Die zwei jungen Dänen Michael Noer und Tobias Lindholm haben mit ihrem Erstling «R» einen schweren Stand. Müssen sie doch gewahr gewesen sein, dass letztes Jahr zwei andere von den Kritikern hoch gelobte Gefängnisfilme für Furore sorgten; das französische Gangsterdrama «Un Prophète» und das spanische Gewaltepos «Celda 211». Zwei Filme, deren Wucht das dänische Gefängnisdrama verblassen lassen, so scheint es zumindest auf den ersten Blick.

Wo der Spanier Daniel Monzon in «Celda 211» die Willkür staatlicher Autorität thematisiert, was schliesslich in einem brutalen Gefängnisaufstand mündet, eröffnet sich bei Jacques Audiards «Un Prophète» eine detailverbliebte Milieustudie über Inhaftierte eines französischen Gefängnisses. Beide Filme könnten unterschiedlicher nicht sein. Da Monzons Gefängnisfilm – ein Bilderreigen, temporeich, brutal, roh. Hier Audiards Geschichte über den Aufstieg eines jungen Franzosen maghrebinischer Abstammung, der sich mit der korsischen Mafia anlegt und schliesslich alle übers Ohr haut.

Wo nun genau ist die Geschichte des jungen Rune (Johan Philip Asbæk) in «R» anzusiedeln, der wegen einer Messerstecherei ins berühmt berüchtigte dänische Staatsgefängnis Hortens überführt wird?

Kaum erkennbare Gewalt

«R» ist weder ein klassische Gefängnisdrama noch die Geschichte eines heldenhaften Aufstiegs hinter Gittern und schon gar kein Film über perverse Gefängniswärter, die ihre Insassen wie Tiere behandeln. Weder Polizeigewalt ist Thema, noch das vergebliche Aufbegehren irgendwelcher Knastbrüder gegen die Institution Gefängnis. «R» ist blasser Realismus.

Michael Noer und Tobias Lindholm, geprägt von der dänischen Dogma-Bewegung, erzählen in puristischen Bildern den Alltag im dänischen Gefängnis Hortens. Rune schwimmt vom ersten Tag an im Strudel der von den Insassen etablierten strukturellen Gewalt um sein Leben. Dessen bewusst, sich auf der untersten Stufe der Gefängnishierarchie zu bewegen, wird Rune das tun, was zu tun ist – denjenigen als Handlanger zu dienen, die über Sein oder nicht Sein entscheiden. Dafür segnen ihn die Gefängnisgenossen grösszügig mit Erniedrigungen etwelcher Art.

So flapsig man diese Geschichte nacherzählen könnte, so beiläufig erfährt der junge Rune psychische und physische Gewalt. Und genau in dieser Beiläufigkeit liegt die Stärke des Films. Wenn Rune etwa genötigt wird, sich wie ein Embryo auf den Boden zu legen und den Daumen zu lutschen, tut er dies, als wäre es die normalste Sache der Welt. Er gehorcht dem obszönen Regelwerk seiner Obrigkeit, deren einzige Absicht es ist, ihren Status innerhalb der Gefängnismauern zu sichern. Die Gewalt wird nicht protokollarisch angekündigt, sie passiert – einfach so. Das Leiden wird nicht pompös intoniert, es existiert – einfach so. Und wir schauen zu, als wäre es die normalste Sache der Welt.

Weniger Stil, mehr Geschichte

Diese eiskalte Stimmung etablieren Noer und Lindholm in klassischer Dogma-Manier; mit Handkamera, rohem Schnitt und einer naturalistischen Geräuschkulisse. Wir folgen Rune auf Schritt und Tritt, lassen ihn keine Sekunde aus den «Augen». Trotz diesem subjektivierendem Stilmittel, wird sich der Zuschauer nur schwer mit dem jungen Gefängnisinsassen solidarisieren. Vielmehr überträgt sich eine voyeuristische Scham auf den Zuschauer, denn selbst in den intimsten Momenten nehmen wir am Gefängnisalltag von Rune teil – so ganz beiläufig.

«R» ist neben «Celda 211» und «Un Prophète» sicherlich der ehrlichste Film, der sich dem Thema des Freiheitsentzugs widmet. Doch das dänische Duo zeichnet die Figuren erstaunlich eindimensional und die Story, die eigentlich keine ist, dümpelt vor sich hin. Vielleicht impliziert ebengerade die Handlungsarmut, die unerträgliche Sinnlosigkeit des Gefängnisalltags. Trotzdem drängt sich die Frage auf, ob sich die Stilmittel des Dogmas heute noch in dieser Form umsetzen lassen. Tatsächlich wurde dieses in den 90er Jahren etablierte Genre unter Lars von Trier vom gemeinen Filmemachen absorbiert. «R» hätte ein bisschen weniger Stil dafür mehr Geschichte gut getan.

R (DK 2010). 90 Min. Regie: Michael Noer, Tobias Lindholm.