Nachruf

Gitarren-Gott Eddie Van Halen und das Ende der Eruption

Eddie Van Halen ist in der Nacht auf Mittwoch mit 65 Jahren gestorben. Und mit ihm ein musikalischer Innovator.

Als Eddie Van Halen Ende der Siebzigerjahre in der Garage mit Stechbeitel und Hammer aus einer Gibson und einer Fender seien «Frankenstrat» zusammenzimmerte, tat er das aus einer Vision heraus. Mit dem krude verarbeiteten und mit farbigen Streifen übersäten Instrument hat er nicht weniger geschafft als eine erneute Revolution der Gitarre.

So wie nur Jimi Hendrix vor ihm und – zumindest in diesem Ausmass – niemand seit ihm hat Eddie Van Halen der elektrischen Gitarre neues Leben eingehaucht. Hatte ersterer mit theatralischen Stilmitteln und kompromisslosem Ausdruck den Blues elektrifiziert, als dieser dem schematischen Rock zu weichen drohte, so hat letzterer den virtuosen Hardrock in neue Sphären gehoben, als der platte Punk Oberhand gewann.

Erdbeben und tektonische Plattenverschiebung

Das 1978 erschienene namen­lose Debütalbum des nach dem Gitarristen und seinem Schlagzeug spielenden Bruder Alex benannten Quartetts löste bei seinem Erscheinen ein kleines Erdbeben aus. Doch schon wenig später waren sich Fans wie Kritiker einig, dass das Album mehr bedeutete: Es zeugte von einer tektonischen Plattenverschiebung, welche die Musikwelt nachhaltig prägen sollte. Ein Journalist urteile damals: «Van Halen machen nichts radikal ­anderes als Led Zeppelin oder Deep Purple vor ihnen – nur ­machen sie es mit viel mehr Schmackes.»

Das galt für die ganze Band, die sich zuvor in den Clubs Kaliforniens mit an Selbstaus­beutung grenzendem Elan die Sporen abverdient hatte und schliesslich über Kiss-Bassist Gene Simmons zu einem Plattendeal mit Warner Brothers fand.

Doch galt es im Besonderen für den Gitarristen der Band: Eddie Van Halen, zum Zeitpunkts des Album-Einstands noch keine Mitte Zwanzig, hatte sich bei den richtigen Vorbildern bedient: bei Clapton fürs Phrasing, bei Jimmy Page für den Irrwitz, bei Billy Gibbons für den Klang und natürlich bei Jimi Hendrix für den Mut, neue Wege zu beschreiten. Heraus kam etwas, das grösser war als die Summe der Einzelteile.

Eddis Soli erinnern an eine Katze, die spektakulär die Treppe hinunterstürzt und dann elegant auf den Füssen landet. Eddies Spiel klingt wie ein hochgetuntes Rennauto – in jeder Kurve haarscharf vor dem tödlichen Totalcrash. Da sind die rasiermesserscharfen Läufe, die griffigen Riffs, die astralen Obertöne und die an wiehernde Pferde, röhrende Motoren und fallende Bomben mahnenden Tricksereien mit dem Vibratohebel. Da ist dieser bissige und doch warme Klang, der «brown sound», der seit Jahrzehnten als Heiliger Gral des elektrifizierten Gitarren-­Tons gilt.

Und da ist natürlich das Tapping, diese revolutionäre Spieltechnik, bei der beide Hände auf dem Griffbrett platziert werden. Eddie Van Halen war nicht der erste, der diese Technik für sich entdeckt hat – das hätte der in Holland geborene Amerikaner in seiner bescheidenen Art auch nie behauptet: Billy Gibbons von ZZTop nutzte den Effekt als Spielerei, Steve Hackett von Genesis, um die Läufe des Keyboards zu doppeln. Und auf Youtube findet man alte Aufnahmen von Jazz-Gitarristen, die dem Griffbrett die eine oder andere Note durch einen auf die Saite «gehämmerten» Finger der Zupfhand entlocken.

Doch das, was Van Halen auf seinem Kabinettstückchen «Eruption» (ebenfalls 1978) abfeuerte, war nicht von dieser Welt. Auch über vier Jahrzehnte nach seiner Entstehung klingt das 102 Sekunden kurze Solostück, als stamme es aus der ­Zukunft.

Flinke Finger, Innovation und treffsicherer Instinkt

Doch tut man Eddie Van Halen unrecht, wenn man ihn auf ­seine flinken Finger reduziert, denn er war auch ein begnadeter Rhytmusgitarrist und innovativer Songschreiber. Selbst bei «Jump» (1984), dem grössten Hit der Band, setzte Eddie Van Halen mit treffsicherem Instinkt seinen Kopf durch: Das für die Band untypisch poppige Stück bricht mit den Schablonen des Pop, hat keinen wirklichen ­Refrain, viel zu komplexe Soloparts, sowie – Mitmusiker und Management waren entsetzt - den Gitarren-Gott Eddie hinter dem Keyboard statt an seinem Stamminstrument.

Regeln waren Van ­Halen stets zuwider: «To hell with the rules. If it sounds right, then it is» lautet ein viel zitiertes Credo: Es stimmt, wenns gut klingt. Und das tat es. Vier Jahrzehnte, ein Dutzend ­Alben und eine gefühlte Milliarde Noten lang.

In der Nacht auf Mittwoch hat Eddie Van Halen im Alter von 65 Jahren seinen mehrfach geführten Kampf gegen den Krebs verloren, wie sein Sohn Wolfgang auf Twitter bestätigte. Der langjährige Frontmann ­David Lee Roth bedankte sich auf dem gleichen Kanal für den «langen und grossartigen Trip». Man kann sich nur anschliessen:

Lang lebe König Edward!

Der AZ-Journalist verneigt sich vor «König Edward» mit einem Tapping-Ausschnitt aus dem Kabinettstück «Eruption»:
Besagtes Stück im Original: Ein atemberaubendes Live-Solo: Der grösste Hit der Band: «Jump» von 1984: Das erste Erdbeben: «Running With The Devil» von 1978: Der Gastauftritt: Eddie Van Halens Solo in Michael Jacksons «Beat It» von 1982:

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