Kolumne

Gebucht-Rubrik mit Autor Christoph Simon: «Siddharta ermutigte mich zu Eigensinn»

Autor Christoph Simon in seiner Residenz in Bern.

Autor Christoph Simon in seiner Residenz in Bern.

Autor Christoph Simon wünscht sich eine Begegnung mit Pippi Langstrumpf.

Welche Bücher liegen auf Ihrem Nachttisch?

Erma Bombeck: «Ich hab mein Herz im Wäschekorb verloren». Georg Fink: «Traumsymbole Lexikon». Lee Van Dowski: «Genie und Eros».

Wie viele Bücher haben Sie zu Hause?

Stapelweise im Flur, im Bad, im Zimmer. Ungezählte Kisten und Migrossäcke im Keller.

Welches Buch hat Ihr Leben verändert?

Wegen «Siddhartha» von Hermann Hesse habe ich das Gymnasium abgebrochen. «Nein, keine Lehre konnte ein wahrhaft Suchender annehmen, einer, der wahrhaft finden wollte.» Später habe ich das Buch in ­Blindenschrift übersetzt, um die Blindenschrift zu lernen. So konnte ich in der Rekrutenschule nach dem Lichterlöschen weiterlesen. Siddhartha ermutigte mich zu Eigensinn.

Welches aktuelle Buch empfehlen Sie?

Ich kenne Ihre Leser nicht. Ich empfehle frische Luft und leichte Bewegung und sie sollen die Buchhändlerin Ihres Vertrauens konsultieren. Wenn ich ein Buch empfehle (etwa Franz Dodel, «Nicht bei Trost», Band 5), bekomme ich die Rückmeldung: «Hey, hab es probiert, echt, aber da passiert nichts.» Und ich, ganz verzweifelt: «Vielleicht liegt es an deiner Vorstellung von ‹nichts passiert›?»

Wie stossen Sie auf neue Bücher?

Durch Stöbern im Berner Bücher-Brocky in der Mittelstrasse und in Ali Babas Bücherhöhle in der Rathausgasse.

Welchen Buchtitel würden Sie über Ihre Biografie setzen?

«Genie und Eros». Augenzeugen berichten.

Mit welcher Romanfigur würden Sie gerne mal ein bisschen plaudern?

Mit der erwachsenen Pippi Langstrumpf. Sie auf allen Vieren den Boden absuchend, und ich so: «Linse verloren?» Und sie so: «Nein, ich grase.» Und daraus entwickelt sich dann ein Gespräch und es zeigt sich: Sie hat nichts von ihrem Schalk und ihrem Schwung eingebüsst. «Pippi – ich darf doch Pippi sagen?» «Nur zu. Und schenken Sie ruhig nach.» «Sie tragen keinen Ring…?» «Ach je, ich hatte ein Dutzend Liebhaber, aber ich sage Ihnen: Keiner war auch nur annähernd so interessant wie ein gutes Buch und ein warmes Bad.» «Die Flasche ist leer.» «Und was macht man in so einem Fall?» «Man holt eine neue.» «Von allein wären Sie nicht drauf gekommen, wie?»

Welcher Klassiker hat Sie am meisten gelangweilt?

Das Mathematik-Lehrbuch «Formeln & Tafeln».

Haben Sie schon Freunde verloren im Streit über Literatur?

Wir waren zu viert und diskutierten jeden Montag über eigene Texte und Manuskripte. Im Laufe der Jahre veröffentlichten drei von uns Romane und Theaterstücke, lebten von und für die Literatur. Einer blieb Lehrer und seine Diskussionsbeiträge wurden zunehmend nutzlos: «Hier, der Baum, ein romantisches Motiv, nicht? Anklänge an Eichendorff.» Um ihn als Freund nicht zu verlieren, mussten wir ihn aus der Gruppe mobben.

Welchen Roman haben Sie gelesen, aber überhaupt nicht verstanden?

Ich verstehe immer alles. Vielleicht verstehe ich es nicht so, wie es die Autorin meint oder der Verlag bewirbt oder der Gymnasiallehrer demontiert. Ich bin immer noch das Kind, das sich von einer Geschichte verzaubern lässt. Ich bin unfähig, in drei knappen, klaren Sätzen zu sagen, wovon dieser oder jener Roman handelt. Aber ich kann in Figuren aufgehen, kann ihre Ängste und Freuden mitempfinden. Was mich langweilt, überspringe ich. Was mich allzu sehr befremdet, biege ich mir zurecht. Ich kann begeistert von einer Szene schwärmen, die im Buch vielleicht gar nicht vorgekommen ist.

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