Fondation Beyeler
Gibt es tatsächlich Parallelen zwischen Courbet, Doig und Wolf?

Lassen sich die Bilder von Caspar Wolf, Gustave Courbet und Peter Doig vergleichen? Wer es versuchen möchte, hat noch bis am 18. Januar Zeit. Bis dahin bietet sich die Gelegenheit, Courbet und Doig zusammen in der Fondation Beyeler zu sehen.

Simon Baur
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Dreisatzrechnung mit zahlreichen Unbekannten
3 Bilder
Die Blickentfaltung wird verweigert: Caspar Wolfs Rhonegletscher, von der Talsohle bei Gletsch aus gesehen, 1778.
Dem Vordergrund gilt die Aufmerksamkeit: Peter Doigs «Figures in red boat», 2005.

Dreisatzrechnung mit zahlreichen Unbekannten

Zur Verfügung gestellt

Noch bis zum 18. Januar bietet sich in der Fondation Beyeler die Gelegenheit, Gustave Courbet und Peter Doig zusammen zu sehen. Doch auch die Chance, die beiden Maler mit Caspar Wolf zu vergleichen, der noch bis zum 1. Februar im Kunstmuseum zu sehen ist, sollte man sich nicht entgehen lassen.

Doig befasste sich mit Courbet

Gibt es tatsächlich Parallelen der drei Maler untereinander, oder ist ihre Malerei nicht vielmehr singulär im Malereibetrieb? Sind Vergleiche sinnvoll und was bewirken sie? Trotz der zahlreichen Unterschiede, die in der Malerei der drei Künstler auszumachen sind, gibt es Gründe die Bilder auf ihre Verwandtschaft abzutasten. Rund 250 Jahre Motiv- und Technikgeschichte der Malerei lassen sich untersuchen. Und vielleicht versteht man dadurch heutige Entwicklungen einfacher. Als Peter Doig sein Bild «Blotter» malte, hat er sich nach eigenen Aussagen mit Courbet befasst: «Während der Arbeit an diesem Bild habe ich mir Courbets ‹Braconniers dans la neige› angeschaut. Mir gefällt das Alltägliche an den Wilderern, die Art, wie sie normale Kleidung tragen.

Sie tragen die damals übliche Kleidung; dieses Bild hat nichts Wirklichkeitsfernes. Es setzt ganz unmittelbar auf solche Dinge wie die Umrisse der Figuren vor dem Weiss des Schnees. Und die Stimmung dieses Gemäldes, das ‹Blotter› heisst, beruht eigentlich ganz auf der Körperhaltung.»

Sprechende Körperhaltungen

Auch die Stimmung der einen Hut schwenkenden, einsamen Person am Strand in Gustave Courbets «Le bord de mer à Palavas» beruht auf seiner Körperhaltung. Steht er absichtlich auf einer Erhöhung, damit sein Winken zu sehen ist, und weshalb macht er auf sich aufmerksam? Zum Abschied oder weil er gerettet werden will? Courbets Einsamer am Strand hat Ähnlichkeiten mit Caspar Wolfs Bild «Gebirgslandschaft mit Alphornbläser». Auch vor ihm weitet sich die Landschaft ins Unendliche, er ist eins mit der Natur, einsam ist er jedoch nicht. Ein Hund und eine Begleiterin unterhalb des Schatten spendenden Felsens lauschen seinen Klängen.

Auch die «Gesperrten Landschaften» eignen sich zum Vergleich. Zu Caspar Wolfs Zeiten empfahl die Kunsttheorie mit dem Gegensatz zwischen offener, sich in die Ferne erstreckender und «gesperrter» Landschaft zu spielen. Dadurch kann der Betrachter das ihm vor Augen Geführte – eine Felswand, ein Höhleneingang oder ein Gletscher – genauer betrachten und sich vielleicht damit identifizieren. Man muss die Leiter im Bild «Felswände und Passstrasse an der Gemmi» suchen. Sie liegt in der Bildmitte, wo sich eine dunkle Ohrform in den Fels eingräbt. Jeder Wanderer wird sich überlegen, ob er diesen Einstieg wagen soll. Ähnlich ergeht es einem, wenn man Courbets «La source de la Loue», das Bild aus dem Zürcher Kunsthaus, betrachtet. Der Kontrast aus beleuchteten Felsen und düsterem Höhleneingang wirkt, wie die Pforte zur Unterwelt, abschreckend und will genau studiert sein.

Menschen vor Landschaften

Bei Peter Doig sind es oft Menschen, die eine Landschaft «sperren». «Figures in red boat» zeigt dies deutlich. In welcher Beziehung stehen diese Menschen zueinander und was wollen sie uns kommunizieren? Und weshalb verwehren sie uns den freien Blick auf die dahinterliegende Landschaft? Berechtigte Fragen. Oft haben Hindernisse einen tiefgründigen Sinn. Erst recht in der Malerei, die solche Fragestellungen bewusst zu provozieren vermag, indem die Maler kühne Kompositionen konstruieren.

Auch technisch kann Peter Doig von den beiden profitieren. Niemand spachtelte vor ihm so gut wie Gustave Courbet und nur wenige zauberten Wolkenschlieren so leicht auf den Malgrund wie Caspar Wolf. Man betrachte die Wolken über dem Wetterhorn im «Panorama des Grindelwaldtals mit Wetterhorn, Mettenberg und Eiger» oder die unterschiedlichen Wolkenarten im Bild «Geltenschüssli mit dem Hahnenschritthorn». Peter Doig antwortet darauf mit einem zauberhaften Schneefall in «Cobourg 3+1 More» oder in «Young bean farmer». Dort erinnern die Flocken übrigens auch an die Winterbilder aus dem Bilderbuch «Birnbaum, Birke, Berberitze» von Alois Carigiet. Ob Peter Doig Alois Carigiet kennt?

Was lernen wir aus solchen Vergleichen? Heute haben es die Künstler einfacher als früher. Sie können schneller auf Bestehendes zurückgreifen und sich wie im Selbstbedienungsladen mit Ideen eindecken. Und klar ist es reizvoll sich durch Gemeinsamkeiten, in eine Traditionslinie mit seinen Vorbildern zu stellen. Schliesslich muss man diese kennen, will man was Neues entwickeln.

Caspar Wolf, bis 1. Februar, Kunstmuseum Basel. Gustave Courbet, bis 18. Januar; Peter Doig, bis 22. März, Fondation Beyeler.

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