Ohne Festivals wie das Zürcher Theaterspektakel könnten Theatertruppen wie die Lia Rodrigues und ihre Companhia de Danças nicht existieren. In der Favela da Maré in Rio de Janeiro, in der 140 000 Menschen leben, betreibt die 63-Jährige ein Kulturzentrum, inklusive einer Tanzschule mit 300 Schülern. «Ich überlebe mit europäischer Unterstützung, vor allem aus Frankreich», sagt Lia Rodrigues im Interview mit Radio RFI Brasilien. Nationale Hilfe erhält sie nicht: Der rechte Präsident Jair Bolsonaro hat nicht nur den Umweltschutz, sondern auch die Unterstützung für Kultur auf Null heruntergefahren. «Alle Kulturprojekte wurden gestoppt, sogar die, die schon bewilligt waren», sagt Rodrigues. Leicht war es für Künstler in Brasilien noch nie. «Aber so schlimm war es bisher selten.»

In den hämmernden Rhythmen der Musik von «Furía» und den kraftvollen Bewegungen der Tänzer ist die Bestürzung zu spüren, die Rodrigues so kurz nach der Wahl Bolsonaros verspürte. Brasilien sei rassistisch und homophob, sagt Rodrigues, und beinahe nirgendwo das Ungleichgewicht zwischen Arm und Reich grösser. «Alle zwanzig Minuten wird ein dunkelhäutiger Jugendlicher getötet. Was ist das für ein Land, in dem wir da leben?»

Seit seiner Gründung hat das Zürcher Theaterspektakel, das von 15. August bis 1. September 2019 zum 40. Mal stattfindet, Künstler aus aller Welt auf die Landiwiese eingeladen. Viele Truppen können in ihren Heimatländern nur Kunst machen, weil sie auf Tourneen vor allem in Europa Geld für ihre Arbeit daheim verdienen. Auf diese Weise rückt die Kulturwelt näher zusammen und zeigt, wie global viele Probleme sind.

Frauen eröffnen das Festival

Der Aufstieg rechtsextremer Kräfte ist da nur ein Beispiel. Ein anderes, wie stark der Kunstbetrieb von Männern bestimmt wird. «Wir wollten das Festival mit Stücken von Frauen eröffnen», sagt der künstlerische Leiter Matthias von Hartz. Die Suche gestaltete sich schwierig, doch kann sich das Ergebnis sehen lassen. Wie «Furía» wird auch «Titre provisoire» der Libanesin Chrystèle Khodr und des Syrers Waël Ali am Eröffnungswochenende gezeigt. Die beiden beschäftigen sich mit dem ebenfalls globalen Thema, dass viele Menschen nicht in dem Land leben (dürfen), in dem sie geboren wurden.

Um physische, psychische und strukturelle Gewalt gegen Mädchen geht es im chilenischen Werk «Paisajes para no colorear» («Landschaft nicht zum Anmalen») der Truppe La Re-Sentida. Neun Mädchen sprechen Passagen aus Interviews, in denen Zeugen und Opfer von Gewalt über ihre Erlebnisse berichten. Ein schweres Stück, das versucht, den Betroffenen eine theatrale Stimme zu geben. Um Unterdrückung, Erniedrigung und sexuelle Gewalt gegen Frauen geht es auch in «Saison Sèche» der französischen Künstlerin Phie Ménard. Ménard geht über Schuldzuweisungen hinaus, spielt mit zirzensischen Formen der Kunst und hat bildgewaltig, humor- und kraftvoll die Freiheit aller Individuen im Sinn.

Ein Ausdruck, der über 40 Jahren Theaterspektakel programmatisch prangen könnte. Wurde das doch gegründet, um dem engen, arg konservativen Kunstangebot von Zürich etwas Weites, Offenes entgegenzusetzen. Das hat funktioniert: Längst ist das Theaterspektakel bunt, wild, fröhlich und international. Aber es ist auch ein Spektakel für die, die keinen Fuss in Theaterhäuser setzen, sondern sich nur unter Bäumen am See einen schönen Sommertag oder -abend machen wollen.

