Der Jubel, als ihr zweiter Roman «Conversations With Friends» 2017 in London erschien, blieb auch diesseits des Kanals nicht ungehört. Die deutschsprachigen Feuilletons nahmen sich der Sache an, denn früher oder später würde Sally Rooneys zweiter Roman auch auf Deutsch erscheinen. Das ist nun geschehen – und wie nicht anders zu erwarten, entwickelt sich «Gespräche mit Freunden» auch bei uns gerade zum Bestseller.

Offensichtlich trifft die 28-jährige Irin mit ihrem Buch den Nerv ihrer Generation, und sie gilt bereits als die Stimme der Millennials. So liest sich Rooneys Buch zunächst wie eine literarische Versuchsanordnung, in deren Verlauf all das auf den Tisch kommt, was die Zwanzigjährigen umtreibt.

Die Doppelgängerin als Instrument

Im Zentrum des grossen Geredes steht die ambitionierte Frances, die ebenso wie ihre Schöpferin am berühmten Trinity College in Dublin Literatur studiert – und bis in ihre Denk-und Lebensgewohnheiten hinein Rooney zu gleichen scheint. Zusammen mit ihrer Ex-Geliebten Bobbi tritt Frances bei Poetry-Events auf, trägt selbstverfasste Gedichte zum Geist der Zeit vor – und zieht damit die Aufmerksamkeit der gut zehn Jahre älteren Melissa auf sich.

Als Melissa sie in ihre Wohnung bittet, um ein Porträt über sie zu schreiben, folgen Frances und Bobbi der Einladung, wo sie auf Melissas Mann Nick treffen, der sich leicht unglücklich durch seinen Schauspieleralltag quält.

Mikroskopisch präzise Sprache

Hier nimmt die merkwürdig unterkühlt wirkende Geschichte Fahrt auf: Ein interessantes Beziehungsgeflecht entspinnt sich zwischen den vier Figuren. Wir erleben einen funkelnden, intellektuellen Schlagabtausch, bei dem so ziemlich alles zur Sprache kommt, was vielen, die heute bloss noch orientierungslos durch ihre durch-globalisierte kleine Welt stolpern, unter den Nägeln brennt: Geld, die Macht des Kapitalismus, Liebe, Freundschaft, Verrat, Einsamkeit – und tausend Dinge mehr.

Sally Rooney, diese wundervoll besessene Exorzistin, treibt ihre vier Diskutanten bald wie Figuren eines Räuberschachspiels immer wilder, immer mitreissender übers Parkett. Das erinnert in seiner mitunter schmerzhaften Klarheit an die Geschichten Raymond Carvers. Ähnlich wie der früh verstorbene US-Meister der Kleinen Form agiert auch Rooney: Mit geradezu lüsterner Beobachtungsverve betrachtet sie selbst kleinste Gedanken- und Gefühlspartikel ihrer Figuren durch das Okular ihrer mikroskopisch genauen Sprache. Das muss man in seiner Detailversessenheit nicht durchgängig mögen – seinem Zauber aber entzieht man sich nur schwer.

So liegt «Gespräche mit Freunden» als intellektuelle Herausforderung vor uns: Ein Dialog-Roman, der auf dekorativen Schnickschnack verzichtet und sich auf seine Figuren stürzt, um zu zeigen, wie die heute Zwanzigjährigen ticken. Und das ist eine ganze Menge.