Kolumne

«Glamour, mon amour»: Kleine Dinge machen während der grossen Krise besondere Freude

Simone Meier Bild: CH Media

Simone Meier Bild: CH Media

In ihrer Kolumne «Glamour, mon amour» schreibt unsere Autorin Simone Meier diese Woche über ihren Bienenwachs, der mit zehn Tagen Verspätung doch noch bei ihr eintraf.

Gestern kam mein Bienenwachs. Wie aufregend! Momentan sind es ja die kleinen Dinge, die man kaum erwarten kann, denn die grossen, strahlenden gibt es einfach nicht mehr. Keine Konzerte, Kinovorstellungen, Lesungen, Theater. Wer jetzt ein Buch, einen Film oder eine CD gemacht hat, verzweifelt. Kein Mensch erfährt davon, nichts passiert, auch in den Medien nicht, denn die Journalisten sind entweder selbst schon in Kurzarbeit oder sehen keinen Sinn darin, über etwas zu schreiben, was nicht von einem Event begleitet wird.

Vor Wochen noch war man ein Versprechen, jetzt ist man schon eine Vergangenheit, die nicht einmal richtig stattgefunden hat. Und die nächste Saison wird den Neuen gehören. Viel Arbeit war für nichts. Nicht wenige Autorinnen und Autoren träumen davon, wie es wäre, wenn sie zum Club der toten Dichter gehörten. Wenn sie Camus oder Boccaccio heissen würden und die Seuchen-Heuler «Die Pest» oder den «Decamerone» geschrieben hätten. Dann wären sie reich. Aber auch tot. Ich kenne viele, die zu Hause sitzen, sich hektisch in Online-Kapriolen stürzen, in Badewannen-Lesungen und Wohnzimmerkonzerte und sich einreden, dass es super ist, sich nicht mehr rasieren zu müssen und es reicht, alle zwei Tage zu duschen.

Unzählige Menschen haben sich jetzt zu Hause eingerichtet. Sie kommen aus den gegensätzlichsten Richtungen: Kulturschaffende, Büroschaffende, Medienschaffende. Mona Vetsch sendet aus ihrem Wohnzimmer. Ich schreibe meine Artikel zu Hause. Meine Redaktion habe ich vor acht Wochen zum letzten Mal gesehen. Zuerst war ich in den Ferien, also zu Hause, seither bin ich im Homeoffice, also auch zu Hause. Und weil die Bedeutung des Zuhause so gross geworden ist, weil es für viele Leute zum einzigen Ort geworden ist, an dem sie sich überhaupt aufhalten, habe ich mir im Internet eine Dose Bienenwachs bestellt. Bienenwachsbalsam, um genau zu sein.

Ich entdeckte nämlich auf meinen immer aufmerksameren Streifzügen durch unsere Wohnung immer mehr Wasser- und andere Flecken auf unseren Möbeln. Und ich fand, dass weder die Möbel noch wir dies verdient hätten. Weshalb ich besagte Dose bestellte. Ein einfaches einheimisches Produkt, dessen Lieferung mir innerhalb von drei Tagen versprochen wurde und auch nur dreizehn Tage brauchte, bis es bei uns eintraf. Seither kümmere ich mich um Möbel und Parkett, und glauben Sie mir: Es geht, man kann die kleinen Dinge in der kleinen Welt ganz wunderbar zum Strahlen bringen. Und die vom Waschen und Desinfizieren ausgelaugten Hände danken es auch.

Ach ja, ein Tipp noch: Mixen Sie sich einen Campari Soda oder ein anderes Getränk. Füllen Sie es mit viel Eis in eine Thermosflasche. Nehmen Sie ein hübsches Glas mit. Setzen Sie sich auf eine Distanz-Bank, beobachten Sie vorbeiziehende echte Menschen, füllen Sie Ihr Glas, trinken Sie und stellen Sie sich vor, Sie seien in einer Bar. Ich habs probiert, es funktioniert. Auf ein gutes weiteres Durchhalten!

Meistgesehen

Artboard 1