Es geschah an einem Nachmittag im Sommer 1974 auf einem unebenen Rasenstück in Langenthal. Ein neunjähriger Junge trat vor die Gruppe seiner Spielkameraden und verkündete, ab sofort sei er Johan Cruyff.

Es gab unter uns kickenden Nachbarskindern schon einen Günter Netzer, einen Karli Odermatt, einen Franz Beckenbauer und zwei oder drei Pelés. Aber keiner hatte bis dahin die Unverfrorenheit gehabt, sich selbst zu Johan Cruyff zu erheben. Wir akzeptierten die Selbsterhöhung unseres Mitspielers nur zähneknirschend und nur deshalb, weil er uns spielerisch weit überlegen war.

Damals wie heute gab es Fussballer, die aus der Masse herausragten, die weltweit bewundert und denen überall nachgeeifert wurde. Dass aber Johan Cruyff mehr war als ein begnadeter Spieler, das spürten wir Schuljungen schon lange, bevor wir es rational erfassen konnten. Von Cruyffs ganzem Wesen ging eine Magie aus, die auf meine Generation in vielerlei Hinsicht inspirierend gewirkt hat.

Es scheint mir nicht übertrieben zu behaupten, dass Cruyff selbst auf meinen Wunsch, Schriftsteller zu werden, einen Einfluss gehabt hat. Mehr noch, bis heute beeinflusst Johan Cruyff meine literarischen Vorstellungen von Ästhetik, Rhythmus und Harmonie.

Fussballmuffel werden sich vielleicht fragen, wieso eine derart körperliche Betätigung wie der Fussball auf die Literatur abfärben kann. Über den umgekehrten Fall, also darüber, dass ein Fussballer sich für sein Spiel von der Literatur beeinflussen lässt, ist wenig bekannt. Fussballprofis stehen nicht unbedingt im Ruf, viel mehr zu lesen, als das Ablaufdatum auf dem Joghurtdeckel.

Aber vermutlich geht es beim Einfluss, den Fussballer auf die Kunst ausüben, um ein nicht rational erklärbares Phänomen. Spitzensportler sind Ikonen. In der Regel sprechen sie weniger mit gewählten Worten als mit dem Körper. Beim Spitzenfussball, wo wir während 90 Minuten zusehen können, wie 22 Männer um den Ball kämpfen, kommt es zuweilen vor, dass ein einzelner Crack besonders hervorsticht, weil er sich anders bewegt als die andern, weil er den Ball anders kontrolliert, weil er dem Spiel durch seinen Überblick und seine Persönlichkeit eine eigene Note verleiht.

Kreative Differenz zum Rest

Dieses Anderssein, diese kreative Differenz zum Rest der Spieler, diese Magie eines Einzelnen, die selbst Laien auffällt, ist selten. Sie geht weit über äusserliche Merkmale wie Frisuren oder Tätowierungen hinaus. Gute und sehr gute Fussballer gibt es viele. Spieler, die aber nicht nur sehr gut sind, sondern gleichzeitig eine Magie ausstrahlen, die denjenigen, die sie beim Spiel beobachten, inspirieren, sind rar. Zweifellos gehörte der bereits erwähnte Johan Cruyff zu ihnen. Auch George Best, Diego Maradona oder Zinedine Zidane hatten eine Ausstrahlung, die weit über die Fussballstadien ihrer Zeit hinausreichte.

Der Nordire Georg Best veränderte die Ästhetik der 1960er-Jahre. Erst durch ihn begannen sich auch Frauen für Fussball zu interessieren. Sein menschlicher Absturz in die Alkoholsucht hat mich gelehrt, dass Schönheit ein sehr fragiles Gut ist und dass Begabung immer einen Preis hat. Best war sensibel und seine Sensibilität begründete wohl zu gleichen Teilen sein Talent und sein Verderben.

Die Lektion Maradonas an die Literatur ist vergleichbar mit derjenigen von Best. Bei Diego Maradona kommt freilich noch eine Dimension hinzu. Er verkörpert die literarische Figur des Schelms. Wie der Held im Schelmenroman gleicht er fehlende soziale Akzeptanz durch Schlauheit und Humor aus. Wenn das Drehbuch es erfordert, ist der Schelm auch bereit, einen Diebstahl zu begehen. So wie 1986, als er an der Weltmeisterschaft sein berühmtes «Hand-Gottes-Tor» erzielte und den Engländern damit das Spiel stahl. Dass Maradona später immer wieder behauptet hat, von allen seinen Geniestreichen sei ihm der ergaunerte Treffer gegen England der liebste, lässt sich sportlich nicht nachvollziehen. Wer diese Aussage verstehen will, muss in literarischen Kategorien denken.

Wie beim Jazz

Der Franzose Zinédine Zidane führte sein Nationalteam 1998 zum Weltmeistertitel und zwei Jahre später zum Gewinn der Europameisterschaft. Wie Jahrzehnte vor ihm Johan Cruyff, verstand sich Zidane auf wohldurchdachte Rhythmus- und Tempowechsel, wie sie charakteristisch sind für den Jazz oder die Spoken-Word-Literatur.

