Kunst
Graphic Novel zeigt Alfred Hitchcocks Karriere vom Muttersöhnchen zum coolen Kinoschreck nach

Eine neue Graphic Novel erzählt temporeich und präzis recherchiert, wie Alfred Hitchcock zum Grossmeister des Thrillers wurde. Und adaptiert dafür die kühle Suspense-Ästhetik des grossen Regisseurs.

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Darauf läuft Hitchcocks Karriere zu: auf den Welterfolg von «Psycho».

Darauf läuft Hitchcocks Karriere zu: auf den Welterfolg von «Psycho».

Dominique Hé/Splitter Verlag
Darauf läuft Hitchcocks Karriere zu: auf den Welterfolg von «Psycho».

Darauf läuft Hitchcocks Karriere zu: auf den Welterfolg von «Psycho».

Dominique Hé/Splitter Verlag

Biografische Graphic Novels bringen oft Lebensmotive plakativ ins Bild. Gelegentlich gängeln sie ihre Leser jedoch mit psychologischer Eindeutigkeit. Kindheitstraumata sind ja dafür auch eine beliebte Quelle. In dieser neuen biografischen Graphic Novel über den Jahrhundertregisseur Alfred Hitchcock ist das nicht anders. Und man hat sich schliesslich schon oft gefragt, was diesen dicklichen Phlegmatiker zu seiner Liebe zum Horror, ja zur Erfindung des modernen Horrorfilms überhaupt getrieben hat. Sein Innenleben und seine Kindheit bietet da natürlich attraktiven Stoff für Spekulationen.

Alfred Hitchcock.

Alfred Hitchcock.

HO

Dass es in dieser Graphic Novel nicht zum penetranten Erklärungsüberschuss kommt, hat vor allem mit der reduzierten, aber geradezu Hitchcock-mässigen grafischen Umsetzung zu tun. Mit Grauschattierungen und klar konturierter Linienführung adaptiert der französische Hitchcock-Kenner und Filmhistoriker Noel Simsolo zusammen mit seinem Zeichner Dominique Hé die kühle Suspense-Ästhetik des grossen Regisseurs. Da fehlt eigentlich nur noch die Musik.

Hitchcocks Jugendhobby: das Crime Museum

Man muss annehmen, Simsolo habe den anekdotischen Detailreichtum seiner Graphic Novel zum grossen Teil dem epochalen, 50 Stunden dauernden Interview zu verdanken, das Francois Truffaut 1966 mit Hitchcock über mehrere Tage geführt hat und woraus das 400 Seiten dicke Buch «Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?» entstand. Darin sagte Hitchcock etwa, bei «Psycho» sei es ihm weder auf das Sujet noch auf die Personen angekommen, sondern nur darauf, «das Publikum zum Schreien zu bringen».

Temporeich beginnt der erste Band der biografischen Graphic Novel: «Mama?!» – die Frage des dicklichen jungen Alfred vom Schreibtisch in seinem nächtlichen Schlafzimmer richtet sich scheinbar ins Leere. Einsam sieht er aus, bedrückt, antriebslos und besorgt. Dass seine depressive Mutter wie ein Schatten über ihm hängt und sein Leben prägt, wird bereits im Vorspann mehr als angedeutet. Der 1899 geborene Hitchcock ist als Junge ein Aussenseiter, erfindet Spiele für sich allein, hat frühe Angsttraumata wegen drohender Luftangriffe auf London im Ersten Weltkrieg und liest am liebsten Zeitungsartikel über Mörder. Sein damaliges Lieblingshobby: Besuche im Crime Museum von Scotland Yard. Viele Jahre später, aber nur wenige Seiten umgeblättert, sagt seine Frau und lebenslange Beraterin Alma 1960 zu ihrem Hitch: «Du bist nicht mehr der Meister der Spannung, sondern der Regisseur der Angst. Der Christbaum im abendlich-gemütlichen Wohnzimmer in Los Angeles glitzert als maximaler Gegensatz zu Hitchcocks Horrorfilm «Psycho», der gleichzeitig in den Kinos der Welt Millionen mit dem legendären Messermord unter der Dusche schockiert. Die Szene ist in diesem Buch ebenfalls gezeichnet.

Ein bisschen Sadismus war bei ihm immer dabei

Nun, den psychologischen Angelhaken, den Noel Simsolo zu Beginn als vermeintlichen Deutungskern der Psyche Hitchcocks auswirft, darf man bald auf die Seite legen. Simsolo schildert Hitch zwar als ein Muttersöhnchen, der auch seine Gattin eher als Beraterin und Lebensstütze benötigt denn als erotische Partnerin begehrt. Und seine keusche, aber fetischistisch-manipulative Liebe zu äusserlich kühl wirkenden Filmblondinen bietet sich zusätzlich an, den Regisseur auf das Liegesofa der Amateur-Psychoanalyse von Lesern zu legen. Simsolo belässt es aber bei eleganten Andeutungen.

Dass Hitchcock einen schelmischen Spass an der Manipulation hat, zeitweilig einen Sadismus gegenüber seinen Filmfiguren auslebt, die in höchster Gefahr weniger wissen als das Publikum, blendet er jedoch nicht aus – ebenso wenig dessen Hang zur Völlerei, die Simsolo jedoch im Gegensatz zu vielen Biografen nicht explizit als Ersatzbefriedigung inszeniert. Ihn interessiert vielmehr Hitchcock als Filmgenie.

Spannende, frühe Entwicklung zum Genie

Die Zeitsprünge geben dem Band ein flottes Tempo. Neben den Dreharbeiten 1954 zu «Über den Dächern von Nizza» erzählt Hitchcock seinen Hauptdarstellern, dem eleganten Cary Grant und der bezaubernd frivolen Grace Kelly, beim üppigen Diner von den Anfängen seiner Karriere in London ab 1920 bis 1939: Wie er es als ehrgeiziger Zeichner, Regieassistent und Drehbuchschreiber zum bestbezahlten Regisseur Englands brachte – mit seinen frühen Meisterwerken «Der Mann, der zu viel wusste», «39 Stufen» und «Rebecca». In London lernt er auch seine kluge Frau Alma kennen, die als Cutterin und Drehbuchautorin in derselben Filmproduktion angestellt war.

Das ist alles genau recherchiert und hoch interessant: Hitchcock als Workaholic, gewitzter Manipulator seiner Darsteller, ein Scherzbold und Zyniker, der den Voyeurismus zum Filmmotiv veredelt und Handschellen als sexuelle Symbole einsetzt. Wie Hitchcock anders als viele Berufskollegen den Wechsel zum Tonfilm kreativ nutzt, wie er seinen Hang zu Spionagemotiven, seine Liebe zu Zugreisen und den typischen Spannungsaufbau, den Suspense, entwickelt, wird detailliert an seiner Frühphase gezeigt. Hitchcock wird hier also als ein genialer Trickser der Filmgeschichte präsentiert, der auch mal Schauspieler als «Vieh» bezeichnet.

Noel Simsolo/Dominique Hé: Hitchcock 1. Der Mann aus London. Graphic Novel, Splitter Verlag, 160 S. Den zweiten Band dieser biografischen Graphic Novel verspricht der Verlag für den Herbst 2021.