Rund 15 000 archäologische Fundstücke hatten Diebesbanden im Frühjahr 2003 aus dem Bagdader Nationalmuseum gestohlen. «Die Plünderungen waren vollkommen vorhersehbar und hätten leicht verhindert werden können», betonte damals Irving Finkel vom British Museum. Gemeinsam mit anderen Archäologen und Kunsthistorikern aus Europa hatte er das Pentagon vor den bevorstehenden Raubzügen gewarnt. Dennoch schickten die USA nicht einen Panzer, um das Museum zu schützen. Erst nach drei Tagen, nachdem die bedeutendste Sammlung mesopotamischer Altertümer geplündert war, schritt die amerikanische Besatzungsmacht ein.

4300 der damals geraubten Werke sind inzwischen wiedergefunden worden. Unter ihnen ist auch die 5000 Jahre alte «Heilige Vase von Warka», die für das Zweistromland den gleichen Stellenwert hat wie die Mona Lisa für Europa. Das in Ur gefundene Gefäss kann seit dem Wochenende wieder im Nationalmuseum von Bagdad bewundert werden.

«Um die Wunden von Mossul zu heilen», wurde das inzwischen renovierte Museum auf Weisung des irakischen Ministerpräsidenten Haider al-Abadi vorzeitig wiedereröffnet. In der nordirakischen Millionenstadt hatten die Terrormilizen des sogenannten «Islamischen Staats» in der letzten Woche jahrtausendealte Kulturschätze der Menschheit teilweise mit Presslufthämmern zerstört und mehr als zehntausend wertvolle Manuskripte und Bücher verbrannt. «Wir werden unsere Zivilisation und unser Erbe bewahren und diejenigen ausfindig machen, die sie mit ihrer Barbarei und Arroganz zerstören wollen», betonte al-Abadi anlässlich der Wiedereröffnung des Bagdader Museums. «Wir sind fest entschlossen, sie unbarmherzig zu jagen und für jeden Tropfen Blut, den sie vergossen haben, zur Rechenschaft zu ziehen».

«Älteste Stadt» zurückerobert

Dies tun auch die syrischen Kurden. Nach der Eroberung der strategisch wichtigen Kleinstadt Tel Hamis am Freitag konnten sie an Wochenende die IS-Milizen auch aus der ostsyrischen Ortschaft Tell Brak vertreiben. Der zum historischen Mesopotamien gehörende Flecken gilt als die älteste Stadt der Welt. 1937 fanden die Krimi-Autorin Agatha Christie und ihr Ehemann, der Archäologe Max Mallowan, dort einen 40 Meter hohen Hügel aus bis zu 8000 Jahre altem Zivilisationsmüll.

Als im Jahr 2006 in Tell Brak erneut gegraben wurde, konnte dort ein Gebäude freigelegt werden, das um 4500 v. Chr. entstand und damit etwa 400 Jahre älter war, als im irakischen Uruk freigelegte Gebäude. Auch der IS wusste um die Bedeutung von Tell Brak, wo Trinkbecher aus Marmor und Obsidian, einem vulkanischen Gesteinsglas, gefunden wurden. Die Terrormiliz finanziert ihre mörderischen Feldzüge auch mit Raubgrabungen, was in der «ältesten Stadt der Welt» zukünftig wohl nicht mehr möglich sein wird.