Möglicherweise ist es kein Zufall, dass Zidane im gleichen Jahr Weltmeister wurde, als José Saramago den Literatur-Nobelpreis gewann. In der Begründung der Nobelpreisjury hiess es unter anderem, Saramago mache ständig aufs Neue eine entfliehende Wirklichkeit greifbar. Die Wirklichkeit, die Zidane immer wieder greifbar machte, war zu seiner Aktivzeit ebenfalls entfliehend. Es war die Wirklichkeit des Torerfolgs. In den 1990er-Jahren sah es aus, als verkomme das Fussballspiel zu einer langweiligen Wissenschaft. Der Tordurchschnitt an EM-Endrundenspielen war von 4,75 im Jahr 1976 auf 2,06 im Jahr 1996 gefallen.

Zidane brachte das spielerische, das unberechenbare Element zurück in die Stadien. Dass er neben seiner genialen auch eine unkontrolliert aggressive Seite hatte, zeigte sich bei seinem Kopfstoss im WM-Final 2006 gegen den Italiener Marco Materazzi. Literarisch gesehen schlüpfte er damit in die Rolle des Antihelden, der ja in literarischen Werken mit seiner ganzen Widersprüchlichkeit meist vielschichtiger und exakter gezeichnet ist als der reine Held.

Als Paradebeispiel dafür, dass fussballerische Genialität allein nicht ausreicht, mich künstlerisch zu inspirieren, steht auf meiner persönlichen Liste Lionel Messi. Der Argentinier ist der vielleicht weltbeste Fussballer der letzten 50 Jahre. Aber es gibt nichts an seinem Wesen, das eine künstlerische Neugierde wecken könnte.

Sehen wir auf die Kaderlisten der aktuellen EM-Teilnehmerländer, gibt es mindestens zwei Spieler, die das Potenzial zur künstlerischen Inspirationsquelle hätten. Einer von ihnen ist der Portugiese Cristiano Ronaldo. Allerdings fehlt ihm, neben der durchaus vorhandenen spielerischen Klasse, das Charisma ausserhalb des Spielfelds. In der spanischen Meisterschaft wird Cristiano Ronaldo von gegnerischen Fans regelmässig ausgepfiffen. Seine Feinde mögen weder seine Perfektion noch seine allzu offensichtlich demonstrierte Eitelkeit.

Der Star strahlt wenig literarisches Potenzial aus. Er bewegt sich zwar in einer spanischen Literaturtradition, in welcher dem Portugiesen gerne die Rolle des Bösewichts zugeschrieben wird. Aber sein Leistungswille, seine Geschäftstüchtigkeit und seine Effizienz vor dem Tor haben etwas Kaltes, das wir eher mit der globalisierten Wirtschaftswelt als mit Kunst verbinden.

Potenzielle Inspirationsquelle

Ganz anders verhält es sich im Fall des schwedischen Teamleaders Zlatan Ibrahimović. Er verfügt über die Fantasie, die Persönlichkeit und über jene Spur genialen Wahnsinns, die ihn zur potenziellen Inspirationsquelle aller Kreativen macht. Wie weit sein Einfluss den rein sportlichen Bereich übersteigt, zeigt schon die Tatsache, dass ihm zu Ehren ein neuer Begriff eingeführt wurde. Das von seinem Vornamen abgeleitete Verb «zlatanieren» mit der Bedeutung stark dominieren fand Aufnahme im schwedischen Wörterbuch.

Schon Ibrahimovićs unbescheidene Attitüde, etwa wenn er an der Verleihung des Fifa Ballon d’Or verkündet, er brauche keine Trophäe um zu wissen, dass er der Beste sei, ist ein literarischer Hochseiltanz. Nur wer, wie der unlängst verstorbene Muhammad Ali, rhetorische Stilfiguren wie Ironie, Hyperbel oder Allegorie gekonnt einzusetzen versteht, kann sich selbst den Grössten nennen, ohne sich lächerlich zu machen. Auch in seinen verbalen Attacken auf seine sportlichen Gegner gleicht Ibrahimović seinem Vorbild Ali.

Wie der grosse Boxer sich seinerzeit durch pointierte Aussagen von seinen Widersachern abgrenzte, zieht Zlatan lustvoll gegen jene vom Leder, die ihm vor der Sonne stehen könnten. Als er zusammen mit Lionel Messi bei Barcelona spielte, fragte ihn ein Reporter, wie wichtig Trainer Pep Guardiola für das Team sei.

Die Antwort des Schweden war so knapp wie klar: «Diesen Philosophen braucht hier keiner, der Zwerg und ich genügen vollkommen.» Dass er im gleichen Satz, in dem er Guardiola diskreditiert, auch noch auf Messis Körpergrösse anspielt, erschloss sich nur denen, die genau zuhörten.

Ob Zlatan Ibrahimović in diesem Sommer in Frankreich seinen ersten bedeutenden internationalen Titel holt, darf bezweifelt werden. Dass er uns weiterhin literarisch und menschlich inspiriert, steht dagegen ausser Frage.

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