26 Minuten, um genau zu sein. Aber mit denen haben wir uns sehr viel Arbeit gemacht. Wir haben eine für Punkbands voll krasse Angewohnheit: Wir proben. Muss wohl damit zu tun haben, dass wir alle in Arbeiterklassefamilien grossgeworden sind. Wir üben tatsächlich an vier bis sechs Tagen pro Woche, wenn wir nicht auf Tour sind. Überhaupt: Unser Studio gibt uns Struktur. Wir sind einfach gern an diesem Ort.

Viele Songs hören sich ungestüm und jugendlich an. Fühlt ihr euch so frisch, wie ihr klingt?

Billie Joe: Ich singe auf der Platte manchmal extra hoch, das ist quasi ein umgekehrter Stimmbruch, wahrscheinlich findest du die Stücke deshalb so juvenil. Wir hatten Bock, ein bisschen zu experimentieren. Und ja, ich fühle mich wunderbar. Wenn ich Musik mache, bin ich wieder der 17-Jährige, der im Punk-Club Gilman Street in Oakland seine ersten Shows gespielt hat.

«Meet Me on the Roof» hört sich ein bisschen nach 1970er an, «Stab You in the Heart» ist eure Verbeugung vor dem Motown-Soul der Sechziger. Gab’s da fürs Album einen Plan?

Billie Joe: Den gab es tatsächlich. Ich habe mich intensiv mit Soulmusik, mit Motown, mit Glam Rock und mit Power-Pop befasst, da hat es mich einfach hingetrieben. Ich habe mich sehr bereitwillig treiben lassen und diese neuen Elemente dann in die Songs eingebaut.

Kanntest du dich denn mit klassischem Soul aus?

Billie Joe: Den alten, urwüchsigen Rock’n’Roll höre ich seit Ewigkeiten. Ich sauge ja sowieso alles auf. «American Idiot» zum Beispiel entstand damals aus meiner Liebe zu The Who und deren Werken «Tommy» und «Quadrophenia». Diese Platten hatten einen Rieseneinfluss auf mich, und ich wollte unbedingt einmal eine Rockoper schreiben. Bei «Father of All Motherfuckers» sind die grossen Einflüsse Little Richard, T-Rex, The Supremes.

Wolltest Ihr ein sexy Album machen?

Billie Joe: Sexy? Naja, nee, hör mal, wir sind Punks (lacht). Als Punk willst du nicht sexy klingen. Sexy zu sein, war auch nie meine Stärke. Wie soll das denn bloss gehen? Ich habe versucht, Songs zu schreiben, die ein bisschen tanzbar sind, so auf eine rotzige Strassenart.

Es gibt auf eurem Album das Stück «I Was a Teenage Teenager». Wart ihr glückliche Teenager?

Mike: Ich war schrecklich bockig. Die Jugend war ein konstanter Kampf, ein ständiges Gefühl der Unzulänglichkeit. Tré: Wir alle drei waren die Aussenseiter, die Freaks. Ganz gleich, wie alt du bist – dieses Teenagergehirn bildet sich nie ganz zurück. Pete Townshend ist Mitte 70 und schreibt bis heute Hymnen über den verlorenen jungen Mann, der er einst war und immer noch in ihm steckt.

Billie Joe: Ich wollte einen Song darüberschreiben, wie es ist, so als ganz gewöhnlicher Durchschnittstyp aufzuwachsen. Es gibt so viele Extrem-Teenager in der Kunst, ob jetzt Werwölfe, Anarchisten oder Vampire. Dabei sind fast alle da draussen in Wirklichkeit stinknormale Jungs und Mädels.

Ihr habt sehr ernste und politische Alben wie «American Idiot» oder «21st Century Breakdown» gemacht. Habt ihr euch in diesen spannungsgeladenen Zeiten bewusst gegen politische Songs entschieden?

Tré: Wir haben es uns verdient, mal eine Spassplatte zu machen. Uns ist das alles bewusst: Faschistische Staatenlenker, Rassismus und eine politische Kultur in Amerika, die total aus dem Ruder gelaufen ist. Aber «American Idiot» ist immer noch da. Man kann das Album hören und sich freuen, wie aktuell es ist.

Billie Joe: Der Song «Father of All Motherfuckers» dreht sich darum, wie es sich aktuell anfühlt, in Amerika zu leben mit all der Hysterie und Paranoia. Was bei uns gerade passiert, ist deprimierend und auf lange Sicht toxisch für das Zusammenleben. Einfach nur einen Song zu machen, der «Fuck Donald Trump» heisst, wäre nichts Neues gewesen.

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