Karikatur

G-Strich - Peter Gut stellt mit lustvollen Linien die Weltordnung auf den Kopf

Längst gilt Peter Gut als Künstler. Sogar Abba-Sängerin Anni-Frid sammelt Zeichnungen. Nun widmet das Cartoonmuseum Basel Peter Gut eine umfangreiche Retrospektive.

Wladimir Putin fliegt über den roten Platz. Doch was gibt dem russischen Präsidenten Auftrieb? Seine leeren Hosentaschen, die wie Flugzeugflügel abstehen. Oder da ist eine Badewanne. Zwei Beine ragen heraus, ein kleiner Mensch ist offenbar soeben Kopf voran hineingesprungen. An der Wand hängt ein leeres Kreuz. Das Gehirnwerk des Betrachters setzt sich in Bewegung. Ach so. Jesus hat sich eine Erfrischung gegönnt. Drittes Beispiel: Angela Merkel gibt einem Baby die Brust. Es ist Alexis Tsipras. Der griechische Ministerpräsident schaut böse drein und greift mit seinem Händchen in Richtung zweier Flaschen auf dem Tisch: Wodka und Ouzo.

Das sind drei Original-Zeichnungen von Peter Gut. Drei von rund 220, die ab heute im Basler Cartoonmuseum angeschaut werden können. Ausgewählt aus einer Fülle von etwa 2000 Werken, wie Anette Gehrig, die Kuratorin und Museumsleiterin, schätzt. Sie hat den 55-jährigen Zeichner zuvor in seinem Atelier in Winterthur besucht, durfte alles anschauen, eine Auswahl treffen.

Nun ist der unterste Museumsstock Guts Porträts gewidmet. Roger Federer, Thomas Hirschhorn, Eveline Widmer-Schlumpf – sie und einige mehr hängen dicht beieinander in edlen Rahmen an einer tannengrünen Wand, wie in einer gutbürgerlichen Stube. Im ersten Stock steht die Pointe im Vordergrund; neben Menschen tummeln sich hier auch Tiere. Im obersten Stock fallen die Hüllen: Üppige Frauen servieren erotische Kost. Eine schmutzigere Fantasie braucht es nur noch für die Politik, deren Machenschaften Gut im letzten Raum entblösst.

Um mehrere Ecken gedacht

Es ist nicht zweckmässig, eine Karikatur nachzuerzählen. Denn der lustvolle Moment, in dem sich einem beim Betrachten einer Karikatur deren Witz erschliesst, ist später nicht vermittelbar oder übertragbar. Erst recht nicht, wenn es sich um ein derart vielschichtiges Vergnügen handelt, wie es Peter Guts Bilder bieten. Zum ersten ist Gut mehr als ein guter Zeichner, er ist hervorragend. Er beherrscht alle Zeichenwerkzeuge von der Tusche bis zur Aquarellfarbe, sein Strich wirkt beschwingt und locker, seine Porträts treffen das Wesen dieser Menschen. Zum Zweiten denkt Gut meist um ein, zwei Ecken weiter als erwartet. Darum dauert es oft auch ein, zwei Sekunden, bis das Bild seinen Witz preisgibt. Eine Verzögerung, die luststeigernd wirkt. Und wenn man die Botschaft begriffen hat, so kommen auf den zweiten Blick weitere hinzu: Anspielungen, Bildtraditionen, stimmige Details.

Putin fliegt in einer Supermannpose; gleichzeitig erinnert die Darstellung an Chagalls fliegendes Liebespaar. Das Baby Tsipras trägt einen blau-weiss-gestreiften Strampelanzug. Die Farben der griechischen Flagge sind auch die eines klassischen Gefängnisanzugs. Tsipras greift nach der Wodkaflasche, also nach der Hilfe Russlands. Ob das gesunde Nahrung ist für ein Baby?

Gut kreiert originelle politische Metaphern. Woche für Woche interpretiert er so das Zeitgeschehen etwa für die NZZ. Manchmal tut er auch das Umgekehrte: Er nimmt eine Metapher oder einen Begriff wortwörtlich. Elvis’ Koteletten sind saftige Fleischstücke über seinen Ohren, Eurobond ist Angela Merkel als Bondgirl im Ursula-Andress-Bikini, und Palästinenser-Präsident Abbas mutiert zur beliebten Popband.

Will das Wahre finden

Apropos Abba: Unter den Leihgebern für diese Ausstellung ist auch Anni-Frid Lyngstad. Die einstige Abba-Sängerin gehört zu den vielen Prominenten, die sich ihre Villen mit Peter Guts Zeichnungen schmücken. So berühmt ist der Winterthurer schon.

Und gleichzeitig so bescheiden. Am gestrigen Medienrundgang hielt er sich still im Hintergrund. Danach blieb er so lange, bis alle Journalisten, die persönlich mit ihm sprechen wollten, glücklich waren. «Mich interessiert das Wahre. Das, was ist, nicht irgendeine heuchlerische Interpretation», erzählt er. Seine Absicht sei es nie, zu provozieren oder zu verletzen: «Ich versuche ja zu kommunizieren mit den Leuten.» Und es sei ein Irrtum, zu meinen, er hasse die Politiker, die er karikiere. «Ich hasse die keine Sekunde», betont er, «ich liebe meinen Job, das ist meine Passion.» Im Grunde wünscht er Blocher und Co. wohl noch ein besonders langes Leben. Ihre Gesichter sind für ihn «Steilpässe».

Peter Gut. Fürs Leben gezeichnet.
Retrospektive im Cartoonmuseum Basel vom 7. März bis 21. Juni 2015.

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