Ihnen zollt der diesjährige Inhaber des Carte-Blanche-Dauertickets Boris Charmatz Tribut. Der französische Choreograph will in seiner Heimat ein Musée de la Danse eröffnen – unter freiem Himmel. Auf der Landiwiese übt er dafür mit einem «Haus», das nur aus einem Stangengerüst besteht und so offen ist, dass manche seiner Veranstaltungen kostenlos angeboten werden. Einzige Bedingung: Mitmachen ist geboten. Etwa beim fast täglich stattfindenden «Public Warm-up» oder in den Workshops.

Die Stars der ersten Stunde kehren zurück auf die Landiwiese

Charmatz war erst letztes Jahr auf dem Theaterspektakel zu Gast und gehört damit zu den Künstlern, die immer wieder auf die Landiwiese zurückkehren. Zum Geburtstag, so erklärt von Hartz, habe man sich besonders treue Freunde zum Feiern eingeladen. Etwa William Kentridge – der Bildende Künstler, dessen Werke noch bis 13. Oktober im Kunstmuseum Basel zu sehen sind, ist ausgebildeter Schauspieler: Er wird seine «Drawing Lesson II» zeigen, angesiedelt irgendwo zwischen Universitätsvorlesung, Theater, Film und Zeichnung. Anne Terese de Keersmaker & Rosas zeigen «Violin Phase», einen Teil eines vierteiligen Werkes, dessen erster Teil 1983 auf dem Zürcher Spektakel zu sehen war. Die belgische Needcompany kommt mit «All the good» zurück: Sie sind bekannt dafür, Schweres mit Leichtigkeit zu erzählen.

Dimitri de Perrot ist als Teil des Duos Zimmermann & de Perrot Stammgast des Theaterspektakels. Seine Musikinstallation «Unless» wird täglich im Eingangsbereich zwischen Kasse, Buchhandlung und Geldautomat zu erleben sein. Auch hier ist der Eintritt kostenlos. Die Gäste, die sich nur zum Schlendern, Essen und Trinken auf die Landiwiese begeben, laufen also noch grössere «Gefahr», Kunst zu erleben. Aber ein Festival, das auf der einen Seite die Arbeit ausländischer Künstler unterstützt, und auf der anderen Seite auch den Besuchern Kunst angedeihen lässt, die dafür sonst nicht offen sind – das macht einiges richtig.

15.8. – 1.9., Landiwiese Zürich. www.theaterspektakel.ch

Der Hoffotograf des Theaterspektakels erinnert sich

Der verstorbene Komödiant Farid Chopel (rechts) machte 1980 auf der Zürcher Gemüsebrücke Werbung fürs erste Theaterspektakel. Bild: Christian Altorfer

Der verstorbene Komödiant Farid Chopel (rechts) machte 1980 auf der Zürcher Gemüsebrücke Werbung fürs erste Theaterspektakel. Bild: Christian Altorfer

Rückblick Seit der ersten Ausgabe des Zürcher Theaterspektakels 1980 ist der Fotograf Christian Altorfer als Chronist mit dabei.

Als der heute 69-Jährige 1980 in den Zürcher Stadtteil Wollishofen aufbrach, weil jemand ihm erzählt hatte, dass da ein paar Leute «irgendwas auf der Landiwiese machen», hatte er

gerade beschlossen, von der Fotografie zu leben. Von den drei Zirkuszelten von damals zur riesigen Open-Air-Bühne auf der Saffa-Insel, dem Wahrzeichen von heute, liegt ein langer Innovationsweg, den Altorfer aktiv mitverfolgen konnte.

«Hätte es nicht von Anfang an diese Kombination aus Theater und Kulinarik gegeben, wäre das Festival nicht so alt geworden», ist Altorfer überzeugt. Cateringbetriebe, wie man sie heute an jedem Grossanlass vorfindet, kannte man damals noch nicht.

Das hier abgedruckte Bild Altorfers zeigt den verstorbenen französischen Komödianten, Sänger und Tänzer Farid Chopel am ersten Theaterspektakel 1980 auf der Zürcher Gemüsebrücke. Damals erfuhren die Zürcher noch von keiner professionellen PR-Abteilung, sondern über Mundpropaganda vom bunten Treiben auf der Landiwiese.

Die Organisatoren veranstalteten über Mittag Strassentheater im Raum Bellevue, Paradeplatz und Gemüsebrücke und verteilten Flyer an die Schaulustigen. So verkaufte das Festival bereits im ersten Jahr 12 500 Eintrittskarten. (jst)